Eine junge Frau zeigt auf ihrem Smartphone den Schriftzug #metoo. © picture alliance/dpa Foto: Frank May

Machtmissbrauch am Theater: Was muss sich ändern?

Stand: 16.03.2021 16:23 Uhr

Der Intendant der Berliner Volksbühne Klaus Dörr ist nach MeToo-Vorwürfen zurückgetreten. Ein Gespräch mit der Schauspielerin Laura Kiehne.

Eine junge Frau zeigt auf ihrem Smartphone den Schriftzug #metoo. © picture alliance/dpa Foto: Frank May
Beitrag anhören 7 Min

Am Wochenende hatte die "taz" darüber berichtet, dass sich zehn Mitarbeiterinnen der Berliner Volksbühne bei der Kulturverwaltung über Übergangsintendant Klaus Dörr wegen sexualisierter Übergriffe beschwert hätten. Erst bestritt Dörr die Vorwürfe - am Montag präsentierte Berlins Kultursenator Klaus Lederer überraschend Dörrs Rücktritt. Ist damit die Causa Dörr beendet? Fragen an die Schauspielerin Laura Kiehne vom ensemble-netzwerk, einer Interessensvertretung von Künstlerinnen und Künstlern am Theater.

Frau Kiehne, halten Sie den Fall Dörr für beendet?

Laura Kiehne: Nein, ich halte den Fall noch nicht für beendet. Aber nicht unbedingt im Hinblick auf diese spezielle Causa, sondern eher im Hinblick auf das, worauf sie verweist. In der Öffentlichkeit ist seit #MeToo bekannt, dass es an den Theatern Vorfälle ähnlicher Art gibt und dass die historisch gewachsenen Strukturen im Theater Machtmissbrauch unterschiedlichster Art begünstigen. Theaterschaffende selbst wissen das schon viel länger, aber sie haben ihn als "normal" hingenommen oder sich nicht getraut, ihn in Frage zu stellen oder gar lautstark darauf aufmerksam zu machen. Spätestens seit 2018 gibt es aber das Bewusstsein für diese Zustände und Strukturen, und man weiß auch, dass sie hochgradig kritisch und absolut nicht mehr zeitgemäß sind. Vor allem weisen sie auf eine Bigotterie der Theater hin, die auf der Bühne etwas proklamieren, was sie hinter der Bühne gar nicht halten.

Welche Rolle spielt Kultursenator Klaus Lederer in diesem Fall? Am 18. Januar hat er zum ersten Mal von den Vorwürfen gehört, mit denen sich die Betroffenen im November an die Vertrauensstelle "Themis" gewandt hatten. Drei Tage später hat er mit den Frauen darüber gesprochen, aber erst acht Wochen später - Anfang März - mit Klaus Dürr. Auch dann ist erstmal nichts geschehen - bis zur "taz"-Veröffentlichung am vergangenen Wochenende. Danach hat es wiederum nur drei Tage gedauert, bis Klaus Dörr zurückgetreten ist. Wie schätzen Sie dabei die Rolle von Klaus Lederer ein?

Klaus Dörr © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene
Am 15. März wurde der Rücktritt von Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr bekanntgegeben.

Kiehne: Auf der einen Seite muss man Verständnis dafür haben, dass solche Vorwürfe erst einmal genau geprüft werden, bevor man sie weiterträgt. Das ist ein hochgradig sensibles Feld und fordert auch einen entsprechenden Umgang. Ich würde mir nicht herausnehmen, zu bestimmen, was ein adäquater Zeitraum für eine Reaktion ist. Aber auf der anderen Seite gibt es mir persönlich sehr zu denken, dass das Verhalten von Klaus Dörr schon vor seiner Ernennung bekannt war, und zwar nicht nur innerhalb der Szene, sondern auch in der Senatsverwaltung für Kultur. Angeblich hat Klaus Lederer sogar vorher mit einer Mitarbeiterin am Gorki-Theater über Dörr gesprochen und sich Eindrücke eingeholt, die beschrieben haben, dass sich Dörr unangemessen Frauen gegenüber verhalte. Aber diese Informationen haben offensichtlich zu keinen Konsequenzen in der Ernennung geführt.

Und da fragt man sich, warum. Man hätte zum Beispiel unangekündigt eine anonyme Umfrage am Theater zum Arbeitsklima, zur Kommunikation oder zu etwaigen Vorfällen machen können, um zu prüfen, ob alles einen sauberen Gang geht. Ich stelle das deswegen so heraus, weil das Prinzip der Ernennung von Leitenden im Theater aus unserer Sicht sehr undurchsichtig und deswegen sehr problematisch ist. Künstlerische Exzellenz oder besondere Qualitäten in der Geschäftsführung bedeuten ja in keiner Weise automatisch, dass man auch Personalführungskompetenzen hat. Das muss geprüft werden. Und bei Personen, von denen man weiß, dass es in der Vergangenheit schon kritische Stimmen gab, sollte das nicht nur geprüft, sondern auch kontrolliert werden.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Da ist von übergriffigem Machtgebaren die Rede und vom unangemessenem, sexualisierten Verhalten. Insider sagen: So ist das halt am Theater. Wie sehen Sie das?

Kiehne: Ja, es gibt sehr viele Fälle von übergriffigem Machtgebaren, es gibt verbale Attacken, es gibt Mobbing, es gibt unangemessenes Verhalten und es gibt auch körperliche oder sexuelle Übergriffe. Es gibt aber vor allem ein merkwürdiges Klima der Angst und das ist auf die Strukturen und auf die besonders exponierte und ungeschützte Position der Mitarbeitenden zurückzuführen.

Inwiefern? Was macht das Ungeschützte aus?

Weitere Informationen
Eine Kamerafrau filmt. © imago Foto: photothek

Uni Rostock will "Dunkel der Filmindustrie" ausleuchten

Forscherinnen wollen 40.000 Filme auswerten, um zu sehen, welche Rollen Frauen und Männer vor und hinter der Kamera spielen durften. mehr

Kiehne: Wir können nicht verlängert werden und unser Vertrag läuft einfach aus. Das ist zum Beispiel ein Druckmittel, das eingesetzt werden kann, das zum Beispiel mehrfach bei Frauen eingesetzt wurde, die sich noch in der Elternzeit befunden haben, die in der Elternzeit nicht verlängert werden. Und in so einer Situation begehrt man natürlich nicht auf. Der Markt ist übersättigt, die Arbeitsplätze sind rar und begehrt, die Bezahlung ist nicht besonders gut - man ist also auf diese Position angewiesen. Und das baut den Druck auf, sich an diese Stellen zu klammern, koste es, was es wolle. Das führt dazu, dass man viel mehr hinnimmt, als man müsste.

Sie machen im ensemble-netzwerk auf diese Sachlage aufmerksam. Was muss sich ändern?

Kiehne: Wir haben in den letzten Jahren schon viele konkrete Punkte dazu erarbeitet. Wir wollen, dass künstlerische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Betriebe bei der Findung der Intendanten mit am Tisch sitzen und mitentscheiden. Wir möchten auch, dass es Selbstverpflichtungen in den Verträgen der Leitenden gibt, damit die rechtlich verbindlich werden. Es gibt zum Beispiel bisher einen Verhaltenskodex des Deutschen Bühnenvereins zum Thema Machtmissbrauch. Der ist gut, aber das ist eine selbst auferlegte Selbstverpflichtung. Der zieht bei Missachtung keine rechtlichen Konsequenzen nach sich, und das würden wir gerne ändern. Wir wollen auch, dass sich die Leitenden in ihren Personalführungskompetenzen ausbilden lassen müssen und dafür Zertifikate erwerben, die sie qualifizieren. Oder dass es andernfalls, wie in anderen Branchen schon lange üblich, Assessment-Center gibt, die man bei einer Bewerbung durchlaufen muss und die solche Kompetenzen abklopfen. Das könnte man zum Beispiel auch noch durch einen Kompetenzkatalog ergänzen, der nicht nur künstlerisches und geschäftsführendes Können bedenkt, sondern auch den Umgang mit dem Team in den Fokus nimmt.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.03.2021 | 18:00 Uhr