Stand: 31.03.2020 18:10 Uhr  - NDR Kultur

"Bolsonaros Kampf gegen die indigenen Stämme"

Milo Rau gehört fraglos zu den spannendsten und meist diskutierten Theater- und Filmemachern dieser Zeit. Er schaut dahin, wo es wehtut, wo andere den Blick abwenden. Kunst und Aktivismus gehen bei ihm zumeist Hand in Hand. Genauso wie Fakt und Fiktion. Für sein aktuelles Projekt "Antigone im Amazonas" reiste der Schweizer nach Brasilien und strandete dort zeitweise - wegen Corona.

Sie sind nach Ihrer Reise in ein verändertes Europa zurückgekehrt. Wie geht es Ihnen damit?

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Milo Rau studierte Romanistik, Germanistik und Soziologie, unter anderem bei Pierre Bourdieu, einem der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts.

Milo Rau: Ganz gut. Es sah eine Zeit lang so aus, als könnte ich gar nicht mehr zurück, weil es keine Flüge mehr gab, weil Kontinente sich auch begannen, voneinander abzulösen - zum ersten Mal seit 500 Jahren. Es gab dann aber nach einigen Tagen Quarantäne in São Paulo doch noch Flüge und so bin ich wieder da. Einerseits bin ich überrascht, wie gut das alles hier funktioniert, dieser ganze Lockdown und wie es andererseits auf die Leute wirkt. Auf mich wirkt es gerade sehr gut. So viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen ist ungewöhnlich bei all den Reisen.

Für Ihr Projekt "Antigone im Amazonas" haben Sie die antike Tragödie von Sophokles nach Brasilien verlegt, mit professionellen Schauspieler*innen zusammengearbeitet, aber auch und vor allem mit Indigenen und Aktivist*innen aus dem Land. Worum geht es bei dem Projekt?

Rau: "Antigone" ist ja eigentlich eines der ältesten, interessantesten Stücke der europäischen Tragödientradition. Da steht Antigone, die für das traditionale Recht steht, die ihren Bruder begraben will, gegen Kreon, den aufgeklärten Herrscher, der mit Staatsräson diese Göttergesetze übertreten will. Und weil das einer ist, der sich gegen den Staat aufgelehnt hat, ihn nicht begraben will. Und da sieht man diese aufgeklärte Macht von Kreon scheitern an Antigone und in den Wahnsinn stürzen. Diese Geschichte wollte ich an der Grenze inszenieren, wo die kapitalistische Zivilisation auf die alte Tradition trifft, die von dieser Zivilisation noch nicht berührt ist, nämlich im Amazonas, wo es tatsächlich Völker gibt, die noch keinen Kontakt zur kapitalistischen Zivilisation hatten, die nicht im System sind. Ich wollte es mit den Menschen inszenieren, die diesen Kampf kennen. Aktuell wird gerade der Amazonas für Eisenbergwerke abgeholzt, für Staudämme, dort wurde Aluminium entdeckt. Simpel heruntergebrochen: Der Kampf von Bolsonaro, dem Agrobusiness, gegen die indigenen Stämme, gegen die Landlosen. Deshalb habe ich es auch mit diesen Menschen inszeniert, gemischt mit Schauspielern aus Brasilien und Europa. Damit haben wir letzten November angefangen und haben im März weitergemacht bis zu dem Zeitpunkt, wo es wegen Corona nicht mehr möglich war.

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Wie weit sind Sie mit dem Projekt gekommen?

Rau: Wir sind bis zu dem Zeitpunkt gekommen, wo wir anfangen wollten zu proben und zu drehen. Es soll nachher auch ein Film daraus entstehen. Da mussten wir mittendrin abbrechen, in Absprache mit unserem Haupt-Koproduzenten: Das ist die Landlosenbewegung, 2 Millionen Familien, die dafür da sind, illegale Grundstücke von Großkonzernen zu besetzen und da Leute ohne Land anzusiedeln. Da waren Aktivisten aus ganz Brasilien versammelt. Das mussten wir aus Sicherheitsgründen für alle Beteiligten abbrechen.

Wie haben Sie den Umgang der Indigenen mit Corona wahrgenommen?

Rau: Wir kamen aus Europa an, bevor es in Europa so richtig losgegangen war. Ich habe das aus der Ferne beobachtet, wie all diese Einschränkungen und dann fast der Lockdown in Europa stattfand. Mein Theater in Belgien, das ich leite, wurde geschlossen. Ich habe das mit den Leuten dort diskutiert und die haben gesagt, diese Krankheit kommt nicht in den Amazonas. Und dann haben wir gesagt, wir müssen jetzt in Quarantäne gehen. Wir müssen die Leute schützen. Weil es gibt eine ganz große Gefahr: nämlich die Immunschwäche. Diese Völker sind wegen des spärlichen Kontakts mit der Zivilisation viele Krankheiten nicht gewohnt. Ein Ausbruch in dieser Peripherie der Globalisierung, insbesondere im Amazonas, ist besonders gefährlich. Das ist ganz was anderes als bei uns. Da gibt es kein Gesundheitssystem. Deshalb haben wir fast übertrieben reagiert, sind in Quarantäne gegangen und haben beschlossen das Projekt abzubrechen, bevor es einen Fall gibt.

Als ob die Bedrohung durch das Virus nicht schon genug wäre, ist da noch das ultrarechte Staatsoberhaupt Bolsonaro, der gerade wieder jeden Tag aufs Neue von sich Reden macht: mit Corona-verharmlosenden Kommentaren, mit Kampagnen und Aktionen, die den Schutzmaßnahmen widersprechen. Wie beobachten Sie die Entwicklung im Land?

Rau: Mich hat das sehr erstaunt, wie Bolsonaro reagiert hat - im ersten Moment. Seine übliche Irrationalität, dass er das nicht ernst nimmt, den starken Mann spielt, dieses "nichts kann ihm etwas anhaben, alle anderen sind Schwächlinge", das habe ich nicht anders erwartet. Dann gab es aber ganz große Opposition gegen seine Politik. Vor allem in den großen Städten im Süden. Sein Regime beginnt aktuell fast zu wanken und er bleibt doch teilweise bei dieser Strategie. Man kann es nur in zwei Weisen verstehen: Einerseits, dass er wirklich ein komplett irrationale Irrer ist und dass das Militär sich von ihm trennen wird und es eine Militärdiktatur gibt; oder andererseits, dass es wirklich eine Strategie ist, die Ausbreitung dieser Krankheit unumkehrbar zu machen, bevor man überhaupt etwas unternimmt. Dafür spricht zum Beispiel der Fakt, dass die Organisation in Bolsonaros Regierung, die für die indigenen Völker zuständig ist - das sogenannte FUNAI, dazu aufgerufen hat, zu diesen Völkern Kontakt aufzunehmen, um sie über Corona aufzuklären - was real heißt, dass sie angesteckt werden sollen. Was genau dahinter steht, ist sehr unklar.

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Alle Kulturschaffenden versuchen gerade einen kreativen Umgang mit der Krise zu finden; Theaterstücke werden ohne Publikum aufgeführt und online gestreamt. Haben Sie Ideen entwickelt, wie es weitergehen könnte, wenn die Pandemie noch länger andauern sollte? Auch in Bezug auf Ihr Projekt "Antigone im Amazonas"?

Rau: "Antigone im Amazonas" ist verschoben auf November. Ich bin ein Anhänger des Präsenz-Theaters. Ich habe wenige Dinge digital gemacht. Ich habe immer das Gefühl gehabt, reale Solidarität findet in realen Räumen, im realen Austausch statt. Nicht, dass jemand etwas sendet, ein anderer empfängt und guckt das wie im Fernsehen, sondern dass etwas mit einem anwesenden Publikum entwickelt wird. Das ist aktuell nicht möglich. Wie sehr Theater im virtuellen Raum funktionieren kann, weiß ich nicht. Da gibt es Sachen, die wirklich für die Kamera gemacht sind, die funktionieren. Einfach nur Aufzeichnungen funktionieren wenig.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Milo Rau © picture alliance / AP Photo Foto: Urs Flueeler

"Bolsonaros Kampf gegen die indigenen Stämme"

NDR Kultur - Journal -

Der Regisseur Milo Rau über sein Projekt "Antigone im Amazonas" in Brasilien, einem Theaterprojekt mit Indigenen und Aktivist*innen, das er wegen der Corona-Pandemie abbrechen musste.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.03.2020 | 19:00 Uhr

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