Stand: 12.08.2019 18:05 Uhr

Marianne Birthler über den Mauerbau

Im August 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut - die Teilung Deutschlands wird manifest. Hier Arbeiten an der Lindenstraße.

13. August - Jahrestag des Mauerbaus. Fast ein Routinetermin. Nicht aber 2019, 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, in einer politischen Lage, die zwischen Ost und West viele Fragen offen lässt. Marianne Birthler suchte schon Mitte der 1980er-Jahre den Kontakt zu Oppositionsgruppen in der DDR und engagierte sich auch in der Übergangszeit zur Deutschen Einheit. Vom Jahr 2000 bis 2011 war sie die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU).

Frau Birthler, Sie sind in Berlin-Friedrichshain geboren, am 13. August 1961 waren sie 13 Jahre alt. Haben Sie prägende Erinnerungen an jenen Tag?

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Marianne Birthler war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.

Marianne Birthler: Oh ja. Wir waren ja eine Berliner Familie und hatten Freunde und Verwandte im Westen. Wir selber wohnten auch gar nicht weit von der Grenze und gingen oft hin und her, sodass wir das auch als ein persönliches Drama erlebt haben. Schon in den Wochen zuvor deutete sich das an: Im Radio war die Rede von immer stärker steigenden Zahlen von Menschen, die die DDR verließen, sodass klar war, dass das nicht so bleiben wird. Aber dass dieses monströse Bauwerk entstehen und sich so lange halten würde, das konnte sich damals keiner vorstellen.

Welche konkreten Auswirkungen hat das für Sie und ihre Familie gehabt?

Birthler: Zunächst mal ein Abgeschnittensein. Man darf nicht vergessen, dass viele Ostberliner oft im Westen ins Kino gingen, ins Theater, zum Einkaufen, sie besuchten Freunde. Der größere Teil der Stadt stand ihnen ja offen - und das war jetzt alles vorbei. Das war insbesondere für Menschen, die enge persönliche Beziehungen zu ihren Liebsten im Westen hatten, ein harter Schnitt, zumal man sich mehr als zweieinhalb Jahre lang überhaupt nicht sehen konnte. Bis zum ersten Passierscheinabkommen war es ausgeschlossen, sich überhaupt nur zu begegnen, und Telefone funktionierten auch kaum.

1989, nach 28 Jahren und drei Monaten, war das endlich überwunden. Welche nachwirkende Bedeutung hatte dieser Akt des Mauerbaus, dieser ungeheure Vertrauensbruch, der das ja auch war?

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Birthler: Das war natürlich auch eine Bankrotterklärung. Das war ganz eindeutig so, dass die SED ihre Macht nur erhärten konnte, indem sie ihr eigenes Volk eingesperrt hat. Sonst wäre es mit der DDR schon viel, viel eher zu Ende gegangen. Die Folgen dieser Abriegelung sind vielfach spürbar gewesen: Man hatte kaum eigene Erfahrungen mit anderen Kulturen, anderen Religionen, anderen Lebensräumen. Es breitete sich auch ein gewisser Provinzialismus aus, und dieses Gefühl von Eingesperrtsein hat natürlich auch seine Wirkung gehabt - sicherlich nicht bei allen Menschen gleichermaßen, aber das Unterbewusstsein war damit schon beschäftigt. Ich habe später zum Beispiel erfahren, dass viele Menschen oft Träume hatten, in denen sie sich plötzlich in einer der U-Bahnen befanden, die unter Ostberlin hinweg fuhren. Diese westliche Welt beschäftigte uns sehr und hat auch bei vielen so ein Gefühl des Eingesperrtseins und der Hilflosigkeit erzeugt.

Vor bald 30 Jahren schien das dann überwunden zu sein. Die westliche Welt wurde zugänglich, und die alte Wunde, so dachte man, werde peu à peu schon heilen. Heute sieht es manchmal so aus, als könne der dünne Wundschorf jederzeit wieder aufplatzen. Woran liegt das? Was ist schiefgegangen?

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Birthler: Zwei aufeinanderfolgende Diktaturen wirken natürlich nicht nur stark auf Individuen, sondern auch auf Gesellschaften. Und das Gefühl von Einheitsmeinung, von Unterdrückung, von Angst wirkt genauso nach wie so ein gewisser Komfort, der auch mit der Unmündigkeit einhergeht. Man hatte die Verantwortung abgegeben, andere Menschen sagten einem, wie das eigene Leben zu verlaufen hat - das sind alles Dinge, die sich nicht mit dem Fall der Mauer verflüchtigt haben. Es gab außerdem auch einen deutlichen Verlust einer bürgerlichen Mitte durch diese Ideologie, dadurch, dass Millionen Menschen aus dem Land getrieben wurden. Es ist uns systematisch abtrainiert worden, selbständig zu sein, eine selbständige Meinung zu haben. Obwohl ich aus einer eher politisch-kritischen Familie komme, hat es lange dauerte, bis ich irgendwann verstanden habe, dass man über eine Angelegenheit auch legitimerweise ganz verschiedene Meinungen haben kann. Das ist den Menschen geradezu ausgetrieben worden.

Laut einer Forsa-Umfrage vom 10. August liegt die AfD in Brandenburg mit 21 Prozent vorn, vor der CDU mit 18, der SPD mit 17, den Grünen mit 16 Prozent. Die politische Landschaft hat sich völlig verändert. Wie erklären Sie sich, dass insbesondere die AfD, die es ja erst seit 2013 gibt, solchen Zuspruch findet?

Birthler: Das wäre eine eigene Sendung wert. Es sind sehr unterschiedliche Gründe, die der AfD zum Erfolg verholfen haben. Im Grunde genommen macht sie aus Unzufriedenheit Wut, und aus den Sorgen der Leute macht sie Aggressionen. Das scheint ein gutes Geschäft zu sein. Es gibt viele Menschen, die Sorgen haben, aber man kann versuchen, daraus konstruktive Lösungen zu entwickeln. An denen hat die AfD aber kein Interesse, weil sie von der ungezügelten Wut der Menschen lebt. Und das ist in der Tat eine große Gefahr. Was mich im Moment besonders ärgert, ist diese Berufung auf 1989: Wenn man in Brandenburg durch die Dörfer fährt, dann sieht man diese Plakate. Das ist einerseits historisch grundfalsch und außerdem noch verlogen, denn niemals würde sich irgendein AfD-Politiker unsere wichtigsten Forderungen von damals zu eigen machen. Stellen Sie sich Herrn Höcke vor, wie er für offene Grenzen demonstriert, oder Herrn Kalbitz mit einem Plakat für den Schutz der Umwelt. Das waren damals unsere Forderungen. Und sie tun heute so, als würden sie das Erbe von 1989 weiterführen.

Welchen Anteil hat der Westen? Welche Fehler sind nach 1989/1990 grundlegend gemacht worden?

Birthler: Es gab ja keine Vorlage dafür, wie man ein solch gigantisches Projekt der Deutschen Einheit wirklich realisiert. Deswegen bin ich mit Vorwürfen immer ein bisschen zurückhaltend, weil so etwas nicht ganz ohne Fehler geht. Aber aufs Ganze gesehen stimmt das schon, dass die Ostdeutschen bald das Gefühl hatten, wieder fremdbestimmt zu leben. Das hat ihnen nicht gutgetan, wo doch eigentlich genau das Gegenteil gut gewesen wäre: sich zu emanzipieren, selbständig zu sein, eigene Fehler zu machen. Auch die dauerhafte Abhängigkeit von Geldtransfers aus dem Westen ist - so nötig sie waren - hatten etwas Antiemanzipatorisches, weil es zu erwachsenen, mündigen Menschen auch gehört, dass sie selber für ihren Lebensunterhalt sorgen. All das war der Entwicklung im Osten nicht dienlich. Man muss allerdings sagen, dass es in vieler Hinsicht auch wenig Alternativen gab. Denn der große Umbruch, der Anfang der 90er-Jahre erfolgte, war zum großen Teil auch den zurückliegenden Jahrzehnten der Misswirtschaft zu verdanken - nicht nur der manchmal tatsächlich anmaßenden und etwas arroganten Art des Westens, den Osten zu übernehmen.

Seit bald 30 Jahren ist die Mauer weg, und gelegentlich hat man den Eindruck, Ost und West seien jetzt wieder weiter voneinander entfernt als zwischenzeitlich. Was lässt sich tun? Wo würden Sie ansetzen?

Birthler: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dieses "Erzählt uns eure Geschichten", das lasse ich jetzt mal aus, weil das nicht funktioniert und das immer nur eine Einbahnstraße war. Ich glaube, dass alles, was dazu dient, den Osten wirtschaftlich selbstständig zu machen, was die Zivilgesellschaft stärkt, was Menschen ermutigt, in den Diskurs zu gehen, statt in so eine muffige Meckerei - all das kann uns helfen.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.08.2019 | 19:00 Uhr

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