Stand: 08.11.2019 19:10 Uhr

NDR Kultur Sachbuchpreis: Verlag zieht nominiertes Buch zurück

Am Donnerstag haben wir verkündet, welche drei Titel auf der diesjährigen Shortlist für den NDR Kultur Sachbuchpreis stehen: Erstens Frank Bösch mit "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann", zweitens Robert Macfarlane mit "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde" - und drittens Cornelia Koppetsch mit "Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter". Gegen dieses letztgenannte Buch gibt es einen Plagiatsverdacht, der am Freitag bekannt geworden ist. Daraufhin hat der Verlag das Buch vom NDR Kultur Sachbuchpreis zurückgezogen. Hintergründe dazu von Stephanie Pieper, die bei NDR Kultur die Redaktion Kulturelles Wort leitet.

Was sind das genau für Vorwürfe - und wie sind sie bekanntgeworden?

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Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Redaktion Kulturelles Wort.

Stephanie Pieper: Cornelia Koppetsch wird vorgeworfen, in "Die Gesellschaft des Zorns" mehrere Passagen und Formulierungen aus den Schriften anderer Wissenschaftler übernommen zu haben, ohne diese Passagen als Zitate kenntlich zu machen. Insbesondere aus dem Werk ihres Soziologen-Kollegen Andreas Reckwitz soll sie bestimmte Teile verwendet haben - und zwar vor allem aus seinem Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten". Aber auch auf die Schriften anderer Autoren, soll sich Koppetsch - die Professorin in Darmstadt ist - teils wortwörtlich bezogen haben, ohne dies klar zu kennzeichnen. So jedenfalls der Vorwurf. Öffentlich geworden wiederum ist dieser Verdacht auf ziemlich spektakuläre Weise: nämlich während der Verleihung des Bayerischen Buchpreises am Donnerstagabend in München. Gleich zu Beginn der Veranstaltung erklärte die Jury-Vorsitzende Sandra Kegel von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Jury ziehe die Nominierung von "Die Gesellschaft des Zorns" in der Kategorie Sachbuch zurück. Das war schon ein ziemlicher Paukenschlag. Aber im gegenwärtigen Schwebezustand, so formulierte es Kegel, sei kein Urteil der Jury möglich - wobei sie auch ausdrücklich sagte, dass diese Rücknahme des Buchs noch kein abschließendes Urteil sei.

Gibt es denn eine Stellungnahme von Cornelia Koppetsch selbst oder vom transcript Verlag, in dem das Buch erschienen ist, zu diesen Vorwürfen?

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Pieper: Koppetsch selbst hat sich gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geäußert - und hat "handwerkliche Fehler" eingeräumt, für die sie sich auch entschuldigt. Der "FAZ" zufolge besteht sie aber auf der Eigenständigkeit ihrer Arbeit. Wir haben Cornelia Koppetsch natürlich auch um eine Stellungnahme gebeten - in Form eines Interviews oder auch schriftlich. Sie hat uns am frühen Abend signalisiert, dass sie eine wissenschaftliche Stellungnahme habe, die aber erst in journalistische Sprache übersetzt werden müsse - ohne zunächst weitere Details zu nennen. Der transcript Verlag allerdings hat uns eine Stellungnahme zukommen lassen, die er nach eigener Aussage mit Koppetsch abgestimmt hat: Auch darin räumen der Verlag und Koppetsch ein, dass das Buch "einige Textübernahmen enthält, die als Zitat hätten gekennzeichnet werden müssen". Man sei gegenwärtig dabei, die gegen das Werk erhobenen Vorwürfe eingehend zu prüfen und etwaige Beanstandungen im Rahmen einer anstehenden Neuauflage auszuräumen. Der Verlag zeigte sich indes auch "befremdet" darüber, dass und in welcher Weise bei der Buchpreis-Verleihung Donnerstagabend in München eine öffentliche Vorverurteilung erfolgt sei - und wie "skrupellos" man mit einer Autorin umgehe, deren Werk noch vor wenigen Wochen wegen seines Inhalts und seiner neuen Sichtweisen gelobt und für preiswürdig befunden wurde. In der Tat ist das Buch in etlichen Rezensionen in namhaften Medien hochgelobt worden - und es stand im Juli auf gleich Sachbuch-Bestenlisten auf Platz 1.

Hat sich denn Andreas Reckwitz, auf dessen Werk Koppetsch insbesondere zurückgegriffen haben soll, zu diesem Fall geäußert?

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Pieper: Wir haben auch ihn kontaktiert, Reckwitz lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Er hat uns aber um Verständnis dafür gebeten, dass er sich zu dieser Angelegenheit gegenwärtig nicht äußern möchte.

Und wie geht NDR Kultur mit diesem Plagiatsverdacht um gegen ein Buch, das zunächst auf der Shortlist für den Sachbuchpreis gelandet war?

Pieper: In der Tat hat uns das in der Redaktion an diesem Tag beschäftigt, wie wir auf diesen Plagiatsverdacht, auf diese Vorwürfe reagieren: Wir sind in die Recherche eingestiegen, haben Stellungnahmen der Beteiligten erbeten, haben bestimmte Passagen der Bücher von Koppetsch und Reckwitz miteinander verglichen. Am Nachmittag hat dann aber eben der transcript Verlag selbst reagiert - und "Die Gesellschaft des Zorns" von sich aus zurückgezogen vom NDR Kultur Sachbuchpreis. Das Buch von Cornelia Koppetsch steht also nicht mehr auf der Shortlist. Somit sind für die Auszeichnung, die mit 15.000 Euro dotiert ist, nur noch zwei Titel nominiert: zum einen "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann" von Frank Bösch und "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde" von Robert Macfarlane, einem Briten. Den Siegertitel wird NDR Kultur in der kommenden Woche bekanntgeben.

Das Gespräch führte Jan Wiedemann

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 08.11.2019 | 16:40 Uhr

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