Stand: 25.09.2020 17:20 Uhr

Museum Varusschlacht präsentiert außergewöhnlichen Fund

von Birgit Schütte

In Kalkriese im Osnabrücker Land haben Archäologen einen weltweit einmaligen Fund gemacht: Ein fast vollständig erhaltener römischer Legionärspanzer wurde entdeckt. Heute wurde der Fund im Museum Kalkriese zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier werde Geschichte nicht nur ausgegraben, sondern geschrieben, sagte der niedersächsische Kultusminister Thümler.

Modell eines Legionärs mit dem Schienenpanzer © NDR Foto: Birgit Schütte

AUDIO: Museum Varusschlacht präsentiert außergewöhnlichen Fund (3 Min)

Der untere Teil des Schienenpanzers, der noch im Erdblock steckt. Die Platten sind ineinandergefaltet © NDR Foto: Birgit Schütte
Auf diesem Bild steckt der untere Teil des Schienenpanzers noch im Erdblock.

Die Geschichte des Fundes begann schon vor zwei Jahren: Damals fanden Archäologen im Boden ein sehr großes Metallobjekt. Es wurde entschieden, es in einem großen Erdblock zu bergen. Verpackt in einer Holzkiste wurde der Block nach Fürth geschickt, ins Fraunhofer Institut. Denn nur dort gibt es ein überdimensionales Röntgengerät. Für die Kalkrieser Archäologen kam nun der spannendste Moment: "Wir haben es gar nicht gewagt zu träumen", sagt der Chefarchäologe des Museums Varusschlacht Stefan Burmeister: "Es war ein Erstaunen! Dass das etwas Komplexes war, das sah man ja schon bei der Grabung. Aber der Hammer ist ja wirklich diese Komplexität, diese Kleinteiligkeit, die sich durch den CT-Scan in ihrer Gesamtheit zu erkennen gibt. Wo man plötzlich sagt: Donnerwetter - das ist wirklich etwas sehr Bedeutendes, was es so noch nicht gegeben hat."

Kalkriese macht einen weltweit bedeutenden Fund

Weltweit einmalig, urteilen die Archäologen. Denn bislang gab es nur zwei englische Funde von halben Schienenpanzern. Das sei bisher der Fixstern gewesen, wenn man etwas über Schienenpanzer wissen wollte, sagt Burmeister. Der neue Fund aus Kalkriese erlaubt den Wissenschafltern ganz neue Einblick in die römische Rüstungstechnik. Mittlerweile haben Restauratoren die Hälfte des Schienenpanzers bearbeitet.

Der Schienenpanzer ist anders konstruiert als angenommen

Restauratorin Rebekka Kuiter bei der Arbeit © NDR Foto: Birgit Schütte
Hier legt die Restauratorin Rebekka Kuiter den Schienenpanzer in mühsamer Feinarbeit frei.

In Feinarbeit wurden Scharniere, Schnallen, Bronzebeschläge und Eisenplatten aus einem dicken rostigen Belag herausgeschält. Und es zeigt sich, dass dieser römische Schutzpanzer keine Schulterklappen hatte, wie man sie von vielen Darstellungen kennt, sondern es liegen lediglich ein breiter Metallkragen um den Hals und Metallplatten um Brust und Bauch.

"Man kennt Asterix und die römischen Legionäre als Comic Figuren und denkt, man weiß alles über die Römer, weil sie sehr viel aufgeschrieben haben", sagt Stefan Burmeister. "Wir haben hier einen archäologischen Beweis über etwas, das wir bislang nur aus Schriftquellen kennen, aber ohne die Details, wie so etwas konstruiert war - das hat die Römer damals nicht interessiert. Wir können hier jetzt sehr detailliert sehen, wie das konstruiert war und uns auch eine Vorstellung davon machen, wie es für die Soldaten in so einer Schutzausrüstung war, die ja eher wie eine schusssichere Weste der modernen Polizei funktioniert hat."

War der Träger ein Kriegsgefangener?

Platte eines Schienenpanzers aus dem Block gelöst, aber noch unrestauriert © NDR Foto: Birgit Schütte
Diese Platte des Schienenpanzers ist noch unrestauriert.

Klar ist für die Wissenschaftler, dass der Schienenpanzer aus den beiden Jahrzehnten nach Christi Geburt stammt. 9 nach Christus war die Varusschlacht. Als Beweis, dass diese Schlacht in Kalkriese stattgefunden habe, könne man den neuen Fund nicht werten, so die Fachleute vom Museum. Allerdings birgt der Fund noch ein weiteres interessantes Detail, das eine persönliche Geschichte erzählt: Der Träger des Schienenpanzers war nämlich gefesselt. Um den Hals trug er einen Eisenring, außerdem Handschellen. So könnten die Germanen einen römischen Legionär nach der Schlacht erniedrigt haben. Denn sie fesselten ihn mit den typisch römischen Methoden für Kriegsgefangene.

Museumsdirektorin Heidrun Derks sagt dazu: "Über die Umstände des Todes kann man natürlich auch noch trefflich spekulieren und das werden wir in den nächsten Wochen auch lebhaft tun. Weil wir uns natürlich erhoffen, dass wir aus der Analyse des Schienenpanzers, des Umfeldes und Bodens vielleicht doch auch noch Rückschlüsse darauf gewinnen können, was sich da in dieser Grubenkante vor über 2.000 Jahren ereignet hat." Ob das jemals geklärt werden kann? Der neue Fund birgt noch einige Geheimnisse.

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Museum Kalkriese © Christoph Püschner/VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH Foto: Christoph Püschner

Museum und Park Kalkriese

Informationen zu den Ausgrabungen und zu laufenden Ausstellungen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.09.2020 | 17:20 Uhr