Stand: 22.07.2020 14:26 Uhr

Mein Lieblingsstück: Das Ölgemälde "Im Dom zu Lübeck"

von Helgard Füchsel

Museumsmitarbeiter haben oft einen anderen Blick auf die Werke im Museum als die Besucher. Schließlich sehen sie die Bilder oder anderen Kunstobjekte täglich. Wir haben Mitarbeiter in verschiedenen Museen nach Lieblingsstücken gefragt. Beispielsweise die Kuratorin Anna Heinze aus dem Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg.

Die Kunsthistorikerin und Kuratorin im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Anna Heinze, steht im Prinzenpalais vor dem Ölgemälde "Im Dom zu Lübeck" von Gotthardt Kuehl. © NDR Foto: Helgard Füchsael
Die gebürtige Lübeckerin Anna Heinze verweilt gerne vor ihrem Lieblingsbild, dem Ölgemälde "Im Dom zu Lübeck" von Gotthardt Kuehl.

Die Kunsthistorikerin Anna Heinze hatte vor fast vier Jahren ihren ersten Arbeitstag im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg. Damals ist sie erst einmal durch alle Räume in den verschiedenen Häusern des Museums gegangen und hat sich alle Gemälde genau angesehen. Ein Bild des deutschen Impressionisten Gotthardt Kuehl ist ihr sofort aufgefallen. Eine Innenansicht des Lübecker Doms. Schließlich kommt die Kuratorin selbst aus Lübeck.

"Ich war total überrascht", berichtet sie. "Ich kannte den Künstler, weil der natürlich auch in Lübeck im dortigen Museum, im Behnhaus, ziemlich gut vertreten ist. Und dann ein Bild von ihm hier in Oldenburg im Museum zu sehen, hat mich natürlich überrascht, aber auch sehr gefreut. Wenn ich daran vorbeikomme, bleibe ich meistens ein paar Sekunden stehen, gucke einmal drauf und bin dann kurz wieder in Lübeck."

Das Gemälde wirkt auf den zweiten Blick

Zu sehen ist ein Detail des Ölgemäldes "Im Dom zu Lübeck" von Gotthardt Kuehl: Das auf den ersten Blick menschenleere Bild des zeigt eine Innenansicht des Lübecker Doms, der gerade von der Kirchengemeinde betreten wird. © NDR Foto: Helgard Füchsael
In dem auf den ersten Blick menschenleeren Bild kann man die Kirchengemeinde entdecken, die gerade den Lübecker Dom betritt.

Das großformatige Gemälde lässt den Betrachter in ein Seitenschiff des Doms blicken - ein gotisches Kirchengewölbe mit hohen Säulen in überwiegend kühlen Farben, abgesehen vom rötlichen Fußboden. Von links scheint gelblich-grünes Licht in den Kirchenraum. Der Blick schweift den Gang entlang in die Ferne zu einem hellen Fenster: Wie aus einem dunklen Nebel, der sich gerade verzieht, erscheint darunter eine Menschenmenge.

"Das sehen die meisten überhaupt nicht, dass auf diesem Bild, was im ersten Augenblick menschenleer wirkt, gerade eine Riesen-Gemeinde zum Gottesdienst einzieht. Also fast eine schwarze Masse. Nur erkennbar durch einige helle Punkte, die die Gesichter markieren. Die kommt einem da entgegen", schwärmt Anna Heinze.

Inspiriert vom französischen Impressionismus

Die Kunsthistorikerin und Kuratorin im Oldenburger Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Anna Heinze, steht im Prinzenpalais vor dem Ölgemälde "Im Dom zu Lübeck" von Gotthardt Kuehl. © NDR Foto: Helgard Füchsael
Der Maler Gotthardt Kuehl habe sich bei seinem Gemälde von den französischen Impressionisten wie Édouard Manet inspirieren lassen, erklärt Kunsthistorikerin Heinze.

Das Ölgemälde "Im Dom zu Lübeck" von 1912 ist schon länger als 100 Jahre in Oldenburg. Im Jahr 1913 zeigte der Oldenburger Kunstverein es in einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Der Maler, Gotthardt Kuehl, hatte sich nicht an den damals zeitgenössischen Brücke-Künstlern orientiert, mit ihrem farbenprächtigen und schrillen Expressionismus. Er hat sich die viel früheren französischen Impressionisten zum Vorbild genommen. "Man kennt das von Manet", erläutert Heinze. "Es ist alles relativ fluffig, ein bisschen unscharf. Es gibt keine ganz klaren Konturen. Das Licht spielt eine sehr große Rolle. Das ist aber etwas, das einen vielleicht nicht auf den ersten Blick anzieht, sondern was man erst beim langen Hingucken versteht. Was ist da eigentlich dargestellt?"

Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde fast schon unscheinbar. Vielen Besuchern falle dieses Werk heutzutage gar nicht so richtig auf, sagt die Kuratorin. Genau hinsehen lohne sich aber, wie bei vielen anderen Werken auch. Am "Dom zu Lübeck" von Gotthardt Kuehl gefällt ihr gerade dieses Unscharfe, Verschwommene: "Das macht das Werk natürlich aus. Es wirkt sehr locker. Diese Unklarheit macht es interessant. Man ist gezwungen, genauer hinzugucken und sich die Formen selbst fertig zu denken. Und das ist schon das Faszinierende, was einen länger dann vor diesem Bild verharren lässt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.07.2020 | 10:20 Uhr