Andreas Kossert © Tobias Hein Foto: Tobias Hein

"Mir war es wichtig zu zeigen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein"

Stand: 20.11.2020 17:58 Uhr

Andreas Kossert erhält für sein Werk "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" den NDR Kultur Sachbuchpreis. Der Berliner Historiker beleuchtet darin die Fluchterfahrungen von Menschen in der Weltgeschichte.

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Herr Kossert, was hat Sie angetrieben hat, diese vielen Jahre zu investieren, um die Geschichte von Flucht und Vertreibung als Menschheitsgeschichte zu erzählen?

Andreas Kossert: Ich habe mich Jahrzehnte mit den Flüchtlingen, den Vertriebenen aus Mittel- und Osteuropa beschäftigt - sowohl mit den Herkunftsregionen, aus denen sie stammten, aber auch mit ihrem Schicksal: Was ist aus ihnen nach 1945 geworden - die kalte Heimat, die Ankunft im Westen. In den letzten Jahren habe ich immer mehr gemerkt, dass Flüchtlinge überall auf der Welt ähnliche Erfahrungen gemacht haben, aber eventuell von Ostpreußen und Schlesien nie etwas gehört haben. Mir war es wichtig, die Perspektive zu wechseln und zu zeigen, was es bedeutet, Flüchtling oder Vertriebener zu sein und diese Perspektive konsequent in diesem Buch durchzuerzählen. Mir erschien es immer wieder so, dass es sehr viele kluge Bücher über Flucht, Flüchtlinge und Fluchtursachen gibt, aber die Menschen verkümmern darin manchmal zu Statistiken. Aber was sind die Geschichten der Millionen Menschen hinter diesen Statistiken?

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Es gibt einen Zweiklang, der Ihre Erzählung prägt: Flucht ist eine zutiefst individuelle Erfahrung - das wird in vielen Zeugnissen, die Sie zitieren, berührend greifbar. Zugleich hat diese Erfahrung aber etwas so Universelles an sich, dass die Zeugnisse oft nicht kundtun, wann und wo sie entstanden sind. Was verbindet all die Schicksale?

Kossert: Ich habe mein Buch ganz bewusst aus einer erfahrungsgeschichtlichen Perspektive geschrieben und in vier Hauptkapitel gegliedert: Weggehen, Ankommen, Weiterleben und Erinnern. Am Ende stelle ich die Frage: Wann ist man angekommen? Das sind Fragen, die alle Flüchtlinge und Vertriebenen - historisch und aktuell - verstehen, und das verbindet sie miteinander. Es ist dieser erzwungene Aufbruch von Zuhause, Krieg und Gewalt, die Umstände, Hunger, Erschöpfung, die Ungewissheit des Weges. Was erwartet mich? Und wenn ich ankomme - wie geht es weiter? Es verbindet sie vielleicht auch die Erfahrung, in einem Lager oder Transitzentrum zu sein, oder nicht willkommen zu sein, was durchaus die dominierende Erfahrung ist. Und dann die Frage, wie es weiter geht an einem Ort, an dem man eigentlich gar nicht sein wollte. Wann ist man angekommen? Und was bedeutet die Erinnerung an den Verlust?

Sie sehen Flüchtlinge und Vertriebene nicht ausschließlich als Opfer, sondern als Menschen, denen trotz allem, was über sie kommt, gewisse Handlungs- und Entscheidungsspielräume bleiben. Warum ist das so bedeutsam?

Kossert: Es gibt so viele vermeintliche Wahrheiten über Flucht und Flüchtlinge, die aber letztendlich aus der Perspektive von sesshaften Mehrheitsgesellschaften geschrieben wurden. Wenn man Flüchtlinge auch zu Subjekten der Geschichte macht, zu Akteuren, zeigt man auch, wie sie Gesellschaften verändern. Das ist am Beispiel der deutschen Gesellschaft ganz offensichtlich, wenn wir überlegen, wie viele Millionen Biografien in diesem Land mit dem Thema Flucht, Vertreibung und Heimatverlust verbunden sind. Das ist etwas, was wir zum Teil gar nicht mehr in dieser Größenordnung auf dem Schirm haben, aber es ist trotz allem auch kollektive Familienerinnerung in diesem Land.

Die Aktualität der letzten Jahre steht in Ihrem Buch nicht im Zentrum, bleibt aber auch nicht außen vor. Sie kritisieren Metaphern wie "Flüchtlingswelle" oder "Flüchtlingsflut" - weil es in Wahrheit andersherum sei, als diese Bilder nahelegen: Die Flüchtlinge selbst verlieren die Bodenhaftung. Das Wort "Flüchtlingskrise" halten sie für manipulativ und diskreditiert, weil seit Jahrhunderten eine Flüchtlingskrise die nächste ablöst. Sie halten dennoch daran fest, von Flüchtlingen zu sprechen, nicht etwa von Geflüchteten, und Sie begründen das auch. Warum fällt solche Differenzierung in den Debatten, die wir aktuell führen, oft so schwer?

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Das Cover von Andreas Kosserts "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" © Siedler

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Kossert: Ich glaube, dass es sich lohnt, immer wieder genau hinzuschauen. Wenn ich mir als Historiker in einer historischen Verortung dieses Themas historische Fluchterfahrungen anschaue, dann kann ich nicht so leichtfertig den Begriff Geflüchtete verwenden, weil ich finde, dass Flucht durchaus auch weitergehen kann. Das ist nicht mit dem physischen Ankommen an einem Ort beendet - das lehrt uns die historische Erfahrung. Wir sehen selbst, dass ein Dreivierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch die richtige Verortung der Erinnerung von Flucht und Vertreibung in Deutschland durchaus Kontroversen auslösen kann. Das zeigt, dass sich Themen nicht erledigen, nur weil wir es quasi wegdefinieren wollen. Ich habe überhaupt nichts gegen den Begriff Geflüchtete - wenn das jemand verwendet, ist es für mich überhaupt kein Streitwert. Aber das, was Flüchtlinge letztendlich an Erfahrungen begleitet, endet nicht mit der Flucht. Das hat zum Teil auch Auswirkungen auf die folgenden Generationen, auf Kinder oder Enkelkinder. Und manche Flüchtlinge bleiben zeitlebens in einem Exil.

Sie zitieren immer wieder auch aus der schönen Literatur, aus Lyrik und Belletristik, und das hat eine sehr starke Wirkung. Warum diese Entscheidung, sich nicht zu beschränken auf die typischeren historischen Quellen, sondern solche Zeugnisse mit einzubeziehen?

Kossert: Ich habe mich immer als Grenzgänger zwischen den Disziplinen verstanden, und Flucht und Heimatverlust waren und sind ganz große Themen der Weltliteratur. Für mich war diese literarische Überlieferung, auch für das Schreiben des Buches, ganz besonders gewinnbringend. Viele Autorinnen und Autoren, die darüber geschrieben haben, verfügen selbst über biografische Erfahrungen und verarbeiten über die Literatur letztendlich auch das eigene Erlebte. Ich fand es immer wieder spannend, wie die Literatur auch ein Türöffner ist, wie ein Seismograf für diese leisen Zwischentöne, die ich als Historiker empirisch nicht beweisen kann. Was bedeutet zum Beispiel Heimweh oder der Abschied von Zuhause? Diesen dramatischen Punkt, die Heimat zu verlassen, hat man natürlich nicht im Foto festgehalten. Ich finde, dass Literatur wie eine globale Klammer ist, die in allen Lesekulturen in der Welt verstanden wird. Deshalb bin ich sehr dankbar, diese Quellen ganz bewusst mit einsetzen zu können.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Das Gespräch | 24.11.2020 | 19:00 Uhr