Stand: 11.07.2018 17:43 Uhr

Von Trotta: "Bergman-Doku war mir etwas ungeheuer"

Am 14. Juli wäre Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Zwei Oscars gewann er, wurde in Cannes zum "Besten Filmregisseur aller Zeiten" gekürt und prägte den Stil des europäischen Kinos. Für die Filmemacherin Margarethe von Trotta war es eine doppelte Herausforderung, als sie gefragt wurde, ob sie nicht einen Film über Ingmar Bergman drehen wollte. "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" ist ihr erster Dokumentarfilm geworden und auch der erste Film, in dem ein Mann im Zentrum steht.

Frau von Trotta, wie haben Sie die Arbeit an diesem Projekt empfunden?

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Margarethe von Trotta hat einen Film über ihren "eigenen Meister" gedreht.

Margarethe von Trotta: Zunächst hatte ich große Angst davor. Als man mir das antrug, habe ich nicht sofort "hier" geschrien, sondern abgewehrt, weil einen Film über seinen eigenen Meister zu machen und den ersten Film über einen Mann - das war mir etwas ungeheuer.

Es ist nicht nur ein Film über Ingmar Bergman geworden, sondern auch eine große Liebeserklärung an das Filmemachen und damit auch ein Film ein wenig über Sie selbst, über Ihre Leidenschaft fürs Kino, die ja durch ein Bergman-Film entstanden ist. Als Sie "Das siebte Siegel" im Kino gesehen haben, waren Sie erschüttert.

Von Trotta: Genau. Ich war erschüttert, ich war erfreut, ich war überrascht, ich war völlig überwältigt. Das ist der erste Film gewesen, den ich überhaupt als ein Kunstwerk bezeichnen würde. Vorher, in den 50er-Jahren, gab es in Deutschland Heimatfilme, Melodramen und so weiter - das hat man nicht sehr ernst genommen, jedenfalls meine Mutter nicht. Wir sind ins Kino gegangen, als es am Sonntag geregnet hat, aber nicht um uns ein Kunstwerk anzusehen. Und das war das erste Mal, dass ich plötzlich einen Film sah, in dem alles vorhanden war: Musik, Theater, tiefe Gedanken, Existenzialismus und so weiter. Das war etwas so Außergewöhnliches, dass ich in dem Moment tief in mir selber den Wunsch verspürt habe, das vielleicht eines Tages auch machen zu dürfen.

Und so ist es ja dann auch gekommen.

Von Trotta: Ja, mit 17 Jahren Verspätung.

Ingmar Bergman war ein Rastloser: fünf Ehen, neun Kinder, 45 Kino- und 25 Fernsehfilme. Er liebte einerseits das Leben, auch die Frauen, seine Arbeit. Auf der anderen Seite wurde er von ganz starken Ängsten heimgesucht. Er hatte beispielsweise nicht die Begabung zum Vatersein. Sie haben mit einigen seiner Kinder gesprochen, und einer seiner Söhne sagt in Ihrem Film, er habe seinen Vater seit dessen Tod kein einziges Mal vermisst. Das sind sehr schonungslose, auch bittere Sätze - und dennoch war mein Eindruck, dass Sie durch den ganzen Film hindurch sehr liebevoll auf Ingmar Bergman blicken. Hatten Sie sich diese Erzählhaltung, diese liebevolle Blickrichtung vorgenommen, oder stellte sich das einfach ein, je mehr Sie auch über ihn erfahren haben?

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1997 wurde Bergman bei den Filmfestspielen in Cannes als "Bester Filmregisseur aller Zeiten" geehrt.

Von Trotta: Ich bin ja nicht losgezogen, um das Fürchten vor ihm zu lernen. Er wäre am 14. Juli 100 geworden, und man macht ja nicht als Filmemacher einen Film, um einen anderen herunterzuziehen oder ihn irgendwie bloßzustellen. Das war überhaupt nicht meine Absicht. Auch wenn Daniel sagt, er habe ihn nie vermisst - ich glaube ihm nicht ganz. Natürlich hat er ihn vermisst, sonst wäre das nicht so abrupt und eruptiv aus ihm herausgebrochen. Das war so heftig, dass genau das Gegenteil auch wahr sein könnte.

Sie haben viele Interviews geführt, unter anderem mit Liv Ullmann, aber auch mit deutschen Schauspielerinnen, mit Gaby Dohm und Rita Russek, die in München mit Bergman gearbeitet hatten. Und da wird dann auch die Faszination deutlich, die er für Frauen, für Schauspielerin hatte, die ihm blind vertrauten. Wenn man das mit der heute modern gewordenen #MeToo-Brille ansähe, dann ginge da sicherlich einiges an Zauber verloren. Wie haben Sie Ihre Haltung zu diesem Themenkomplex "Bergman und die Frauen" gefunden?

Von Trotta: Wie ich schon sagte: Ich bin nicht ausgezogen, um ihn irgendwie herunterzuziehen - das sollen andere machen, wenn sie daran Spaß finden. Ich weiß, dass zum Beispiel seine Frauen, die er verlassen hat oder die auch manchmal ihn verlassen haben, dass sie bis zum Schluss ihres eigenen Lebens mit ihm befreundet waren. Das wären sie nicht gewesen, wenn er sie wirklich schlecht behandelt hätte. Ich glaube nicht, dass er irgendwie seine Macht über sie ausgenutzt hätte - dieser Machtmissbrauch ist ja das, was #MeToo angetrieben hat. Und sicherlich hat er keine Frau vergewaltigt, sondern die waren froh, dass sie mit ihm zusammen sein konnten.

Sie haben in einem Interview gesagt, Sie hätten von Bergman die Eigenschaft übernommen, in die eigenen Abgründe zu blicken und davor nicht zurückzuschrecken. Es fällt der Satz in Ihrem Film, Ingmar Bergman sei eine Zeit in seinem Leben sehr angetan gewesen von Adolf Hitler. Sie schrecken nicht zurück an dieser Stelle. Hatten Sie Zweifel, ob diese Szene bleiben sollte?

Von Trotta: Er war ein junger Mensch, und er war Austauschschüler in Deutschland, also was man heute Austauschschüler nennen würde. Er kam aus einem Pfarrhaus, und er wurde in ein Pfarrhaus nach Weimar gebracht. Und da war ein gleichaltriger Sohn des Pfarrers, der für Hitler geschwärmt hat. Der Pfarrer selber hat auf der Kanzel nicht etwa aus der Bibel gelesen, sondern aus "Mein Kampf". Er ist da in einen Umkreis geraten, wo der Enthusiasmus, der damals sehr vielen Leuten zu eigen war, gelebt wurde. Hitler fuhr durch die Straßen, er wurde umjubelt - warum soll das junge Menschen nicht irgendwie begeistern? Aber hinterher - man muss seine Biografie lesen - hat er sich unendlich dafür geschämt. Er hat dann auch gesagt, dass er keine politischen Filme macht, weil er eben einmal so in die Irre gegangen ist.

Was hat sich in Ihrem Blick auf Ingmar Bergman durch diese Arbeit an dem Film verändert?

Von Trotta: François Truffaut hat geschrieben, Bergman sei der autobiografischste Filmregisseur, den es gibt. Ich glaube, das trifft immer noch zu. Das sagt auch Ruben Östlund in meinem Film: Das, was er an ihm bewundert, ist, dass er die Kraft und den Mut hatte, sich selber gegenüber seine schwachen Seiten, seine miesen Seiten mit in den Film hineinzubringen.

Nun ist das Ihr erster Dokumentarfilm; Sie haben gemeinsam mit Ihrem Sohn Felix Möller gearbeitet. Werden Sie weitermachen, haben Sie Blut geleckt an dieser Form des filmischen Erzählens?

Von Trotta: Ich glaube eher nicht. Das war doch sehr beschwerlich, dass man die Texte nicht vorhersehen konnte, was man beim Spielfilm natürlich hat: Man hat sein Drehbuch, man hat die Schauspieler, man redet vorher mit ihnen und legt die Szenen fest. Und hier war ich immer auf der Lauer: Was sagen die Menschen? Kann ich darauf reagieren? Also, ich glaube eher nicht; ich habe schon wieder andere Pläne.

Das Interview führte Martina Kothe

Margarethe von Trotta © picture-alliance / dpa Fotograf: LaPresse cosima scavolini

Auf der Suche nach Ingmar Bergman

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"Auf der Suche nach Ingmar Bergman" ist Margarethe von Trottas erster Dokumentarfilm und auch der erste Film, in dem ein Mann im Zentrum steht. Im Interview spricht sie darüber.

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NDR Kultur | Journal | 11.07.2018 | 19:00 Uhr

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