Stand: 12.03.2020 17:04 Uhr

"Mein Traum ist immer der nächste gute Text"

Für seinen Roman "Stern 111" hat der Schriftsteller Lutz Seiler den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik erhalten. Die Preise der Leipziger Buchmesse in den Sparten Belletristik, Sachbuch und Übersetzung wurden in diesem Jahr nicht auf der Messe selbst vergeben - diese wurde aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus komplett abgesagt.

Herr Seiler, Sie saßen am Frühstückstisch und am Radio, als Ihr Name verkündet wurde. Gab es da wenigstens eine kleine Umarmung?

Schriftsteller Lutz Seiler © picture alliance/dpa Foto: Arne Dedert
"Immer wenn man ein neues Buch anfängt, ist man im Grunde zurückgeworfen aufs Nichtskönnen", sagt Lutz Seiler.

Lutz Seiler: Ja. Es war ja eine grandiose Situation. Man sitzt noch im Bademantel am Frühstückstisch und hört Deutschlandfunk Kultur, und plötzlich hört man seinen eigenen Namen. Dann geht man in ein Nachbarzimmer, führt ein Telefonat und bekommt Glückwünsche zum Preis. Ich fand es fast so schön, als hätte die Messe stattgefunden.

Dabei sind Sie doch so ein großer Fan von Leipzig. Also gar keine Wehmut, dass Sie nicht in der Stadt waren, die Sie so gerne mögen?

Seiler: Doch, das auf alle Fälle. Für mich hat in Leipzig so viel angefangen: 1999 habe ich dort mit meinem damaligen Lektor Thorsten Ahrend zwischen den Messehallen gesessen, im Niemandsland, und das erste Mal über ein Buch gesprochen. Ich war schon in den 80er-Jahren viel in Leipzig, habe dort auch eine Zeit lang als Dozent am Literaturinstitut gearbeitet. Die Atmosphäre dieser Stadt ist ganz besonders schön.

Sie haben als Lyriker angefangen und schon damals viele Preise bekommen, 2014 für ihren ersten Roman "Kruso" den Deutschen Buchpreis - und jetzt den Leipziger Buchpreis. Fängt man an, sich an diese großen Preise zu gewöhnen?

Interview
Autor Lutz Seiler sitzt in der Schaubühne Lindenfels © picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Hendrik Schmidt

"Die Entscheidung für Lutz Seiler ist hervorragend!"

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Seiler: Ganz bestimmt nicht. Immer wenn man ein neues Buch anfängt, ist man im Grunde zurückgeworfen aufs Nichtskönnen. Und die Zweifel sind groß, ob man überhaupt jemals wieder wird schreiben können. Ich glaube, das geht vielen Schriftstellern so, dass sie immer wieder neu auf dieses Nichts zurückgeworfen werden und sich durch diese Wüste des Zweifels hindurch arbeiten müssen, um dann wieder zu irgendetwas zu kommen, mit dem sie einigermaßen zufrieden sein können. Deshalb sind das zwei völlig verschiedene Welten: zum einen das Schreiben und zum anderen der Betrieb ringsherum. Natürlich ist es schön, wenn man eine Anerkennung für seine Arbeit bekommt.

Sie haben sehr lange an "Stern 111" geschrieben. Eigentlich wäre das Ihr erster Roman geworden, wäre da nicht "Kruso" dazwischengekommen. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie sich in einer neuen Schreibart ausprobieren wollten, also vom Lyriker zum Prosa-Autoren?

Seiler: Das war schon eine Zäsur, auch für die eigene Schreibexistenz. Aber es war eher schön. Es ist wie in einer anderen Welt zu Hause zu sein. Ob man Lyrik oder Prosa schreibt, sind zwei völlig verschiedene Daseinsweisen: Die Lyrik verlangt eine konzentrierte Form der Abwesenheit, und die Prosa verlangt sehr viel Anwesenheit, Konzentration. Es ist eine andere Gangart, die unter Umständen auch sehr viel mit dem Ohr zu tun hat und letzten Endes auch mit Musik. Das kommt wiederum von den Gedichten, da gibt es Parallelen. Aber es ist richtig, dass es etwas Neues ist: Man muss sein Handwerkszeug auf alle Fälle rigide erweitern, denn die Prosa verlangt ganz andere Dinge.

Hörbuchtipp

Bei DAV ist auch eine ungekürzte Autorenlesung erschienen:

Lutz Seiler: "Stern 111"
Verlag: DAV
2 MP3-CDs
ISBN: 978-3-7424-1434-2
Preis: 25,00 Euro

Ihre Roman-Figur Carl ist handwerklich sehr begabt und interessiert sich für "gute Gedichte". Sie selbst haben auch als Handwerker, unter anderem als Zimmermann, gearbeitet. Gibt es für Sie auch Parallelen zwischen Handwerk und Schreiben?

Seiler: Vielleicht schon. Es gibt eine Prägung: Ich komme vom Bau. Ich habe den Beruf Baufacharbeiter gelernt - eigentlich ein ziemlich schöner Bildungsweg. In der Dichtung geht es ja um das sinnliche Begreifen der Dinge. Und das ist das, was man als Handwerker jeden Tag macht. Man hat mit den Dingen und ihren sinnlichen Qualitäten zu tun. Für die Literatur ist wiederum entscheidend, dass man es schafft, ein Ding sinnlich erfassbar zu machen, in einem Text die Aura eines Dinges zu erschließen und lesbar zu machen. Es hat sehr viel gemeinsam.

Ihre Romane werden gern als Nachwende-Romane gelesen. Was sind diese Romane für Sie? Würden Sie sie auch so bezeichnen?

Buchtipp
Cover des Buchs "Stern111" von Lutz Seiler © Suhrkamp Verlag

Eine Gesellschaft im Umbruch: "Stern 111"

Lutz Seiler ist mit "Stern 111" ein großer Roman gelungen, der auf bedrückende Weise von Aufbruch und Untergang erzählt, von sozialen Utopien und gesellschaftlicher Realität. mehr

Seiler: "Stern 111" wäre für mich ein Abenteuerroman, der in dieser 89er-Zäsur seinen Ausgang nimmt und von dort aus voranschreitet. Man hat dieses Elternpaar, das in den Westen zieht und später in die weite Welt. Für Carl ist es ein Rätsel: Er kennt seine Eltern nicht mehr und muss sie neu kennenlernen. Dieses Rätsel trägt auch das Buch, und das ist auch der Link zwischen den beiden großen Geschichten des Buches: zum einen der Berlin-Roman von Carl Bischoff und zum anderen der Roman seiner Eltern, die in die weite Welt ziehen mit zwei Jäger-Rucksäcken auf dem Rücken.

Diese Eltern haben viel Mut bewiesen. Den Mut, etwas zu wagen. Sie sind nun selbst in diesem Alter - haben Sie auch noch solche Träume, die Sie erst jetzt schaffen zu realisieren?

Seiler: Ich hätte niemals diese Energie, die diese Eltern im Buch haben - ich bewundere das. Tatsächlich musste ich wohl erst so alt werden, um vollständig zu begreifen, wie viel Mut und Energie für so einen Schritt nötig ist, im Alter von 50 Jahren alles zurückzulassen und nochmal vollkommen neu anzufangen, in einer völlig anderen Welt. Diese Art von Respekt, Bewunderung, Demut - das brauchte ich auch, um diese beiden Figuren erzählen zu können. Wenn man in sich hineinlauscht und sich fragt, ob man das schaffen würde, dann müsste man ehrlicherweise sagen: nein.

Aber gibt es vielleicht einen kleinen Traum, der nicht so viel Mut erfordert?

Seiler: Mein Traum ist immer der nächste gute Text.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.03.2020 | 19:00 Uhr

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