Archivmaterial: Das World Trade Center steht in Flammen.

NDR-Dokumentation blickt aus deutscher Perspektive auf 9/11

Stand: 10.09.2021 17:16 Uhr

Die NDR-Dokumentation "Deutschland 9/11", die heute Abend im Ersten und ab sofort in der ARD Mediathek zu sehen ist, blickt aus deutscher Perspektive auf die Terroranschläge des 11. September. Ein Gespräch mit Daniel Remsperger, einem der Autoren des Films.

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Herr Remsperger, erinnern Sie sich, wo Sie am 11. September 2001 waren?

Florian Remsperger: Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war tagsüber in Berlin-Adlershof bei der Aufzeichnung einer Studioproduktion und merkte dann, dass sich immer mehr Leute um den Fernseher versammelt hatten. Ich hatte das erst gar nicht mitbekommen, sah dann zusammen mit vielen Arbeitskollegen die Live-Berichterstattung aus den USA und konnte, wie viele andere, gar nicht begreifen, was da passierte. Am gleichen Abend hatte ich noch Karten für ein Konzert von Radiohead in Berlin und dachte, dass das nicht stattfinden würde. Ich war auch nicht so recht in Stimmung, bin aber trotzdem hingefahren. Von der Bühne gab es dann apokalyptische Aussagen von dem Sänger Thom Yorke, dass bald der Dritte Weltkrieg beginnt. Und so stand man da im Regen, bei dieser traurigen Musik, an einem komplett fassungslos machenden Tag, und wusste nicht, wie es weitergeht.

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Lara Bothe (*11.9.1998) verlor am 11. September 2001 ihren Vater, der sich an Bord eines der Flugzeuge befand, die in die Türme des World Trade Centers flogen. © NDR/rbb/ARD/DOKfilm

Deutschland 9/11

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Sie lassen in Ihrem Film jede Menge andere Zeitzeugen mit ihren jeweils sehr subjektiven Eindrücken zu Wort kommen. Wer sind diese Menschen?

Remsperger: Wir haben mit unterschiedlichen Menschen gesprochen. Da sind Ermittler, die in Hamburg der Spur der Attentäter nachgehen. Wir haben mit Spitzenpolitikern der damaligen Zeit gesprochen, mit Otto Schily und mit Joschka Fischer. Wir haben mit Zeitzeuginnen wie Else Buschheuer gesprochen, die damals live aus New York gebloggt hat. Aber vor allem haben wir haben mit Familie Bothe gesprochen. Der Mann von Katja Bothe saß in einem der entführten Flugzeuge. Katja Bothe und ihre Tochter wollten eigentlich an diesem Tag den dritten Geburtstag von Lara feiern - das nahm dann natürlich eine furchtbare Wendung. Wir haben ein sehr vertrauensvolles und tiefgehendes Gespräch mit den beiden geführt. Es gab auch Vorgespräche vor den Dreharbeiten, um sich so ein bisschen anzunähern. Das ist der Kern des Films, dass uns die beiden sehr offen, ehrlich und schonungslos in ihre Seelen schauen lassen.

Was hat dieses Ereignis in Deutschland verändert?

Remsperger: Auf jeden Fall hat es die Sicherheitsarchitektur nachhaltig verändert. Es wird in unserem Film mehrfach deutlich geäußert, dass man davon kalt erwischt wurde, dass man keine richtige Spur hatte, keine Ahnung, was da auf einen zukam. Es gab teilweise auch Hinweise auf islamistische Strukturen, jedoch wurden diese Hinweise nicht zu einem ganzen Bild zusammengeführt. Im Zuge der Ermittlungen, die 9/11 nach sich zog, gab es zum Beispiel die Rasterfahndung. Das wurde als Instrument wieder eingesetzt, was mit erheblichem Druck nicht nur für die betroffenen Personen, die da ins Raster fielen, verbunden war, sondern auch mit Druck auf die Ermittler, die auch sehr offen und ehrlich über ihre Arbeit in unserem Film sprechen. Sie sagen, dass sie so einen Druck, etwas zu übersehen, in ihrer ganzen Karriere zuvor nicht gespürt hatten. Das war ein unglaublicher Druck, dass man genau hinschaut und etwas in der Größenordnung von einem zweiten 9/11 vermeidet.

Gesellschaftlich war schon eine kleine Disruption zu verzeichnen: dass Misstrauen in der Gesellschaft gesät wurde, dass die Leute ihre Nachbarn verdächtigt haben und skeptisch wurden. Die Zeit der alten Bundesrepublik, die sich in so einer Selbstgewissheit sonnt, ist an dem Tag zu Ende gegangen. Oder zumindest hat diese Selbstgewissheit eine empfindliche Störung erfahren.

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Die heißeste Spur führte nach Hamburg, wo die Attentäter herkamen. Inwiefern hat das wie ein Brennglas gewirkt?

Remsperger: Das war für die damaligen Entscheider ein wichtiger Punkt, dass man vermeiden wollte, dass Deutschland in den Verruf kommt, an den Attentaten wissend beteiligt gewesen zu sein. Dass man ein Wissen ausschließt, hier etwas übersehen zu haben. Otto Schily und Joschka Fischer haben in unserem Film immer wieder betont, dass es nie Vorwürfe von der amerikanischen Seite gab. Das ist in der Nachbetrachtung auffällig, man mag sich das heute und in den vergangenen Jahren unter Trump nicht vorstellen, was da vielleicht losgewesen wäre. Aber auf jeden Fall hat das einen erheblichen Druck ausgelöst, sich dem Wunsch der Amerikaner nicht zu entziehen, im Zuge des NATO-Bündnisfalls mit nach Afghanistan zu gehen. Das war keine Frage, dass man da außen vor bleibt. Und Hamburg hat da als Keimzelle bestimmt eine wichtige Rolle gespielt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Eine Rauchwolke schwebt über New York, nachdem zwei gekidnappte Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. © zz/Henry Lamb/STAR MAX/IPx

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.09.2021 | 18:00 Uhr