Stand: 15.12.2017 16:40 Uhr

"Moby Dick": Wilde Wogen und raue Seemänner

von Kerstin Düring

Auf den Bühnen des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters geht es im Dezember nicht nur weihnachtlich zu, sondern ab Sonnabend auch ziemlich maritim. Gespielt wird "Moby Dick", das Abenteuerdrama um Kapitän Ahab und den weißen Wal. Ein Besuch bei den Proben.

Schriftsteller trifft auf eigene Romanfigur

Schäumende Wogen und raue Seemänner? Fehlanzeige! Zumindest am Anfang. Der junge Mann auf der Bühne, stilsicher in Hemd und Hornbrille, entpuppt sich als der New Yorker Schriftsteller Herman Melville. Ebenjener Melville, der vor über 150 Jahren ein Stück Weltliteratur schuf: den Roman "Moby Dick". Und dieser Schriftsteller trifft auf sein eigene Romanfigur: den Erzähler Ishmael.

"Die Geschichte der "Pequod", das ist die Geschichte von zwei Männern: Von Käpt’n Ahab und seinem ersten Steuermann: Mr. Starbuck", erzählt Ishmael. Der Vorhang geht auf - und da sind sie nun, die bärtigen Seemänner. Ein bisschen jung und unverbraucht, aber gesanglich echte Matrosen, die "Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren" intonieren.

Bühnenstück bewegt sich nah am Roman

Ishmael ist der einzige Überlebende des fiktiven Walfängers, und seiner abscheulichen Irrfahrt. Durch die Untiefen der Meere und der menschliche Seele, einzig getrieben von der blinden Rachsucht des Kapitäns Ahab.

"Es war dieser verfluchte weiße Wal, der aus mir bis ans Ende meiner Tage einen erbärmlichen, humpelnden Krüppel gemacht hat. Aye, es war Moby Dick!" Kapitän Ahab in "Moby Dick"

Was sich Regisseur und Autor André Rößler ausgedacht hat, bewegt sich nah am Roman, sehr nah, und fühlt sich doch ganz anders an. Der fremdartige Kannibale Queequeq aus dem Buch zum Beispiel wird auf der Bühne zum Facebook-Hacker und DJ in Jogginghose. Und als Ishmael auf dem Walfänger anheuert, wird er von zwei gelangweilten Damen an Tablets im Behördenjargon verhört.

"Ich bin alleinerziehend, ich bin schwanger, ich benötige aus medizinischen Gründen eine kostenaufwendige Ernährung..." - "Nein, nein, nein ..." Szene aus "Moby Dick"

Akuteller Ansatz ist dem Regisseur wichtig

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Ahab stellt seine Interessen über das Wohl seiner Mannschaft. Auch in der heutigen Zeit gebe es solche Menschen, meint Regisseur André Rösler.

Diese modernen Einlagen sind gewöhnungsbedürftig, treten aber bald zugunsten der Handlung in den Hintergrund. Ein aktueller Ansatz ist dem Regisseur wichtig, auch in einem ganz anderen, gesellschaftskritischen Verständnis. "Kapitän Ahab stellt sein persönliches Interesse sehr über das Wohl des Gemeinwohls, sprich über das Wohl seiner Mannschaft, weil er einen persönlichen Rachefeldzug über einen weißen Wal anführen möchte", sagt Regisseur André Rösler. "Und wenn man darüber redet, dass ein Mensch sein persönliches Interesse über das des Gemeinwohls stellt, dann fallen mir in der jetzigen Zeit schon einige Beispiele ein."

Eine vor Ideen sprühende Inszenierung

Gier, Machtmissbrauch und Maßlosigkeit

Es geht um Machtmissbrauch und Maßlosigkeit, aber auch um Gier und die leichte Verführbarkeit der Mannschaft, die sich von der Aussicht auf ein paar goldene Dublonen ins Verderben reißen lässt. Mehr Stoff zum Nachdenken bieten die Arbeiten des Videokünstlers Elmar Szücs, die mal auf einem weißen Segel, mal auf einem Tüllvorhang zu sehen sind: Plastikmüll im Walbauch etwa, rauchende Industrieschlote und Kraftwerke neben Solar- und Windanlagen. Nicht immer wird der Zusammenhang fürs Publikum sofort deutlich, aber auch das gehört durchaus zum Konzept des Regisseurs. Es sei darum gegangen etwas beim Zuschauer "anzutriggern", erklärt André Rösler. "Da wo der Text uns eine Schablone gegeben hat, etwas neuzeitlich zu lesen und im Video den ein oder anderen Impuls zu setzen".

Viel Interaktion mit Zuschauerrängen

Spaß macht die Interaktion mit den Zuschauerrängen: Mal bespielen die Darsteller das Parkett, mal den 1. Rang. Geheimnisvolle weiße Wesen klettern mit meterlangen Stoffbahnen über die Stuhlreihen, Plastikfolie schütz sie vor Wasserschlachten und nachdem die Mannschaft ihren ersten Wal geschlachtet hat, teilt sie auch Speis und Trank mit den Zuschauern. So viel ist sicher: Die Inszenierung sprüht vor ungewöhnlichen Ideen - und riskiert dabei manchmal, das Publikum zu überfordern.

"Moby Dick": Wilde Wogen und raue Seemänner

Am Sonnabend hat "Moby Dick" in Rendsburg Premiere. Das Drama um Kapitän Ahab und den weißen Wal hat das Stadttheater in einer vor Ideen sprühenden Inszenierung auf die Bühne gebracht.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Stadttheater Rendsburg
Hans-Heinrich-Beisenkötter-Platz 1
24768   Rendsburg
E-Mail:
kasse.rendsburg[at]sh-landestheater.de
Preis:
30,10 bis 11,00 Euro
Kartenverkauf:
Theaterkasse: Tel.: 04331/23447
Hinweis:
Inszenierung: André Rößler
Ausstattung: Simone Steinhorst
Video: Elmar Szücs
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 15.12.2017 | 20:05 Uhr

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