Mecklenburgerin hilft beim Entziffern altdeutscher Schrift

Stand: 18.01.2021 12:12 Uhr

Nur wenige können die verschnörkelten Buchstaben der altdeutschen Schrift lesen, geschweige denn schreiben. Katja Schülke aus Darze an der Mecklenburgischen Seenplatte hat sich die Fähigkeiten angeeignet. 

von Beatrice Böse

Auf einem Holztisch liegen mehrere Akten mit alten Dokumenten. Das Papier ist leicht vergilbt, die Tinte teilweise verblasst. Postkarten zeigen Motive in Schwarz-Weiß. Katja Schülke sitzt in ihrem Arbeitszimmer. Sie hilft Hans-Wilhelm Puls dabei, einen 70 Jahre alten Brief in die heute gebräuchliche Schriftform zu übertragen. "Das hier ist wirklich das jüngste Dokument, was ich jemals in Altdeutsch hatte. Wenn es Dokumente aus der Zeit nach 1800 sind, ist das noch alles gut zu erkennen. Wenn die älter sind, wird es schwieriger, weil dann entweder das Papier schon halb zerfallen ist oder es schwierige Begriffe sind. Oder weil einfach die Schrift anders oder die Tinte verwischt ist."

Ein Mann und eine Frau beugen sich über ein Schriftstück. © NDR
Hans-Wilhelm Puls und Katja Schülke begutachten die Dokumente aus dem Röbeler Stadtarchiv.

Hans-Wilhelm Puls arbeitet für das Röbeler Stadtarchiv. Dort beschäftigt er sich oft mit Anfragen zur Ahnenforschung. Er zeigt der Altdeutsch-Expertin den "Dachbodenfund", wie er es nennt. "Das hat mir eine Familie übergeben, die es hinter einer Mauer gefunden hat. Es betrifft eine Frau, die aus Röbel stammte und die Stadt verlassen hat - später aber wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Es ging einfach darum, herauszufinden, wie ihr Werdegang abgelaufen ist." 

Schülke gibt seit 2017 Kurse in altdeutscher Schrift 

Die altdeutsche, auch Kurrent-Schrift genannt, wurde schon seit dem 16. Jahrhundert und in leicht abgewandelter Form bis in die 1950er-Jahre verwendet. Die Großbuchstaben sind eher geschwungen und rund, die Kleinen dagegen spitzer und eckiger. Katja Schülke beschäftigt sich seit sieben Jahren mit der Schrift. "Meine Freundin hat mir ein Buch geschenkt, ein Übungsheft und Briefpapier dazu und hat - aber noch in Latein - in den Brief geschrieben: 'Komm, lass uns doch altdeutsche Schrift lernen und uns gegenseitig Briefe in Altdeutsch schreiben'. Wir beide stehen auf alte Sachen, egal, ob das zum Beispiel Deko oder Möbel sind. Irgendwie passte das."

Seit 2017 gibt die gebürtige Sächsin Kurse für altdeutsche Schrift. Entweder bei sich zu Hause in Darze bei Malchow oder an der Volkshochschule der Mecklenburgischen Seenplatte. Meistens sind die Kurse ausgebucht. Auch Hans-Wilhelm Puls hat daran teilgenommen. "Das Schöne an dieser Schrift ist, wenn man sie selbst schreiben kann, ohne nun jedes Mal nachzugucken, wie der Buchstabe geschrieben wird. Wenn das ein bisschen flüssiger geht, hat man dann auch gestalterische Möglichkeiten, zum Beispiel wenn man eine Weihnachtskarte oder Glückwunschkarte schreibt. Oder man benutzt unterschiedliche Schreibgeräte. Beispielweise ein Bambusrohr oder ein normaler Füllfederhalter mit einer etwas breiteren Feder. Damit bekommt man diesen Schwung wieder rein. Das ist natürlich sehr schön." 

"Man muss schreiben lernen, um lesen zu können" 

Ein Finger zeigt auf einen Buchstaben eines Schriftstücks, das in altdeutscher Schrift verfasst ist. © NDR
Dieses Schriftstück fand eine Familie auf dem Dachboden hinter einer Mauer.

Einige Buchstaben ähneln der heutigen Schriftform - wie das kleine "f". Viele sehen aber auch komplett anders aus, wie das kleine "e", dass eher einem lateinischen "n" gleicht. Die größten Herausforderungen sind es, den Inhalt eines Textes trotz der individuellen Handschriften, vereinzelter Orthographiefehler und heute nicht mehr gebräuchlicher Wörter zu entschlüsseln.

Für Altdeutsch-Liebhaberin Katja Schülke ist es ein Hobby, das viel Übung erfordert. "Ich sag immer, man muss schreiben lernen, um lesen zu können. Ich selbst schreibe meine Einkaufszettel und meine Rezepte in Altdeutsch. Und wenn ich weiß, derjenige kann es lesen, natürlich dann auch Briefe oder Geburtstagskarten." Mittlerweile kommen viele Menschen zu Katja Schülke. Sie wollen handgeschriebenen Briefe, Postkarten, Dokumente oder Poesiealben ihrer Vorfahren entziffern lassen - und dadurch auch Einblicke in die eigene Familiengeschichte bekommen. 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 15.01.2021 | 19:00 Uhr