Stand: 06.04.2019 06:45 Uhr

Mattes als Putzfrau: Applaus im St. Pauli Theater

von Daniel Kaiser

Mit viel Applaus hat das Publikum im St. Pauli Theater am Freitagabend die Uraufführung des Stücks "Lasst mich in Ruhe" von Klaus Pohl aufgenommen. Die bekannte Schauspielerin Eva Matthes spielt eine rumänische Putzfrau in Hamburg, die Probleme mit ihrer heranwachsenden Tochter hat. Und umgekehrt.

Die Schauspielerin Eva Mattes.

Eva Mattes in "Lasst mich in Ruhe"

Hamburg Journal -

Eva Mattes steht im St. Pauli Theater auf der Bühne. Im Mutter-Tochter-Drama "Lasst mich in Ruhe" spielt sie eine Übermutter mit rumänischen Wurzeln.

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Das Ganze wirkt erst mal wie eine Boulevard-Komödie: Eva Mattes als Putzfrau Marta mit diesem phantasie-rumänischen Akzent, der ein bisschen nach Piroschka klingt. Und dann ist da noch Stephan Schad als Klaus, ihr stets ein paar Dezibel zu lauter Lebensgefährte mit Pornobrille und immer einer Handbreit Wodka im Sektglas, jedoch mit einem Häuschen im Grünen - in Farmsen. Es sind eher schrille Typen (Kostüme: Ilse Welter), und das Stück hat fast schon groteske Züge. Bis das alles plötzlich kippt und zum Drama und einer Tragödie wird.

Problem-Pille Ritalin

Denn erst drängt die Mutter die ADHS-Tochter Charlotte (sensationell wandelbar und vom minutenlangen Anfangsmonolog an immer auf Betriebstemperatur: Edda Wiersch), Ritalin zu nehmen, um mit den Pillen die Schule zu schaffen. Doch dann kommt die junge Frau nicht mehr davon los. Körperlich und rauschhaft spielt der junge Vincent Lang Charlottes Freund Sioux - immer wild romantisch mit einem Else-Lasker-Schüler-Gedicht vom Heimweh auf den Lippen.

Das Einmaleins des Lebens

Am Anfang gibt die Mutter der Tochter Mathe-Nachhilfe. Es geht aber um mehr als um Hausaufgaben. Es ist eine Schlüsselszene. Es geht um das Einmaleins des Lebens. Wie planbar, wie programmierbar, wie berechenbar und beeinflussbar ist eine Biographie? Wie sehr trauen Eltern ihren Kindern zu, es allein zu schaffen? Das ist das große Thema des Abends. Und man sieht im Publikum einige Frauen mit ihren Töchtern sitzen - gerührt dem Bühnengeschehen folgen - und hört sie nach dem Stück vor dem Theater darüber sprechen.

Eva Mattes singt in Barmbek

Die Regie von Theaterchef Ulrich Waller lädt den Abend mit viel Musik auf. Die Klänge von Akkordeon (Jakob Neubauer) und Klarinette (Gabriel Coburger) verbinden und untermalen die Szenen stimmungsvoll und mit perfektem Timing. Auch Eva Mattes darf singen. Nicht nur im ergreifenden Duett mit der Tochter. Sondern auch solo. In der Bar. Einfach so. Wenn sie schon mal da ist. Mit wenigen Handgriffen, ein paar umgedrehten Schränken, Lampions oder Super-8-Aufnahmen im Hintergrund wechselt das Bühnenbild (Nina von Essen) zwischen Marthas Dachkammer in Barmbek, dem Garten ihres Sehnsuchtsorts Farmsen und Charlottes Studierzimmer hin und her.

Ein berührender Abend

Es ist eine echte Tragödie. Alle wollen das Richtige. Und doch endet Charlottes Geschichte im Drama. In den skurrilen Augenblicken (mit einem starken, komischen Stephan Schad) aber auch gerade in den ernsten Momenten, die immer wieder von Eva Mattes getragen werden, gelingt dem Ensemble ein sehr eindrucksvoller, berührender Abend in einem Stück, das wie das wirklich wahre Leben manchmal heiter, manchmal grotesk und manchmal auch tragisch ist und traurig.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 20.01.2019 | 10:20 Uhr

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