Stand: 24.01.2020 17:42 Uhr  - NDR Kultur

"Lyrik öffnet Räume in ein anderes Denken"

Die Kieler Liliencron-Dozentur ist die einzige ausschließlich der Lyrik vorbehaltene Poetik-Dozentur in Deutschland. Die Christian-Albrechts-Universität Kiel und das Literaturhaus Schleswig-Holstein vergeben sie seit 1997 als literarische Auszeichnung an eine Lyrikerin oder einen Lyriker des deutschen Sprachraums. In diesem Jahr wurde Marion Poschmann auserwählt. Eine vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, sowohl für ihre Lyrik als auch für ihre Prosa.

Frau Poschmann, schauen wir uns Ihre 21 illustren wie diversen Vorgängerinnen und Vorgänger an: Angefangen hat es mit der stillen und eindringlichen Lyrikerin Doris Runge über den radikalen und experimentellen Dichter Oskar Pastior und den Satiriker F.W. Bernstein bis hin zu dem Pop-Poeten PeterLicht. Wie fühlen Sie sich in dieser Reihe?

Bild vergrößern
Marion Poschmann übernimmt in diesem Jahr die 22. Liliencron-Dozentur in Kiel.

Marion Poschmann: Ich habe mich sehr gefreut, dass ich ausgewählt wurde, und fühle mich in gewisser Weise auch sehr geehrt, in dieser Reihe aufzutauchen. Es freut mich besonders, dass diese Dozentur eine ist, die sich rein der Lyrik, der Poesie widmet - das ist einzigartig. Ich hoffe, dass ich das Ansehen der Lyrik mit meinen Vorträgen wieder etwas heben kann.

Mein Eindruck ist auch, dassdie Lyrik in den letzten Jahren im Schatten der Prosa steht. Sehen Sie sich auch über die Dozentur hinaus als eine Vermittlerin der Lyrik? Sie arbeiten auf beiden Seiten sehr erfolgreich und schaffen es vielleicht so, neue Leserinnen und Leser für die Lyrik zu gewinnen.

Poschmann: Letztlich kann man für die Lyrik keine Leser gewinnen. So ein Ansatz hat immer etwas Didaktisches; man versucht die Leute auf seine Seite zu ziehen. Eher sehe ich die Lyrik als ein großes, wundervolles Angebot für die Leser, etwas Neues zu entdecken, auch sich selbst zu entdecken. Lyrik öffnet Räume in ein anderes Denken, in ein Empfinden und Fühlen einer anderen Person. Sie erschließt Sprachwelten, die man selber nicht unbedingt betreten würde. Dieses Angebot der Lyrik würde ich gerne aufzeigen.

Sie beschreiben Dichtung als "eine Schule des Sehens, die unsere Sinne schärft und womöglich gar das Unsichtbare sichtbar macht". Ist das etwas, das man erlernen oder lehren kann?

Weitere Informationen
NDR Kultur

Lauter Lyrik

NDR Kultur

NDR Kultur präsentiert täglich mit "Lauter Lyrik" eine klingende Liebesschule für Wörternarren im Programm. mehr

Poschmann: Ich glaube, lehren kann man das nicht. Es braucht eine Bereitschaft des anderen, sich etwas zu erschließen, was er vorher nicht kannte. Gerade um Lyrik zu lernen, braucht es eine Sehnsucht, sich dieser Sache anzunähern. Dichtung ist letztlich immer etwas Geheimnisvolles. Man weiß nicht wirklich, wie sie entsteht, woher die Einfälle kommen, was da passiert. Das ist sowohl beim Dichten so, als auch beim Lesen von Lyrik. Man muss sich da auf eine ganz eigene Weise einfinden. Ich wollte in meiner Vorlesung unter anderem über den kreativen Prozess sprechen, wie das abläuft. Vieles verläuft im Unbewussten, und insofern kann man eigentlich nichts darüber sagen. Was man darüber sagen kann, versuche ich in irgendeiner Form zu artikulieren. Man hat bei den Griechen über den "Daimon" gesprochen, bei den Römern über den "Genius". Man hat sich also eine Art Schutzgeist vorgestellt, der die guten Einfälle, die Geistesblitze schickt - und das verfolge ich ein bisschen durch die Geschichte bis zur Gegenwart, wo man diese Phänomene ganz anders nennt.

Letztlich ist es so, dass Dichtung immer etwas Geheimnisvolles bleibt, irgendein Kern, an den man eigentlich nicht herankommt. Das ist das Spannende, dass das nicht aufgelöst wird, dass das Gedicht immer etwas bleibt, das ganz für sich steht.

Sie sehen die Dichtung also in sehr geringem Anteil nur als ein Handwerk, das man erlernen kann.

Poschmann: Das Handwerk kann man auf jeden Fall erlernen: Wie ein Sonett gebaut ist, was ein Vers ist, wie der Rhythmus funktioniert - all das kann man sich aneignen oder ein Gefühl dafür entwickeln. Aber ich glaube, ein wirklich gutes Gedicht hat immer noch so ein gewisses Etwas, in dem letztendlich die Schönheit besteht. Das ist etwas, was man nicht machen kann - das ist ein Glücksfall. Das merke ich auch selber, wenn ich schreibe: Manchmal gelingt etwas, und man weiß nicht genau, wie das gekommen ist. Und manchmal gelingt überhaupt nichts.

Die Liliencron-Dozentur besteht immer aus drei Teilen: Sie beginnt mit einer Querbeetlesung durch Ihr Werk; der mittlere Teil besteht aus der Vorlesung, die historisch ausgerichtet ist; und am Schluss soll es eine Diskussion mit einem Gast geben, den Sie ausgewählt haben. Wen können wir da erwarten?

Poschmann: Ich spreche mit Arne Rautenberg und Charlotte Warsen. Ich habe diese beiden Kollegen ausgewählt, weil sie beide Lyrik schreiben - aber sie sind auch im Bereich der bildenden Kunst tätig. Diese Kombination fand ich ganz spannend, und darüber möchte ich von den beiden etwas mehr erfahren.

Was verbindet Sie mit dem Namensgeber, Detlev von Liliencron? Diesem politisch konservativen Lebemann, mit Texten zwischen erhabener Dichtung und flapsiger Reimerei, Kaisertreue und pessimistischer Kulturkritik? Fühlen Sie sich ihm verbunden?

Poschmann: Ich muss gestehen, dass ich zu Liliencron bisher überhaupt keinen besonderen Bezug hatte. Ich habe mich erst in Vorbereitung auf diese Dozentur etwas näher mit ihm beschäftigt, und da gibt es Aspekte, die mich tatsächlich nicht so sehr interessiert haben. Aber es gibt auch Aspekte, die bis heute noch spannend sind. Vor allem die Arbeit am Vers fand ich besonders bemerkenswert. Liliencron gehört ja zu denen, die den freien Vers in Deutschland populär gemacht haben. Das fand ich sehr interessant. In der Literaturgeschichte kann man den freien Vers aus unterschiedlichen Richtungen ableiten: aus der antiken Ode, aber auch aus der Verwendung der Alltagssprache. Und das hat Liliencron in Deutschland als Pionier geleistet.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Die Schriftstellerin Marion Poschmann in einer Nahaufnahme. © picture alliance Foto: Ulrich Baumgarten

"Lyrik öffnet Räume in ein anderes Denken"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Marion Poschmann übernimmt in diesem Jahr die 22. Liliencron-Dozentur in Kiel. "Ich hoffe, dass ich das Ansehen der Lyrik wieder etwas heben kann", sagt die Lyrikerin.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.01.2020 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

44:31
Unsere Geschichte
44:02
Unsere Geschichte