Stand: 22.07.2019 15:21 Uhr

Movimentos 2019: Auftakt in Wolfsburg

von Frauke-Ragna Lipprandt

In ausverkaufter neuer Spielstätte sind die Movimentos 2019 in Wolfsburg eröffnet worden. Die São Paulo Dance Company hat sich besonders mit ihrem Rhythmusgefühl, ihrer Geschmeidigkeit und ihrer positiven Lebenseinstellung in die Herzen der Zuschauer getanzt. Die Uraufführung von "Trick, Cell, Play" war aber harte Tanzschule auf abstrakter, metaphysischer Ebene.

Hafen 1: Die neue Spielstätte der Movimentos

Im Hintergrund sitzen die Musiker, dezent beleuchtet und live auf der Bühne spielend. Vor ihnen viele Lichtkreiskegel, die immer wieder unterschiedlich aufleuchten und blitzen mit zuckenden Tänzern darin. Jeder auf seiner Insel, einer Zelle gleich, den ganzen Kosmos beinhaltend - das Desaster des individuellen Seins vor dem Hintergrund seiner entrinnenden Kulturschätze.

Fliegende Arme, wiederholtes zwanghaftes Kratzen - die Tänzer zeigen Sekundengestik im Hochgeschwindigkeitstempo. Scheinbar ergeben sich Verbindungen als sie in einem Lichtkreis zusammenkommen, doch entweder stechen sie sich gegenseitig aus oder fuchteln in einer unglaublich präzisen Armarbeit um sich und den anderen ein Korsett der eigenen Zwänge und Verzweiflung.

"Trick, Cell, Play": Zwischen Verstörung und Faszination

Das Publikum ist gleichermaßen verstört als auch fasziniert. "Ich mag diese Bewegungen gar nicht. Diese hektischen Bewegungen, schnelle Bewegungen der Arme, der Hände, fast krampfig", sagt ein Zuschauer. "Es hat eine Mischung aus allem. Sie haben sowohl Tänzerinnen auf Stöckelschuhen, als auch in Spitzenschuhen eingesetzt", sagt Jürgen Wilke, ein Tanzexperte. "Tänzerisch sehr gut, aber für mich hat sich kein Handlungsfaden erstellt", ergänzt eine Frau.

Das Stück stammt vom kanadischen Choreographen Édouard Lock. "Die Bewegung macht es komplexer, den Körper zu verstehen. Ich mag die Idee, Körperformen nicht zu verstehen - im Sinne von: 'Was war das denn gerade?'", erklärt Lock die gewollte Verwirrung seines Stückes. "Bei dieser Komplexität von Bewegungen kann man die Form erspüren, gleichzeitig verliert man sie aber wieder und das finde ich interessant."

Auf Komplexität folgt Geschmeidigkeit

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Zwischen den Stücken können die Besucher auf der Freiterrasse ein Getränk und die Aussicht auf das Hafenbecken der Autostadt genießen.

Nach einer 15-minütigen Pause, in der das Publikum besonders die Freiterrasse am Hafenbecken mit Blick auf Trauerweide und altem Kraftwerk genießt - geht es mit dem Stück "Gnawa" von Nacho Duato weiter. Die Company zeigt sich nun von einer völlig anderen Seite. Besonders ein Duett strotzt vor geschmeidigen Bewegungen nur so, zieht das Publikum in seinen Bann und versöhnt es dadurch wieder.

Der künstlerische Leiter der Movimentos, Bernd Kauffmann, beschreibt das Stück als Referenz an die Gnawa, eine afrikanische Sufi-Bruderschaft. Es sei wie eine Spurensicherung tradierter Rituale, die zu verschwinden drohten.

Lebensgefühl von "Agora" im Kontrast zu "Trick, Cell, Play"

Aus Afrika springt die São Paulo Dance Company in ihre brasilianische Heimat. Im Stück "Agora" von Cassi Abranches sind leichtfüßige und lachende Tänzer zu sehen. Am Ende bewegen sich die Tänzer wie tickende Uhrzeiger - das ausgehende Licht stoppt sie nacheinander. Begeisterter Applaus. Die Frage bleibt, ob den meisten bewusst war, dass der Anfang mit Édouard Lock eine unabdingbare Notwendigkeit für das Lebensgefühl von "Agora" war. 

Weitere Informationen

Movimentos: Fünf Tanzkompanien in neuer Spielstätte

19.07.2019 20:00 Uhr
Autostadt - "Hafen 1"

Fünf international renommierte Tanzkompanien treten bei Movimentos in Wolfsburg auf. Erstmals findet das Tanzfestival nicht in den Hallen des Volkswagen-Kraftwerks statt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.07.2019 | 07:20 Uhr

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