Stand: 02.06.2020 20:47 Uhr  - NDR Kultur

Marcel Reich-Ranicki: Zum Nutzen der deutschen Literatur

Ungeduldig, unermüdlich, hartnäckig - Marcel Reich-Ranicki konnte schnell sprechend, noch schneller denkend, messerscharf Urteile über Bücher und Autoren fällen. Sein Wort zählte, begünstigte Karrieren oder beschädigte sie. Der "Literaturpapst" schrieb Bücher, arbeitete als Literaturkritiker für die "FAZ" und "Die Zeit" und schaffte es, die Literaturrezension zu einem Fernseh-Ereignis im "Literarischen Quartett" werden zu lassen. Am 2. Juni wäre Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt geworden. Ulrich Kühn, Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion, erinnert an ihn.

Herr Kühn, Sie haben Marcel Reich-Ranicki mal zu Hause besucht - mögen Sie davon berichten?

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Ulrich Kühn ist Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion.

Ulrich Kühn: Das kann ich gern machen, weil das eine unvergessliche Begegnung war. Es ist bei dieser einen Begegnung geblieben, und sie hat nur eine Stunde gedauert. Ich bin im Oktober 2005 für unsere Sendung NDR Kultur à la carte dort hingefahren. Es sollte um den Lyrik-Teil des Kanons gehen, den Marcel Reich-Ranicki herausgegeben hat, und um seine Musikwünsche. Wir saßen in dem berühmten Wohnzimmer, wo die berühmte Thomas-Mann-Büste stand. Marcel Reich-Ranicki sprach genau so, wie er auch im Fernsehen sprach. Es wurde ein ganz tolles Gespräch, weil er, ohne irgendeine Aufzeichnung in der Hand zu halten, druckreif über alles, was da gefragt wurde, redete. Und vor allem auch über klassische Musik - das hat mich fast am meisten beeindruckt.

Reich-Ranicki hat Martin Walsers Buch "Jenseits der Liebe" in Grund und Boden kritisiert - verstörend für Walser bis heute. Walser revanchierte sich dafür Jahre später mit dem Buch "Tod eines Kritikers". Das wiederum traf Reich-Ranicki sehr tief...

Kühn: Das ist eine der berühmten Kontroversen, die sich da entwickelt haben, weil auch der Vorwurf des Antisemitismus im Spiel war. Diese Figur des Kritikers Andre Ehrl-König, wie sie in dem Roman von Martin Walser heißt, war nah an der Karikatur. Manche sprachen davon, Walser habe so eine Art Mordfantasie aufs Papier geworfen. Berührend fand ich den warmherzigen Nachruf, den Martin Walser Reich-Ranicki dann doch gewidmet hat, in dem er als kleine Spitze verpackte, dieser Kritiker sei gern seinen Einfällen gefolgt. Das war gewiss richtig. Ich habe den Eindruck, dass Walser mit dem "Tod eines Kritikers" auch einem Einfall gefolgt war, vielleicht einem Einfall, den er lieber nicht hätte folgen sollen.

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Er ist aber auch nicht der Einzige gewesen - immerhin kam er immer wieder vor. Günter Grass war ein anderer Großschriftsteller, der sich über Jahrzehnte mit Marcel Reich-Ranicki gekabbelt hat; man hatte das Gefühl, die beiden brauchten einander. Schlimmer war es vielleicht für die, die gar nicht mehr besprochen wurden, etwa Peter Handke. Reich-Ranicki hat in einem Gespräch über ihn mal geäußert, dass "Publikumsbeschimpfung" noch hochbegabtes Studententheater gewesen sei - aber die Romane hätten ihn nicht mehr so interessiert. Und das nehme ihm Handke am allermeisten übel, dass er seit zwölf Jahren nichts mehr über ihn geschrieben habe.

Von Peter von Matt war Reich-Ranicki begeistert: ein "vorzüglicher Mitarbeiter", damals bei der "FAZ". Ruth Klügers Buch "Weiterleben eine Kindheit" wurde im "Literarischen Quartett" besprochen: Reich-Ranicki war begeistert, und Ruth Klüger wurde berühmt. Reich-Ranicki konnte also auch Karrieren befördern, oder?

Kühn: Er konnte Karrieren befördern, und das hat er auch getan. Er hat großen Wert darauf gelegt, dass er in seinen späteren Jahren, wie er sagte, nur noch selten Verrisse geschrieben habe. Ulla Hahn sollte unbedingt auch noch genannt werden, die im Nachgang darüber berichtet hat, dass ihr das von den Kolleginnen und Kollegen ziemlich verübelt worden ist, dass dieser Kritiker sie so ins Rampenlicht gestellt hatte. Man merkt also auch, welche Fülle an Neid in diesem ganzen Zirkus im Spiel gewesen sein mag. Man wollte möglichst positiv beachtet werden. Irgendwann erschien das Buch "Lauter Verrisse" von Reich-Ranicki, und diejenigen, die da nicht Eingang gefunden hatten, nahmen es ihm am meisten übel, denn diese Bücher waren wohl nicht bedeutend genug.

"Beliebt" im herkömmlichen Sinne war Marcel Reich-Ranicki nicht - eher gefürchtet. Es war anstrengend mit ihm. Aber er hatte auf der anderen Seite auch etwas Mitreißendes, er sprühte vor Begeisterung und konnte andere anstecken. Das ist auch eine Gabe, oder?

Marcel Reich-Ranicki © NDR/Uwe Ernst

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Kühn: Ohne jeden Zweifel. Diese Leidenschaft war es, aus der er gelebt hat, die ihn auch so überzeugend hat wirken lassen. Verbunden mit seinen rhetorischen Fähigkeiten, die ganz außerordentlich gewesen sind. Er hat im Grunde alles gehabt, was ein guter Redner braucht - also klassische Schule, wenn man so will. Er wusste das auch zu verdichten, er wusste, die Pointen zu setzen - das alles in seinem unverkennbaren Idiom, was zu dem Trugschluss verführt hat, dass er sehr leicht zu parodieren gewesen wäre. Den Klang, den trifft man auch einigermaßen - aber die Substanz nicht so leicht. Das hat ihm auch diese Autorität verschafft und zuletzt zu den ganzen Reibereien geführt, denn man arbeitete sich an dieser Autorität ab. Er hat viel Macht gehabt, und er stand auch dazu, Macht zu haben. Er meinte, das sei zum Nutzen der deutschen Literatur. Also eine ordentliche, eine richtige Sache.

Die Literaturlandschaft hat sich in der letzten Zeit stark verändert: digital, non-linear, Literatur im Podcast. Was würde jemand wie Marcel Reich-Ranicki dazu sagen, würde er da noch mitmachen?

Kühn: Wenn ich das wüsste. Ich könnte mir vorstellen, wenn er der Meinung wäre, es sei nach wie vor zum Besten der Literatur, dann würde er da auch mitmachen. Er hat sich ja auch ins Scheinwerferlicht gesetzt. Er war sich sehr im Klaren darüber, was Medien bewirken. Er hat das Wunder zustande gebracht, dass dieses Medium sich den Bedingungen seiner Wirkung fügte statt umgekehrt. Vielleicht würde er darauf setzen, dass ihm das auch mit einem Podcast gelänge.

Ich glaube, dass ihn einiges sehr befremden würde. Er ist noch nicht mal sieben Jahre tot, und trotzdem hat man das Gefühl, man lebte fast in einer anderen Zeit. Das bezieht sich nicht nur auf die Literaturkritik, sondern auf ganz vieles andere auch. Es wäre unglaublich interessant zu erfahren, ob er uns den Kopf wüsche oder ob er das vielleicht alles ein bisschen relativierte, was unser einem gelegentlich so befremdlich und irritierend vorkommt, wenn Menschen Kritik mit Verschwörungstheorie verwechseln und dergleichen mehr. Aber wir werden es nicht erfahren, weil er eben fehlt.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Marcel Reich-Ranicki mit erhobenem Zeigefinger. © picture-alliance/ dpa Foto: Oliver Berg

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Ulrich Kühn, Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion, erinnert an den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der am 2. Juni 100 Jahre alt geworden wäre.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.06.2020 | 19:00 Uhr