Stand: 02.07.2020 17:23 Uhr

Theaterformen: "Eine andere Sicht auf die Welt"

Die 30. Ausgabe des Festivals Theaterformen ist in Braunschweig gestartet. Die Jubiläumsausgabe ist nach eigenem Bekunden "eine Pandemie-taugliche Sonderausgabe" und trägt den Titel "A Sea of Islands". Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin der Theaterformen, Martine Dennewald.

Frau Dennewald, wie kann man als Zuschauer am Festival teilnehmen?

Martine Dennewald © APA-Foto/Hans KLaus Techt Foto: Hans KLaus Techt
Die gebürtige Luxemburgerin Martine Dennewald studierte Dramaturgie in Leipzig und Kulturmanagement in London.

Martine Dennewald: Es ist dieses Jahr fast einfacher zum Festival Theaterformen zu kommen als sonst. Es gibt drei Wege: Man kann nach Braunschweig kommen, wo es sechs Installationen gibt, die man sich anschauen kann. Sie können aber auch auf unserer Website das Online-Programm sehen, wo es eine große Anzahl sehr unterschiedlicher Formate gibt: Videos, Hörstücke, Texte und Bilder. Oder Sie schicken uns eine E-Mail und bekommen dann Kunst von uns direkt in Ihren Briefkasten.

Was sind das für Installationen? Denn ihr Festival ist ja eigentlich ein Theaterfestival.

Dennewald: Wir haben uns entschieden, dass wir weiterhin mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten, die wir ursprünglich eingeladen hatten - und das sind eben Theaterkünstlerinnen und Theaterkünstler. Wir haben aber das Glück, dass all diese Leute eigentlich eine Art von interdisziplinärer Praxis betreiben. Sie bewegen sich durchaus mal in den Bereich bildende Kunst hinein, sie drehen mal einen Film oder sie machen Musik. Und so fiel es gerade diesen Künstlerinnen und Künstlern nicht sonderlich schwer, sich ein anderes Format auszudenken.

Das sind also Produktionen speziell für dieses Festival?

Dennewald: Das sind teilweise Produktionen speziell für dieses Festival, sogar zwei Uraufführungen von interaktiven Installationen, die auch ein performatives Moment haben. Die Künstlerinnen und Künstler konnten nicht hierher reisen, haben uns aber detailliert eingewiesen und in langen Gesprächen immer wieder erklärt, wie das genau ablaufen soll, damit die Uraufführungen stattfinden können.

Wie habe ich mir den postalischen Weg vorzustellen?

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Blick auf das Gebäude des Braunschweiger Staatstheaters und den Vorplatz. © NDR Foto: Julius Matuschik

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Dennewald: Drei Künstlerinnen und Künstler haben sich dafür entschieden, etwas zum Publikum nach Hause zu schicken. Mir erschien es nie erstrebenswert, das ganze Festival ins Internet zu verlagern - deswegen war ich froh um diese Vorschläge. Rimini Protokoll, die deutsche Gruppe, hat ein Stück mit kubanischen Mitwirkenden gemacht, die wir eigentlich eingeladen hätten. Diese Mitwirkenden werden Ihnen postalisch ihre Geschichten erzählen, Bilder, Lebensgeschichten und persönliche Briefe mit Ihnen teilen. Außerdem wurde eine junge iranische Dichterin, die noch nichts veröffentlicht hat, gebeten, ein Gedicht sowohl auf Farsi als auch auf Englisch zu unserem Publikum nach Hause zu schicken.

Es werden auch "künstlerische Online-Beiträge" gestreamt. Das sind keine abgefilmten Produktionen, oder?

Dennewald: Ès ist uns sehr wichtig, dass wir kein abgefilmtes Theater zeigen. Also kein Theater in der Konserve oder kein Abklatsch von dem, was das Stück eigentlich gewesen wäre. Und so hatten die Künstlerinnen und Künstler den Auftrag, etwas Eigenes zu entwickeln, das in manchen Fällen noch relativ viel mit dem ursprünglichen Theaterstück oder Tanzstück zu tun hat oder sich ein Stück weit davon entfernt. Da haben wir zum Beispiel ein ganz neues Hörstück "Khao Khao Club" von Yudai Kamisato aus Japan oder eine brandneue Videoarbeit von Ogutu Muraya aus Kenia mit dem Titel: "The ocean will always try to pull you in".

Diese 30. Ausgabe ist Ihre letzte Ausgabe. Sie steht unter dem Motto: "A Sea of Islands". Was meint dieses Motto?

Dennewald: Wir haben uns diesen Titel schon lange vor dieser Pandemie-Krise gegeben. Die Festivals haben ungefähr zwei Jahre Vorlaufzeit, und der Anspruch an dieses Festival war, eine andere Sicht auf die Welt vorzuschlagen. Wir sind es gewohnt, dass die Welt nach Zentren organisiert ist; auch die Kunstwelt oder der Kunstmarkt funktioniert so: London, Paris, New York, Tokio sind wichtige Orte, und der Rest fällt ein bisschen hinten runter. Wir wollten ein Festival machen, wo wir die vermeintliche Peripherie ins Zentrum stellen. Wir haben uns deswegen den Inseln der Welt gewidmet, also diesem vermeintlichen Rand, sodass wir ein Programm haben, das mit 17 Inseln weltweit in Verbindung steht.

Es ist die letzte Ausgabe, die Sie als künstlerische Leiterin der Theaterformen begleiten. Ist es wegen der Pandemie-bedingten Voraussetzungen auch das schwierigste?

Dennewald: Mir macht diese Sonderausgabe des Festivals Spaß. Es ist eine besondere Herausforderung, aber ich bin in meinem sechsten Jahr hier, und mein Team und ich haben eine gewisse Routine entwickelt. Dass wir dieses Mal ganz neu herangehen und uns besondere Formen ausdenken können, die nicht nur für diese Pandemie-Zeit interessant sind, sondern auch für den Umgang mit der Klimakrise, die auch mit sich bringt, dass man weniger reisen möchte, das erscheint mir gerade spannend.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.07.2020 | 19:00 Uhr