Stand: 14.08.2020 13:02 Uhr

Mein Lieblingsstück: Augustusmünze in Bramsche

von Birgit Schütte

Wer in einem Museum arbeitet, hat nicht selten ein Lieblingsstück - ein Bild, eine Statue oder irgendein Kunstwerk, das viele Besucher womöglich übersehen. Restauratorin Christiane Matz aus dem Museum Varusschlacht in Bramsche hat sich in den ersten römischen Kaiser verguckt: Eine kleine römische Münze mit dem Antlitz des Augustus ist eines ihrer Lieblingsstücke.

Restauratorin Christiane Matz sitzt vor einem Mikroskop © NDR Foto: Birgit Schütte
Christiane Matz restauriert unter anderem alte römische Münzen, die immer wieder in Kalkriese gefunden werden.

"Münzen, die aus dem Boden kommen, sind sehr stark korrodiert. Es gibt sehr viel Schmutz Anhaftungen, verbackene Sandkörner", erklärt Restauratorin Christiane Matz. "Dann wird wirklich Sandkorn für Sandkorn abgetragen, bis die alte originale Oberfläche zum Vorschein kommt." Christiane Matz sitzt an einem großen Mikroskop. Darunter liegt ein kleiner verkrusteter, rostiger Klumpen Metall, über 2000 Jahre alt. Sie kratzt darauf herum, mit einer sehr feinen Nadel. "Irgendwann kommt das Antlitz zum Vorschein, die höchste Stelle meistens, der Kopf-Stirn-Bereich. Dann arbeitet man sich weiter nach unten vor."

Tausende Münzen in Kalkriese gefunden

Sehr häufig erscheint auf den Münzen dann das Antlitz des Augustus. Denn er war Kaiser in Rom, als die Römer in Germanien vernichtend geschlagen wurden. Das soll im Jahr 9 nach Christus bei Kalkriese passiert sein. Rund 10.000 Soldaten starben. In den Taschen der gefallenen Legionäre waren auch viele römische Münzen. 2000 wurden bisher in Kalkriese gefunden.

Viele davon sind bei Christiane Matz auf dem Arbeitstisch gelandet. Eine Münze schafft sie an einem Tag, wenn sie gut erhalten ist. "Man schaut so intensiv, dass die Welt um einen herum verschwindet, manchmal den ganzen Tag lang. Und man macht abends die Augen zu und dann sieht man immer noch ein Abbild, was man den ganzen Tag über gesehen hat und ich glaube das macht den Kontakt zu Augustus so intensiv", überlegt die Restauratorin. Manchmal kommt es ihr schon fast so vor, als ob der römische Kaiser neben ihr sitzt. "Der gehört praktisch zu meiner Familie, der Augustus. Das ist eine Person, die ich sehe, immer nur im Profil nach rechts schauend meistens, und seine markante Nase, seine Ohren", beschreibt sie. "Er hatte eine ganz spezielle Haarlocke, manchmal hat er einen Lorbeerkranz auf. Manchmal hat der Kranz hinten Bänder noch dran. Es ist immer ein bischen unterschiedlich."

Münzen zeigen Wege der Legionen

Eine alte römische Münze mit einem Loch © NDR Foto: Birgit Schütte
Warum die Münze gelocht wurde, kann man nur spekulieren. Womöglich wurde sie um den Hals getragen, vielleicht als Talisman.

Immer wurde Augustus ganz jugendlich dargestellt, obwohl er sehr alt geworden ist. Sein Antlitz ist auf Gold-, Silber-, Bronze- oder Kupfermünzen verewigt. Abhängig vom Wert unterscheiden Experten unter anderem zwischen kleineren Assen und größeren Sesterzen. Eine Münze mag die Restauratorin am allerliebsten. "Das ist eine relativ große Münze, ein sogenannter Sesterz, der ist gelocht", erzählt sie. "Da kam ich dann schon ins Nachdenken, warum das Loch da ist: Hat derjenige, dem die Münze gehörte, sie am Hals getragen? War das ein Talisman, war das ein Geschenk?"

Mehr als spekulieren kann man nicht. Feststellen lässt sich allerdings, woher die Münzen kamen: Ob sie in Rom oder Lyon geprägt wurden zum Beispiel: Für Numismatiker, Münzkundler, ist der Weg der Münzen interessant, als Beleg für die Wege der Menschen und Legionen. Und schliesslich sind die Münzen auch ein entscheidendes Argument dafür, dass die Varusschlacht in Kalkriese stattgefunden hat. Denn bisher wurde keine Münze gefunden, die nach 9 nach Christus geprägt wurde. Damals muss es in der Region also einen bedeutsamen Einschnitt gegeben haben, ein historisches Ereignis, von dem die Münzen erzählen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 18.08.2020 | 10:20 Uhr