Stand: 12.06.2018 17:27 Uhr

"Ghetto" trifft einen Nerv

von Peter Helling

Ab 19. Juni wird Hamburg wieder zum Zentrum der privaten Theaterszene: Bei den siebten Privattheatertagen werden zwölf Stücke aus ganz Deutschland auf den verschiedenen Bühnen der Stadt gezeigt. Drei reisende Jurys haben sich monatelang in der Theaterrepublik umgesehen und eine packende Auswahl getroffen. Eröffnet wird das Festival mit einem ganz besonderen Stück: "Ghetto" von Joshua Sobol, das Peter Zadek 1984 zu einem Bühnen-Welterfolg gemacht hat. Unter der Leitung des Intendanten und Regisseurs Meinhard Zanger stammt die Inszenierung diesmal vom Wolfgang Borchert Theater in Münster.

Meinhard Zanger schlürft seinen Milchkaffee und schiebt sich das schulterlange Haar aus der Stirn. Gerade kommt er vom Bahnhof Dammtor, kurz vorher hatte er noch in Münster Shakespeares "Sturm" geprobt. "Und zwar open air im Hafenbecken. Wir haben ja mit unserem Theater einen Quantensprung vollzogen", erklärt Zanger. "Wir haben ein neues Theater bekommen, weil wir immer so gut ausgelastet sind."

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Schauspieler, Regisseur und Intendant Meinhard Zanger ist mit seinem siebten Stück bei den Privattheatertagen dabei.

Auf die Erfolgsgeschichte seines Hauses ist er sichtlich stolz. Die Privattheatertage in Hamburg sind für ihn vertrautes Terrain. "Eigentlich haben wir schon fast eine Dauerkarte gelöst", freut sich Zanger, "wir sind mit dem siebten Stück dabei. Und dann haben sich natürlich auch die Schauspieler gefreut, dass sie zur Eröffnung spielen werden."

Scheinbar sehnen sich die Menschen nach politischen Stoffen

Zanger ist nicht nur Intendant und Regisseur, sondern auch Schauspieler. "Wie heißt das so schön: Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust", sagt er, "und ich freue mich natürlich total, dass 'Ghetto' eingeladen ist. Ist ja logisch, ist ja eine Inszenierung von mir."

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"Ghetto" von Joshua Sobol: Ein Stück, das dem Grauen des jüdischen Ghettos von Wilna ein Gesicht gibt, einen Klang. "Und interessanterweise rennen die Leute da rein", sagt Zanger. Jede Vorstellung sei ausverkauft. Scheinbar sehnten sich die Menschen nach politischen Stoffen. Die Reaktionen danach? "Schockiert, betroffen, berührt", so Zanger. "Es gab Vorstellungen, wo die Zuschauer lange Zeit nicht geklatscht haben, wo der Vorhang fiel und es war dunkel und still. Und wir lassen das auch zu."

Das Stück über den dunkelsten Teil der deutschen Vergangenheit trifft einen Nerv. In einer Zeit, wo hierzulande das öffentliche Tragen der jüdischen Kipa wieder Mut erfordert. "Das ist ja letztlich der Grund, warum wir das in den Spielplan genommen haben", erklärt Zanger. "Weil wir feststellen, dass in Europa die Demokratien bröckeln. Und "Ghetto" ist, wenn man so will, die Spitze des Eisberges, wohin das führen kann."

Heute ist er nach Hamburg gekommen, um zu überprüfen, wie die Bühne aus Münster in das Altonaer Theater passt: "Unser Bühnenbild ist ein bisschen breiter, wir werden auf jeder Seite 50 cm wegnehmen."

Bei diesem Stück darf auch gelacht werden

Eine Besonderheit der Inszenierung freut Zanger besonders. "Es macht ein Kinderchor vom Gymnasium Paulinum mit, die sind ganz begeistert, dass sie nach Hamburg kommen. Wir haben ihnen das Stück erklärt, wir haben gesagt, wer der Gute ist, wer der Böse. Und die spielen das mit Herzblut."

Auch eine Puppe spiele eine wichtige Rolle, erklärt Zanger. "Und diese Puppe, die ist dann halt so frech, die sagt an einer Stelle: Man kann euch Deutschen vertrauen, schließlich habt ihr uns Stalingrad genommen und wieder zurückgegeben."

Ja, bei diesem Stück dürfe also auch gelacht werden, unterstreicht Meinhard Zanger: "Die Leute trauen sich nicht, weil es so ein ernstes Thema ist, aber der jüdische Humor spielt da eine ganz große Rolle." Und der sei es, der dem Zynismus der Nazis etwas entgegen setzen könne.

"Wir können der Gesellschaft nicht die Arbeit abnehmen"

Das Wolfgang Borchert Theater gibt es seit 1956. Damit ist es eines der ältesten Privattheater Deutschlands. Schon früh hat es sperrige Stücke von Camus und Sartre gezeigt. Zanger, der seit 2006 Intendant ist, knüpft an diese Tradition an. "Wir können nicht als Theater der Gesellschaft die Arbeit abnehmen, gewisse Probleme zu überwinden", sagt Zanger. "Aber wir können Spiegel vorhalten, wir können zeigen, dass es andere Sichten auf die Dinge gibt, als der Mainstream es uns darstellt."

Sein 17-köpfiges Ensemble, das werde hier in Hamburg alles geben, verspricht Regisseur Meinhard Zanger: "Ich hoffe, dass das hier in Hamburg auch sehr gut aufgenommen wird, und dass es wirklich am Schluss vielleicht erst mal still ist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Treffpunkt Hamburg | 12.06.2018 | 20:00 Uhr

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