Leere Sitze in einem Theater © imago

Mein leerer Kultur-Kalender - und was er mit mir macht

Stand: 26.03.2021 15:08 Uhr

Menschen, die sich für Kultur interessieren, sitzen derzeit vor leeren Kalendern. Was macht das mit uns? Was genau fehlt uns da eigentlich? Warum ist die Kultur fast ein Grundnahrungsmittel?

Die roten Sitze in einem Kino- oder Theatersaal. © Photocase Foto: kallejipp
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von Maria Ossowski

"Kommt, Ihr Töchter, helft mir klagen." Zum zweiten Mal beginnt eine Karwoche, in der wir dieses wohl größte Werk der Musikgeschichte nicht dort hören dürfen, wo es seine Heimat hat, nämlich in der Kirche. Es erklingt auch nicht im heute populäreren Konzertsaal. Nur einsam oder im kleinsten Kreis zu Haus können wir der Passion Jesu nach den Worten Matthäi folgen. Wir sind wieder einmal zur Konserve verurteilt, zum Stream, zur aseptischen Teilhabe an einem existentiellen Erlebnis, das Johann Sebastian Bach für die Gemeinschaft, die Gemeinde, erdacht und erschaffen hat. Die Matthäuspassion berührt unsere ewigen Fragen: Warum leben wir? Warum müssen wir sterben? Das Gesamtkunstwerk gibt keine Antwort. Das tut große Kunst nie, und genau deshalb hilft sie uns bei der Suche.

Kultur hat keinen Platz in der Pandemie

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Eine leere Theaterbühne wartet auf Künstlerinnen und Künstler © IMAGO / Wilhelm Mierendorf Foto:  Wilhelm Mierendorf

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Seit über einem Jahr sind wir mit dieser Suche allein. Unsere Kulturkalender sind leer. Kultur hat keinen Platz in der Pandemie. In den Debatten zum Lockdown lese und höre ich häufig das Argument, ausgefallene Konzerte, Theatervorstellungen, Opernabende oder Lesungen seien angesichts der Gesundheitsbedrohungen das Luxusproblem einer kleinen Elite. Ein Freizeitvergnügen. So wird eine ganze Branche, deren Bruttowertschöpfung die zweitgrößte ist nach derjenigen der Autoindustrie, komplett entwertet. Die Kultur und alle, die von und mit ihr leben, die sie brauchen und, ja, auch genießen, scheinen mit ihren Bedürfnissen nichts wert. Das hat das Corona-Management deutlich gezeigt. Allen Steuermilliarden der Kulturstaatsministerin zum Trotz, die den Neustart irgendwann ankurbeln sollen. Allen Bemühungen der engagierten Kulturverbände zum Trotz, deren Mahnungen und deren Flehen die Politik kaum erhört. Vor allem den mannigfaltigen Studien zum Trotz, die bewiesen haben, wie gering die Ansteckungsgefahr bei Kulturveranstaltungen ist, wenn die Hygienekonzepte umgesetzt sind. Diese Gleichgültigkeit verletzt, sie wiegt schwer. Für jede Einzelne und jeden Einzelnen, aber auch gesamtgesellschaftlich.

So kann man in unserem Land Schrauben produzieren oder Würstchen, Kettenradgarnituren oder synthetischen Kautschuk, alle Fabriken und Produktionsstätten blieben und bleiben immer geöffnet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort fühlen sich, wenngleich vom Virus ebenso bedroht, dennoch gebraucht. Für Musikerinnen und Schauspieler, für Autorinnen auf Lesereise und Tänzer, für Sänger, Galeristinnen und DJs galt und gilt das Berufsverbot. Diese pauschale Entwertung eines ganzen Berufsstandes, ohne zu differenzieren, ohne zu berücksichtigen, wie präzise die Hygienemaßnahmen in vielen Institutionen längst umgesetzt sind, sie ist einer Kulturnation absolut unwürdig.

Die Kultur gibt der Realität eine neue Wertigkeit

Für uns Einzelne, die wir abends an geschlossenen Theatern und dunklen Kinos vorbeilaufen, an leeren Opern und Varietés, waren Besuche dort kein Eskapismus, keine Ablenkung vom Alltag. Sie sind auch nicht, wie es immer wieder heißt, systemrelevant. Es geschieht mit uns etwas viel Wichtigeres. Mit der "Zauberflöte", auch der hundertsten, trete ich plötzlich ein in ein Paralleluniversum und blicke von dort auf den Alltag. "In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht...": Sarastros Arie strahlt auch noch 230 Jahre nach Mozarts Tod. "Und an dem Ufer stand ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend..." - mit diesem Seufzer der Iphigenie hat Goethe den Kern der menschlichen Sehnsucht nach Kultur getroffen. Die Kultur gibt der Realität eine neue Wertigkeit, die Perspektive auf das Profane ändert sich. Der Nietzsche-Gedanke schwebt über allem: "Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen."

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Zudem verbindet uns das gemeinsame Erlebnis, etwas, das ein Stream nie leisten kann. Theater, Konzerte, Kinoabende, sie erweitern nicht nur den Rilke’schen "Weltinnenraum". Sie bilden den Resonanzboden für Diskurse, für das Erkennen dessen, wieder mit Goethe formuliert, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Ein Theaterabend endet nicht mit Applaus und dem letzten Vorhang. Nach einer Aufführung der "Iphigenie", inszeniert von Hans Neuenfels am damaligen Berliner Schillertheater, (ich war noch Studentin), habe ich die ganze Nacht mit einer Kommilitonin über die Inszenierung und die Kunst der Elisabeth Trissenaar als Iphigenie diskutiert. Diese Nacht trägt unsere Freundschaft bis heute.

Futter für die Seele

Tobias Kratzers "Tannhäuser" in Bayreuth, seine Kamera-Flüge zur Ouvertüre über die Wälder zur Wartburg, der inszenierte Polizeieinsatz auf dem Grünen Hügel: Nie zuvor hatte ich geahnt, wie witzig Wagner wirken kann. Befreit haben wir alle gelacht im Glutofen Festspielhaus und in den Pausen beim Kneippbaden mit Fremden diskutiert. All dies ist Teil des Dialogischen, das jeden Konzertabend, jedes Kabarett, jeden Ausstellungsbesuch begleiten sollte und seit über einem Jahr nicht mehr begleiten darf. "Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen", dieses Credo Richard Wagners hing bei den letzten Festspielen als Fahne vom Balkon. Ein Menetekel? Bei den ausgefallenen Festspielen im vergangenen Jahr pilgerten die Unverdrossenen dennoch zum Hügel, picknickten mit Blick auf das Haus und ließen Erinnerungen Raum.

Aber nicht nur die Hochkultur, auch die Pop-Up-Opern in kleinen Sälen mit bunt zusammen gewürfelten Ensembles, die Retrospektiven in den Programmkinos, Auftritte der Rhythmus Boys von Ulrich Tukur im Tipizelt, all das hat mein Seelchen wunderbar gefüttert. Die Kultur hat manche Unbill leichter ertragen lassen, sie hat unterhalten, getröstet, befragt, gebildet, erstaunt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.03.2021 | 13:00 Uhr