Stand: 11.11.2019 16:12 Uhr

Raubgut: "Ich wünsche mir eine größere Offenheit"

Welche Vorstellungen haben wir von Afrika? Wie denken wir über den Kontinent? Welche Geschichten beeinflussen und prägen unsere Haltung? Fragen, die auch wichtig werden in der Diskussion über Kunst aus Afrika, Kunst aus sogenannten kolonialen Kontexten. Wie sollen diese Objekte ausgestellt werden? Wo? Und ob überhaupt? Eine Debatte, die an Fahrt aufgenommen hat, spätestens seitdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2017 angekündigt hat, geraubte Kunstwerke aus der Kolonialzeit an die Herkunftsländer zurückgeben zu wollen. Der Journalist und Autor Moritz Holfelder beschäftigt sich mit diesen komplexen Fragen in seinem neuen Buch "Unser Raubgut".

Herr Holfelder, die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr wurden seinerzeit von Macron beauftragt, die Möglichkeiten von Restitutionen aus französischen Museen auszuloten. Herausgekommen ist ein Bericht und eine kompromisslose Antwort: zurückgeben! Das wiederum gestaltet sich ja nicht so leicht, wie es klingt. Woran liegt das?

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Moritz Holfelder wünscht sich, "dass das ganze koloniale Raubgut, das bei uns ist, zurückgegeben wird".

Moritz Holfelder: In Frankreich liegt es daran, dass Emmanuel Macron zwar zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident sehr offensiv und forsch vorgeprescht ist und solche Vorschläge gemacht hat - und dann hat ihn das politische Alltagsgeschäft eingeholt. Er hat inzwischen mit vielen anderen Problemen zu kämpfen. Er ist vielleicht ein bisschen unbedarft und naiv am Anfang gewesen und ist jetzt ein bisschen zurückgerudert. Die Restitution - habe ich das Gefühl - ist in Frankreich inzwischen hinten heruntergefallen, auch weil viele Museumsdirektoren oder -direktorinnen, hauptsächlich der Mann, der das Ethnologische Museum in Paris leitet, die Sachen teilweise gar nicht zurückgeben wollen. Die waren gar nicht einer Meinung mit dem Präsidenten, und so ist das Thema ein bisschen versackt. Ich hoffe, dass es nicht total versackt wie in den 80er-Jahren schon einmal - da gab es diese ganze Debatte ja bereits. Damals ist es langsam über ein paar Jahre hinweg versandet.

Frankreich - das ist ein Fall für sich. Man sucht ja insgesamt nach Wegen. Einer davon heißt: "Zirkulation". Savoy und Sarr, auch Macron, scheinen der Meinung zu sein, Zirkulation setze das Problem nur fort. Wie müsste man sich das konkret vorstellen? Was meinen Sie dazu?

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Holfelder: Das Problem bei Zirkulation ist: von welchem Punkt aus? Zirkulieren wir jetzt Sachen, die in unserem Besitz sind? Das geht ja überhaupt nicht, dass man etwas raubt und dann sagt: Jetzt lassen wir es ein bisschen zirkulieren. Die Position muss sein: zuerst zurückgeben - und dann kann man sich eventuell mit den Ländern, den Clans oder den Privatpersonen darauf einigen, diese Sachen in Zukunft zirkulieren zu lassen. Aber das sollte man dann auch auf Kunstwerke, die uns gehören, ausweiten. Man sollte dann auch Expressionisten oder deutsche Künstler zirkulieren lassen. Warum nur die Sachen, die ursprünglich aus Afrika stammen? Das Zirkulieren ist im Prinzip keine schlechte Idee, aber dann muss man das als ein gesamtes Weltkulturerbe sehen, welches zirkuliert, und darf das nicht beschränken auf die Sachen, die man ehedem in Afrika entwendet hat.

Gerade hat in Dakar ein Kongress stattgefunden. Da ist von neuem "kulturellem Selbstbewusstsein" die Rede. Dafür wollte man in Dakar werben. Spüren Sie diesen Wandel? Tritt man von afrikanischer Seite selbstbewusster auf, sodass der Dialog auf Augenhöhe geführt wird?

Holfelder: Man tritt selbstbewusster auf - das ist auch sehr zu begrüßen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es von unserer Seite aus noch nicht so richtig auf Augenhöhe passiert. Ich bin gespannt, was sich da in den nächsten Jahren tut. Da ist schon einiges angestoßen. Das zukünftige Humboldt Forum in Berlin zum Beispiel, das ja bereits hätte eröffnet sein sollen, wenn es nicht die Bauverzögerungen gegeben hätte, hat jetzt erst einen Senegalesen eingestellt, der sich in Zukunft um die Fragen des postkolonialen Erbes und so weiter kümmern soll. Der als Programmverantwortlicher dann genau diese Fragen stellen soll: Wie gehen wir damit um? Welche Rolle sollen in Zukunft die Europäer spielen? Man ist sehr verspätet in diesen ganzen Sachen. Ich finde, man müsste viel schneller, viel aufgeschlossener, viel offener, auch viel offensiver sein.

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"Unser Raubgut. Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte" ist im Ch. Links Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

In Ihrem Buch widmen Sie sich auch dem Humboldt Forum. Die Universität Hamburg veranstaltet in diesem Wintersemester dazu eine eigene Vorlesungsreihe. Über das Humboldt Forum wird viel geredet, viel geschrieben; eigentlich sollte es inzwischen schon eröffnet sein. Jetzt darf man auf das nächste Jahr hoffen. Ursprünglich war es als Vorzeigeobjekt für Weltoffenheit gedacht. Unter welchem Etikett könnte es 2020 eröffnet werden?

Holfelder: Das neue Etikett klingt ein bisschen nach Teileröffnung. Wir werden 2020 gar nicht das ganze Humboldt Forum in Augenschein nehmen können, sondern es wird ein kleiner Teil eröffnet. Und ein Vierteljahr später vielleicht der nächste Teil - das kann sich bis 2022 ziehen, bis dieses Haus in der Gesamtheit eröffnet ist. Ich finde das schade. Den Leuten, die das Humboldt Forum seit Jahren vorbereiten, planen und auch dafür verantwortlich sind, kommt das nicht ungelegen, weil durch diese Teileröffnung der Druck ein bisschen herausgenommen wird. Vielleicht ist es auch nicht schlecht. Aber dieses große Vorzeigeobjekt, Weltoffenheit, Dialog der Weltkulturen, das sehe ich im Moment nicht.

Sie machen in Ihrem Buch konkrete Vorschläge zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit. Sieben Punkte zählen Sie auf. Was wäre der wichtigste Punkt aus Ihrer Sicht?

Holfelder: Der wichtigste Punkt wäre, dass alle Museumsdirektorinnen und -direktoren, alle Kulturverantwortlichen in Deutschland, die damit zu tun haben, sagen, dass das ganze koloniale Raubgut, das bei uns ist, zurückgegeben wird - Punkt. Und dann sprechen wir darüber. Zweiter wichtiger Punkt ist, dass man sich öffnet, dass man Sammlungen transparent macht. Aber im Prinzip wünsche ich mir eine größere Offenheit, auch gegenüber Afrika, dass man sagt: "Wir interessieren uns für euch; bitte kommt." Aber das passiert bisher nicht.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Moritz Holfelder © Moritz Holfelder

Raubgut: "Ich wünsche mir eine größere Offenheit"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Wie sollten wir mit Kunst aus kolonialen Kontexten umgehen? Der Journalist und Autor Moritz Holfelder wünscht sich, "dass das ganze koloniale Raubgut, das bei uns ist, zurückgegeben wird".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.11.2019 | 19:00 Uhr

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