Stand: 20.02.2019 18:13 Uhr

Vatikan-Konferenz: "Wir verschaffen uns Gehör!"

Ein solches Treffen gab es im Vatikan noch nicht: 180 Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt kommen zusammen, um über den Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche zu beraten. Matthias Katsch, ehemals Schüler des Berliner Canisius-Kollegs, hat sich 2010 mit zwei Mitschülern an den Schulrektor Klaus Mertes gewandt, vom Missbrauch am Kolleg durch einen Pater berichtet und einen Stein ins Rollen gebracht. Er ist Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch" und zum Treffen der Bischöfe nach Rom gereist.

Herr Katsch, warum haben Sie sich nach Rom aufgemacht?

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"Ich glaube, wir erleben in diesem krisenhaften Gipfel tatsächlich eine Veränderung", sagt Matthias Katsch.

Matthias Katsch: Ich bin Teilnehmer einer ganzen Gruppe von Betroffenen, die sich im letzten Jahr gebildet hat. Wir heißen "Ending Clergy Abuse", also: Schluss mit dem klerikalen Missbrauch. Ich bin Gründer und Vorstand dieser Vereinigung von etwa 40 Betroffenen, Vertretern, Aktivistinnen und Aktivisten aus über 20 Ländern. Wir sind hierher gekommen, um den Druck, der nötig war und nach wie vor nötig ist, auf die Kirche hochzuhalten und weiter auszuüben, damit sie nicht nur am Bewusstsein arbeitet, sondern auch an ihren Strukturen und Gesetzen. Es darf nicht nur bei Politik und bei Ankündigungen bleiben, sondern diese Null-Toleranz muss in Kirchenrecht umgesetzt werden. Nur mit Appellen an das Gute im Menschen ändert man solch tief eingefahrenes Verhalten nicht. Null-Toleranz muss heißen: Wer als Priester Kinder missbraucht, darf nicht mehr Priester sein. Und wer das als Vorgesetzter vertuscht hat, wer die Täter geschützt hat und nicht die Opfer, der kann kein Leitungsamt mehr in der Kirche haben und kann auch nicht mehr Priester sein.

Wird denn Ihre Stimme, die Stimme der Opfer, der Betroffenen, in angemessener Weise gehört werden auf dieser Konferenz?

Katsch: Ich glaube, wir erleben in diesem krisenhaften Gipfel tatsächlich eine Veränderung. Es kommt nicht mehr darauf an, ob die uns hören wollen, sondern wir sind da, und wir verschaffen uns auch Gehör. Mit dem Druck, den wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, haben wir dazu beigetragen, dass es zu diesem Gipfel überhaupt gekommen ist. Die Opfer werden dafür sorgen, dass sich etwas ändert, weil sich etwas ändern muss. Ich vertraue nicht mehr auf den guten Willen von leitenden Menschen in der katholischen Kirche, sondern ich vertraue auf den Druck, den Betroffene, Opfer, Überlebende aufbauen und der auch in der Öffentlichkeit ausgeübt werden muss. Sonst verändert sich nichts.

Der Papst selbst hat schon Ende Januar erklärt, der Gipfel werde den Missbrauch nicht aus der Welt schaffen, wichtig sei aber, Regelwerke zu verabschieden. Viele Bischöfe wüssten gar nicht, was sie tun sollten, wenn sie mit Missbrauchsfällen zu tun bekämen. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

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Katsch: Da möchte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und fragen: Seit wann reden wir über dieses Thema? 1985 war der erste große Fall in den USA, in Louisiana, 2002 gab es einen Skandal in Boston, 2010 war es in Deutschland, zwischendurch in Irland. Der ganze Globus ist in der Zwischenzeit auf der Landkarte des Missbrauchs aufgetaucht in der katholischen Kirche - und immer noch gibt es Bischöfe, denen man offensichtlich erklären muss, dass es nicht okay ist, kleine Kinder oder Heranwachsende sexuell zu missbrauchen, dass man zur Polizei geht, wenn ein Verbrechen begangen wird und dass man nicht den Täter in Schutz nehmen muss, sondern das Opfer.

Papst Franziskus könnte mit einem Federstrich das Kirchenrecht ändern und den entsprechenden Paragrafen, in dem bisher nicht mal von einem Verbrechen die Rede ist, sondern von einem Verstoß des Klerikers gegen seine Standespflichten, gegen das sechste Gebot, verändern. Er könnte diese Null-Toleranz-Politik zu einem universalen Kirchengesetz machen und überzeugend dafür arbeiten, dass es ein Mentalitätswandel gibt in der Kirche. Wenn all die Bischöfe und Vorgesetzten konsequent aus ihren Ämtern entfernt würden, die in der Vergangenheit Kinder und Jugendliche nicht geschützt haben, sondern Täter, wäre das der Beginn eines sehr großen Wandels in der katholischen Kirche.

Der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer war der Erste, der Sie überhaupt zu einem Gespräch eingeladen hat. In Hildesheim war Pater Peter R. seinerzeit als Priester eingesetzt, derselbe, der am Canisius-Kolleg Schüler missbraucht hatte. Ein Treffen in Rom, könnte man polemisch sagen, hatte Bischof Wilmer nicht gebraucht, um zu verstehen. Stattdessen hat er externen Sachverstand für das Bistum eingefordert: Es sei unmöglich, dass die Kirche hier nur eine Binnenkultur pflege, hat er gesagt. Ist das in Wahrheit der richtige Ansatz?

Katsch: Er hat da etwas sehr Wichtiges formuliert und erkannt: Keine Institution kann sich selber aufarbeiten und aufklären, und jede Institution ist auf Kontrolle und Impulse von außen angewiesen, wenn sie nicht zu einer machtmissbrauchenden und verschlossenen Veranstaltung werden will. Ich bin ihm auch dankbar, dass er der erste und einer der wenigen Bischöfe in Deutschland ist, die das auch öffentlich so sagen. Die meisten schweigen still und man hat den Eindruck, die hoffen darauf, dass der Sturm irgendwie vorübergeht. Der wird nicht vorübergehen, die Zeiten sind vorbei.

Die Erkenntnis, die Bischof Wilmer bereits hat, haben die Verantwortlichen im Vatikan allerdings nicht. Heute hat man wieder versucht, einige ausgewählte Betroffene unter klandestinen Umständen zu einem Treffen mit der Vorbereitungsgruppe in den Vatikan zu bringen, während draußen auf dem Platz 20, 30 Betroffene aus aller Welt standen, die bereit gewesen wären, offen zu sprechen und ihre Forderungen auf den Tisch zu legen. Mit denen redet man nicht, sondern man versucht, die Kontrolle weiterhin zu behalten und sich abzuschotten. So wird man nicht vorankommen.

Sie selbst waren nicht drin, Sie waren draußen?

Katsch: Wir haben zweieinhalb Stunden draußen vor der Tür gestanden. Es war wichtig, dass wir dort waren. Wir haben versucht, die Betroffenen moralisch zu unterstützen, die reingegangen sind und die diese Gelegenheit auch genutzt haben, um unsere Forderungen dort zu präsentieren. Aber wir haben auch sehr klar unseren Unmut darüber geäußert, dass ein unklares Verfahren gewählt wird, Betroffene da hineinzubringen, während die Vertreter der Opfer draußen auf der Straße stehen und nicht rein dürfen. Das kann man so machen, aber man tut sich damit keinen Gefallen. Es ist doch nicht so, dass wir denen etwas Böses wollen - wir wollen ihnen ja helfen. Sie sagen immer, dass sie die Kinder schützen und die Opfer in den Mittelpunkt stellen wollen - okay, wir wollen euch beim Wort nehmen; sprecht mit uns, ladet uns ein, beteiligt uns.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Ein Porträtbild von Matthias Katsch von der Hilfsorganisation "Eckiger Tisch", die sich um Opfer von Mißbrauch in der Kirche kümmert.  Foto: Stephanie Pilick

Missbrauchskonferenz: "Wir verschaffen uns Gehör!"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt wollen in Rom über sexuellen Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche beraten. Auch Matthias Katsch, selbst Opfer, ist zum Treffen nach Rom gereist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.02.2019 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Matthias-Katsch-zur-Vatikan-Konferenz,journal1662.html

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