Andreas Beitin, Direktor und Kurator des Kunstmuseums Wolfsburg, steht in der Ausstellung "OIL. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters". © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

Museumsdirektor Beitin zur Erdöl-Ausstellung in Wolfsburg

Stand: 03.09.2021 17:50 Uhr

Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet sich dem Stoff, aus dem einst Träume kamen, die sich inzwischen längst entzaubert haben: "Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters" heißt die lang geplante Ausstellung. Ein Gespräch mit dem Direktor des Kunstmuseums Andreas Beitin.

Andreas Beitin, Direktor und Kurator des Kunstmuseums Wolfsburg, steht in der Ausstellung "OIL. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters". © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata
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Herr Beitin, bereits 2019 sollte die Ausstellung als Jubiläumsschau zu "25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg" gezeigt werden. Der damalige Direktor Ralf Beil hat das Haus im Dezember 2018 verlassen, und es wurde viel darüber spekuliert, dass sein Weggang mit der Ausstellung in Verbindung stehen könnte. Haben Sie beim Konzept noch einmal ganz neu überlegt?

Andreas Beitin: Nein. Die Idee zur Ausstellung kommt ja von zwei externen Kuratoren, Alexander Klose und Benjamin Steininger, die sich schon seit vielen Jahren mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Als es diesen Direktorenwechsel gab, habe ich mich von Anfang an dafür begeistert eingesetzt, dass wir die Schau weiter vorbereiten und umsetzen. Es gab durch den Wechsel und durch die Pandemie zwei Verschiebungen, aber die Schau basiert auf dem Ursprungskonzept der beiden Kuratoren, das wir in den letzten zweieinhalb Jahren gemeinsam ausgearbeitet haben.

Nun ist der Name Wolfsburg mit dem Autokonzern VW eng verbandelt. Das Kunstmuseum wird von der Kunststiftung Volkswagen getragen. Sind Sie da frei und ungebunden, oder müssen sie sich schon nach Vorgaben von VW richten?

Beitin: Nein, absolut nicht. Das kann ich immer wieder betonen, dass wir in den letzten zweieinhalb Jahren vollkommen frei von jeglichem Einfluss arbeiten konnten. Außerdem geht die Ausstellung viel weiter als das, was man immer meint, was damit zu tun hat. Natürlich ist Mobilität eine zentrale Geschichte, die mit Öl und seinen Derivaten zu tun hat, aber wir erzählen eine viel größere, viel komplexere Geschichte, nämlich die gesamte Geschichte der Erdöl-Moderne des 20. und 21. Jahrhunderts. Es geht auch um kulturelle und politische Dinge, die mit dem Öl zusammenhängen. Es gibt den Einfluss des Ölgeldes auf das Militär - aber auch viele Kunstsammlungen verdanken sich dem Ölgeld: Getty oder Rockefeller haben riesengroße Sammlungen aufgebaut, und auch diese Verwebungen zeigen wir in dieser Ausstellung. Ich kann nur immer wieder betonen, dass wir von keiner Seite in irgendeiner Form beeinflusst worden sind.

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Das sind 100 Jahre Erdölgeschichte, die in dieser Ausstellung beleuchtet werden. Was hat sich Ihrer Meinung nach in diesen 100 Jahren markant verändert?

Beitin: Im Grunde genommen hat die Kunst die Erdöl-Moderne von Anfang an begleitet. Sie ist nur immer kritischer geworden. Man hat bekanntermaßen in einem der wichtigsten Manifeste des 20. Jahrhunderts das Aufheulen eines Motors schöner empfunden als die Nike von Samothrake. Es ist schon spannend zu sehen, wie vielfältig die ganzen Aspekte in unser aller Leben hineinwirken und wie sehr sich die Kunst und die Kultur damit auseinander gesetzt haben.

Mit Öl wurde vieles möglich gemacht: von der Nylonstrumpfhose über Flugzeuge bis hin zum Kunststoff. Öl steht als Metapher für viele Lebensweisen, für Visionen. Wie interpretieren Sie das "schwarze Gold"?

Beitin: Wir zeigen einen ganzen Bogen, angefangen in einem sogenannten Kabinett der Ambivalenz, wo wir als Prolog den Besucherinnen und Besuchern zeigen, wie vielfältig die Verbindung mit Öl ist. Wir haben einen 180 Millionen Jahre alten Saurier, der zwischen Wolfsburg und Braunschweig ausgegraben worden ist, um zu zeigen, woraus Öl eigentlich besteht. Denn Öl besteht aus Biomasse: Es ist größtenteils Pflanzenmasse, aber auch tierische Masse, und das ist der Stoff, aus dem Öl im Laufe der Millionen Jahre entstanden ist.

Es gibt auch einen wunderbaren Ölspiegel-Raum, um mit der Materialität als solches konfrontiert zu werden. Da gibt es dementsprechend auch eine geruchliche Komponente.

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher bei Ihnen in Wolfsburg? Wie werden Sie das Öl ausstellen?

Beitin: Wir haben eine wunderbare Architektur, die wie eine Archäologie wirkt. Denn die Grundkonzeption der Ausstellung sieht so aus, dass wir einen fiktiven Blick aus einer möglichen Zukunft auf die heutige Zeit, auf die Zeit der Petromoderne werfen. Wenn man aus den oberen Geschossen auf die Ausstellungshalle hinunterschaut, sieht es aus wie eine archäologische Ausgrabungsstätte. Zugleich wirken aber die diagonal in die Halle gestellten Wände wie ein Erdschichten-System, durch das man sich als Besucherin und Besucher durcharbeiten kann. Insofern gibt es eine große Vielfalt zu entdecken.

Es gibt auch einige Kunstwerke, die extra für unsere Ausstellung entstanden sind, die wir in Auftrag gegeben haben: eine große Installation im Eingangsfoyer, die sich aus schwarzen Plastikbändern über das ganze Foyer erstreckt. Wir haben eine wunderbare Lichtskulptur, bei der das Licht durch einen Stromgenerator generiert wird, der wiederum Benzin verbraucht. Öl ist ja möglich geworden durch das Entstehen von Biomasse, die wiederum das Sonnenlicht brauchte. Insofern schließt sich da der Kreis: Licht wird in Öl umgesetzt, Öl in Benzin, Benzin in Strom und Strom in Licht. Es gibt also wunderbare Begegnungen, und die Vielfalt der Ausstellung ist sehr faszinierend.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 03.09.2021 | 18:00 Uhr