Stand: 14.02.2018 14:02 Uhr

#MeToo: Viele absurde Stellvertreterkriege

von Katja Nicodemus, "Die Zeit"

Was darf Kunst und was nicht? Seit Beginn der #MeToo-Debatte wird darüber kontrovers diskutiert. Nun kommt der neue Film von Ridley Scott, "Alles Geld der Welt", in die Kinos: Gedreht noch mit dem Schauspieler Kevin Spacey, der dann aber, nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut wurden, im fertigen Film ersetzt wurde. Wir haben zwei Kolleginnen zu einem Pro und Contra gebeten: Stefanie Bolzen von der Tageszeitung "Die Welt" und Katja Nicodemus von der Wochenzeitung "Die Zeit". Katja Nicodemus spricht sich in ihrem Beitrag gegen absurde Stellvertreterkriege aus.

Abgehängte Bilder, herausgeschnittene Schauspieler, verbotene und zensierte Filme - geht‘s eigentlich noch? Im Zuge der #MeToo-Debatte sind gleich mehrere absurde Stellvertreterkriege entstanden. Einer richtet sich gegen Kunstwerke, an denen Menschen mitgewirkt haben, die des sexuellen Missbrauchs überführt wurden oder verdächtigt werden.

Aber wem hilft es, wenn interessante Produktionen der Weinstein-Company gestoppt, Filme des Komikers Louis C.K. aus Senderarchiven getilgt werden? Oder wenn Kevin Spacey aus dem neuen Film von Ridley Scott entfernt wird? Letztlich werden hier nur scheinheilige Bestrafungsbedürfnisse und Reinigungsfantasien bedient. Im Übrigen ist es gar nicht so selten, dass Filme und ihre Inhalte emanzipatorischer sind als die Menschen, die sie herstellen. Die Herausforderung besteht zum Beispiel darin, auszuhalten, dass Roman Polanski, der vor mehr als 40 Jahren ein minderjähriges Mädchen missbraucht hat, einen der wagemutigsten Filme über die Angst vor der Sexualität gedreht hat: "Ekel" mit Catherine Deneuve.

"Aus den Augen, aus dem Sinn" hat noch nie geholfen

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Die Manchester Art Gallery hängte John William Waterhouses Bild "Hylas und die Nymphen" wegen der Darstellung der Frauen ab.

Ein weiterer Stellvertreterkrieg richtet sich gegen Kunstwerke mit vermeintlich oder tatsächlich sexistischem Inhalt. So wie das Bild des John William Waterhouse, das in Manchester abgehängt wurde. Die Aktion beruht zunächst einmal auf einem exegetischen Missverständnis. Die Nymphen auf dem Bild sind barbusig. Doch das sexuelle Objekt, das Objekt der Begierde ist der junge Mann, der von ihnen lüstern ins Wasser gezogen wird. Nur die Zeichen der Sexualität und nicht ihren Kontext zu lesen - das ist Puritanismus.

Das zweite Missverständnis ist historischer Art. Kunstwerke sind Abbilder von und Reaktionen auf ihre Zeit. Ein nach heutigem Empfinden sexistisches Bild aus einem Museum zu entfernen, macht das Frauenbild der Zeit, in der es entstanden ist, keinen Deut besser. Das Konzept des Sexismus ist eine Erfindung der Neuzeit. Lebendig bleibt es nur, wenn man es mit historischen Entwicklungen und Bildern abgleicht, es daran schärft. Ein Bild abzuhängen, um sich an eine Debatte dranzuhängen, ist blanker Opportunismus. Die Aktion sagt letztlich nur: Aus den Augen, aus dem Sinn. Und das hat noch nie geholfen.

Raus mit den Madonnen aus der Kirche?

Die Gegenmeinung

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Einen Feldzug gegen die Geschichte, und dazu gehört auch die Kunst- und Filmgeschichte, kann man nur verlieren. Hängt das Tuch über dem Geschlechtsteil des gekreuzigten Heilands nicht hie und da zu locker? Sollte man Bilder mit barbusigen Madonnen aus den Kirchen entfernen? Müsste man auch das tiefe Dekolleté der jungen Sophia Loren aus alten Fotos herausretuschieren? Oder das vom U-Bahn-Wind hochgewehte Kleid von Marilyn Monroe aus Billy Wilders Film "Das verflixte siebte Jahr"? Und warum nicht auch Kriegsbilder verbieten, Kreuzigungen überhaupt, Darstellungen mythologischer Morde? Und was ist mit diesem furchtbar aggressiven Blau von Yves Klein?

Ein rückwärtsgewandter Krieg gegen Symbole ist wohlfeil, weil er nicht den zähen Widerstand der Gegenwart zu fürchten hat. Schön wäre es natürlich, wenn die Kunst und das Kino die Geschlechterbeziehungen freier und avantgardistischer gestalten würden. Und bitteschön, lasst uns auch um eine andere Wirklichkeit kämpfen und nicht nur um ihren Wiederschein in der Kunst.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.02.2018 | 19:00 Uhr

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