Stand: 30.05.2018 18:40 Uhr

Eine neue Heimat für Eugen Gomringers Gedicht

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Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas" an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule in Berlin.

Im oberfränkischen Rehau mit seinen gut 9.000 Einwohnern soll am 2. Juni, mitten in der Stadt, das Gedicht großformatig an einer Fassade enthüllt werden, das seit Monaten für Diskussionen sorgt: "Avenidas" von Eugen Gomringer. Nach der Verleihung des Alice-Salomon-Poetik-Preises 2011 an den "Erfinder der Konkreten Poesie" wurde es in Berlin-Hellersdorf auf die Fassade der gleichnamigen Hochschule aufgetragen. Jahrelang stand es dort, bis es Studentinnen der Hochschule vor einigen Monaten "sexistisch" vorkam. Darüber entbrannte bundesweit ein heftiger Streit, der mit dem Beschluss des akademischen Senats der Hochschule endete: Im Herbst 2018 kommt das Gedicht weg. Für die Hauptstadt springt nun also Rehau in die Bresche. Der Oberbürgermeister Michael Abraham freut sich darauf, "das Gedicht der Öffentlichkeit zu übergeben".

Herr Abraham, warum holen Sie das umstrittene Gedicht nach Rehau?

Michael Abraham: Es ist letztendlich naheliegend: Eugen Gomringer lebt seit vielen Jahrzehnten in unserer Region, wohnt seit 2000 in der Stadt Rehau, ist hier der Initiator des Kunsthauses Rehau mit dem Gedichtraum "poema", in dem auch das "Avenidas"-Gedicht hängt. Deswegen haben wir kurzerhand auf seinem Geburtstag am 20. Januar besprochen, was zu tun wäre, und dann kam uns bei dieser Gelegenheit die Idee, dieses Gedicht nach Rehau zu holen. Wir haben das noch im Januar im Stadtrat behandelt und haben den Beschluss einstimmig gefasst. Jetzt ist es soweit, dass das Gedicht der Öffentlichkeit übergeben wird.

Wie kam es, dass Sie im Stadtrat zu einer ganz anderen Einschätzung dieses Gedichts gekommen sind als die Studierenden an der Alice-Salomon-Hochschule, und letztendlich auch der akademische Senat?

Abraham: Wir sind in Rehau schon seit längerem mit dem Werk Gomringers konfrontiert, und es gibt auch schon ein Gedicht von ihm, das im öffentlichen Raum an einer Hausfassade steht. Von daher hatten wir überhaupt keine Berührungsängste mit diesem Werk und konnten sowieso in Gänze, und auch der Stadtrat unserer Stadt, diese Vorwürfe, die diesem Gedicht und damit auch Gomringer gemacht wurden, überhaupt nicht nachvollziehen. Deswegen ist da letztendlich auch keine Angst, dass wir diesen Schritt gehen, sondern im Gegenteil: Wir sind sehr stolz darauf, dass Eugen Gomringer bei uns in Rehau lebt und wirkt. Deswegen war es einfach die logische Konsequenz, diesem Gedicht in Rehau eine neue Heimat zu geben.

Eugen Gomringer ist einer Ihrer berühmtesten Mitbewohner in Rehau. Seit 1976 wohnt er dort, 2000 hat er dort das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie gegründet. Mussten Sie ihn trotzdem fragen, ob er damit einverstanden ist?

Abraham: Das gebietet ja der Anstand, dass man den Verfasser eines Gedichtes vorher befragt. Er hat sich da aber auch nicht lange bitten lassen - das ist ja auch für ihn eine schöne Gelegenheit, eines seiner Werke an prominenter Stelle in der Innenstadt zu platzieren. Wir haben natürlich vorher gefragt, ob er damit einverstanden ist, weil gegen seinen Willen hätte ich dem Stadtrat diesen Vorschlag nicht unterbreitet.

Nun soll zu dem Gedicht auch eine Tafel installiert werden, die den Streit thematisiert. Wie wird die aussehen?

Abraham: Wir machen das kurz und knapp: Wir werden für diejenigen, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind, eine Übersetzung dieses Gedichts anbieten, sodass jeder letztendlich seine eigene Interpretation tätigen kann. Und dann werden wir natürlich die Geschichte erzählen, warum das Gedicht in Rehau gelandet ist. Und da wird die Berliner Entscheidung auf dieser Tafel eine Rolle spielen.

Sie haben Ihren berühmten Mitbürger Eugen Gomringer 1997 mit dem Kultur-preis der Stadt Rehau gewürdigt, 2008 wurde er mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet - und nun zeichnen Sie ihn zudem mit dem Kulturpreis des Landkreises Hof aus. Wie viel "jetzt erst recht" steckt auch dahinter?

Abraham: Der Kunstpreis des Landkreises Hof würdigt unserer Meinung nach das Lebenswerk Gomringers und steht nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Gedichtenthüllung. Aber es ist natürlich schon so, dass Gomringer durch diese Diskussionen landauf, landab an Popularität gewonnen hat. Und dann passt es jetzt eigentlich ganz gut dazu, dass er diesen Kunstpreis des Landkreises Hof ebenfalls in Empfang nimmt.

Wie viel kommt Ihnen diese zunehmende Popularität für Ihr Stadtmarketing zugute?

Abraham: Das kann man so noch nicht wirklich abschätzen. Das Kunsthaus mit dem Institut für Konkrete Kunst und Poesie, das Archiv Gomringer, der "poema"-Gedichtraum, unser Skulpturengarten usw. - diese ganzen Einrichtungen rücken einmal mehr ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Wir haben in unserem Kunsthaus in Rehau sehr viele auswärtige Besucher und hoffen, dass es gerade für diese Kultureinrichtung in unserer Stadt einen positiven Effekt hat. Die Stadt Rehau profitiert dann sicherlich davon, keine Frage. Es gibt wenige Tourismussparten, die attraktiver sind als Kulturtourismus, weil man damit auch Leute in seine Stadt bringt, die das als Multiplikatoren weitertragen. Von daher erhoffe ich mir schon, dass diese Diskussion um die Tatsache, dass wir dieses Gedicht jetzt in Rehau anbringen, einen durchweg guten Spirit für unsere Stadt hinterlässt.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.05.2018 | 19:00 Uhr

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