Stand: 14.02.2018 14:06 Uhr

#MeToo: Nicht alles ist überkorrekte Zensur

von Stefanie Bolzen, "Die Welt"

Was darf Kunst und was nicht? Seit Beginn der #MeToo-Debatte wird darüber kontrovers diskutiert. Nun kommt der neue Film von Ridley Scott, "Alles Geld der Welt", in die Kinos: Gedreht noch mit dem Schauspieler Kevin Spacey, der dann aber, nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut wurden, im fertigen Film ersetzt wurde. Wir haben zwei Kolleginnen zu einem Pro und Contra gebeten: Stefanie Bolzen von der Tageszeitung "Die Welt" und Katja Nicodemus von der Wochenzeitung "Die Zeit". Lesen Sie hier Stefanie Bolzens Plädoyer für erhöhte Wachsamkeit gegenüber einem verbreiteten Sexismus in der Kunst:

Eine Überreaktion? Aus Sicht von Spaceys mutmaßlichen Opfern bestimmt nicht. Trotzdem drängt sich unvermeidlich die Frage auf: Droht der Kunst im Schatten von #MeToo und #TimeIsUp eine politisch überkorrekte Selbstzensur? Muss man Filme von Woody Allen nun mit Bauchschmerzen anschauen oder sogar überhaupt nicht mehr, weil es auch Vorwürfe gegen den Regisseur gibt?

Fall und den Kontext beachten

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Die Manchester Art Gallery hängte John William Waterhouses Bild "Hylas und die Nymphen" wegen der Darstellung der Frauen ab.

Es kommt ganz auf den Fall und den Kontext an. Und jene, die nun um den Untergang des aufgeklärten Abendlands fürchten, gehen zu weit. Ein Beispiel: Das Abhängen von John William Waterhouses Bild "Hylas und die Nymphen" bringt reihenweise wortgewaltige Kunstkenner auf die Palme. Das sei ein schockierender Rückfall in ästhetischen Puritanismus! Die Manchester Art Gallery begehe mit dem Schritt, viktorianisch verklärte junge Mädchen wegen ihrer unverhüllten Brüste ins Depot zu verbannen, eine Erbsünde: freiwillig die Freiheit der Kunst zu beschneiden. Grenzen zu setzen statt diese auszutesten, was die ureigenste Aufgabe des Künstlers sei.

Grenzen ausgetestet

Das ist im Fall Waterhouse blanker Unsinn. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Das Museum testet Grenzen aus: die unseres eigenen Bewusstseins für den Kontext, in dem wir Kunst betrachten. Denn die Kuratoren entfernten den Waterhouse als Provokation. Die uns unbarmherzig zu einer Antwort auf die Frage zwingt, ob wir tradierte Sichtweisen auf die Geschlechter im Zeitalter von #MeToo achselzuckend oder gänzlich ohne Nachdenken abtun können.

Die Gegenmeinung

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Der Ausstellungsraum in Manchester mit besagtem Waterhouse-Gemälde heißt "The Pursuit of Beauty" - "Die Suche nach Schönheit". Wie viel vernachlässigte Selbstverständlichkeit liegt darin, wenn in einem solchen Raum ein Bild hängt, das das jungfräuliche Mädchen als ewige Verführerin zeigt, wenn in mit Steuerzahlergeld finanzierten Museen wahlweise die Sexualisierung oder Dämonisierung von Frauen auf altbackene Art und ohne jede Hinterfragung weiter die Norm ist.

Größeres Bewusstsein wichtig

Natürlich kann und darf es keine vorgeschriebenen Antworten darauf geben. Es kommt allein auf die Debatte an. Dass die Nymphen von John William Waterhouse bereits wieder an ihrem alten Platz hängen - sehr gut! Aber die Aktion hat eine heftige Debatte ausgelöst, und das ist das einzig Wichtige.

Gerade in Zeiten, in denen sich Millionen junge Mädchen pausenlos dem sexuell aufgeladenen Selbstdarstellungsdiktat von Instagram & Co. unterwerfen, ist ein größeres Bewusstsein über die Darstellung der Frau im öffentlichen Raum wichtiger denn je. Das ist nicht rückwärtsgewandt, sondern progressiv. Und vor allem hat es sehr viel mit Freiheit zu tun.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.02.2018 | 19:00 Uhr

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