Stand: 11.01.2018 15:16 Uhr

#MeToo und die Klassikbranche

von Thomas Spickhofen

Missbrauch, sexuelles Fehlverhalten und Belästigungsvorwürfe gegen Star-Dirigent James Levine, gegen Peter Martins, der als New Yorker Balletchef bereits zurückgetreten ist und jetzt der Rauswurf von Charles Dutoit, der Hauptdirigent des Royal Philharmonic Orchestra in London: Die MeToo-Debatte hat längst den klassischen Kulturbetrieb erreicht. Moritz Eggert ist Professor für Musik an der Hochschule für Musik und Theater München und beschäftigt sich außerdem in einem Internet-Blog und der "Neuen Musikzeitung" mit Phänomenen des Musiklebens. Er ist sich sicher: Man habe nicht nur in der Filmbranche zu lange weggeschaut, sondern auch in der Klassik-Szene. Deshalb fordert er nun neue Umgangsformen.

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Moritz Eggert ist unter anderem Professor für Musik an der Hochschule für Musik und Theater München.

Sexismus in der Klassikbranche? Für Moritz Eggert sind die aktuellen Vorwürfe gegen anerkannte Größen wie James Levine keine Überraschung: "Das Problem ist, dass alle oft stillschweigend toleriert haben, dass es diese Art von Ebene gibt." Der Hochschulprofessor erklärt, dass vor allem die Strukturen den Sexismus gefördert haben - sowohl im künstlerischen als auch im akademischen Betrieb: "Was ich immer wieder bemerke, ist, dass diese Fälle immer erst dann - wie jetzt bei Levine und Dutoit - aufkommen und besprochen werden, wenn diese Personen eigentlich an Macht verlieren. Dann trauen sich plötzlich Leute und dann wird klar, was da eigentlich die ganze Zeit passierte. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen. Das finde ich ganz wichtig."

Die Hybris des Maestros

Die Macht mit allem durchzukommen: In der Vergangenheit haben berühmte und begnadete Musiker wie zum Beispiel im Fall von Chefdirigent Dutoit Manager und Agenten reich gemacht und auch andere profitierten von den prominenten Namen. Für zwischenmenschliche Grenzen sei dann kein Platz mehr gewesen: "Dann wird das zum Habitus. Ich habe solche Situationen, wie sie im Fall Dutoit geschildert wurden, auch gesehen und erlebt. Da ist man auch zum Teil sprachlos, wie dann Leute das Gefühl haben, das ist alles nur für sie da, um sie zu bedienen. Und das ist bei Dirigenten nochmal besonders gefährlich, weil sie auch noch diese Hybris des Maestros die ganze Zeit haben."

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Auf die älteren Herren hätte man seiner Meinung nach viel eher einwirken müssen - auch um sie vor sich selbst zu schützen. Dass das Royal Philharmonic Orchestra die Entlassung von Hauptdirigent Dutoit mit seinen hohen Standards gerechtfertigt hat, empfindet Eggert als Heuchelei: "Die Leute, die sagen, wir wollen jetzt nichts mehr mit Dir zu tun haben, waren die, die vorher alle Augen zugedrückt haben. Auch im Fall der Met bei Levine. Ich meine, das sind Leute, die haben mit dem 30 Jahre zusammengearbeitet. Die kennen den. In der Musikszene waren die Geschichten von Levine das offenste Geheimnis, was man sich überhaupt vorstellen kann."

Machtmissbrauch auch an den Musikhochschulen

In Eggerts Umfeld, also auch an der Musikhochschule München, wurde nach seinen Angaben ebenfalls viel geschwiegen, wenn Studierende von Lehrkräften ausgenutzt wurden. "Ich habe nicht geschwiegen und habe deshalb auch immer wieder Ärger bekommen. Ich fand das nicht ok und wurde immer wieder zum Schweigen ermahnt, aber das will ich halt nicht." Eggerts Meinung nach gibt es Sexismus überall. Allerdings seien die Klassen im Musikstudium kleiner als in anderen Studienfächern. Dementsprechend seien auch die Beziehungen zwischen Lehrern und Studierenden enger. Emotionen und Körperlichkeit seien in diesem Studium wichtig. Das Problem: Letztendlich hängen Karrieren sehr stark von den Benotungen und Empfehlungen ab. Eggert betont jedoch, dass es sich bei dem Machtmissbrauch um Einzelfälle handelt. Reden und bei Problemen helfen, das seien die wichtigsten Dinge für professionelle Lehrkräfte. Dementsprechend spricht sich Eggert auch gegen etwas wie eine Art Hexenjagd aus: "Meine Angst ist schon, dass jetzt gerade so kunstfeindliche Menschen, die wir leider auch haben, dass die jetzt sagen: Wieso wird das jetzt staatlich gefördert? Da müssen wir mit Offenheit und Selbstbewusstsein dagegen gehen und eben auch zeigen wie viel Positives in diesem Studium ist und wie viel Schönes in klassischer Musik ist, dass es eigentlich ein tolles Studium ist. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache!"

Kommentar

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 11.01.2018 | 14:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/MeToo-und-die-Klassikbranche,sexismus194.html

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