Stand: 19.06.2018 07:54 Uhr

Lüpertz erklärt sein Kirchenfenster

von Agnes Bührig

Die Marktkirche ist ein Wahrzeichen Hannovers. Kein Wunder also, dass es die Öffentlichkeit interessiert, wenn an ihr etwas geändert werden soll. So sorgt der Entwurf eines neuen Kirchenfensters des Künstlers Markus Lüpertz für Diskussionen. Aus diesem Grund hat nun die Gemeinde der Marktkirche zu einem offenen Austausch im Beisein Lüpertz' eingeladen.

Der Bachchor der Marktkirche singt die Kyrie von Francis Poulenc. Der Blick schweift über gut gefüllte Reihen mit Menschen vor allem jenseits der 60. Wenige Kunstwerke im Kirchenraum lenken vom Geschehen vor dem Altar ab. Dort steht Markus Lüpertz und berichtet über sein "Reformationsfenster" und warum er Luther in seinem Entwurf mit fünf deutlich sichtbaren Fliegen in Verbindung bringt: "Sie kennen alle die Legende, wie er die Bibel übersetzt und Satan stört ihn in Form einer Fliege, und er nimmt ein Tintenfass und schmeißt es nach der Fliege und weiß, das ist Beelzebub. Beelzebub ist der König der Fliegen und Luther habe ich so interpretiert und verstanden, dass er mit der damaligen, existierenden katholischen Kirche nicht zufrieden war und sich damit auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus war er ein Aufklärer, er hat die Bibel übersetzt. Und er hat somit eine ganz bestimmte kämpferische, aber auch legendäre Figur geboren."

Marktkirche Hannover

Gemeinde diskutiert über Reformationsfenster

Die Marktkirche in Hannover soll ein von Markus Lüpertz gestaltetes Reformationsfenster bekommen. Am Montag hat die Gemeinde darüber diskutiert - mit dem Künstler. Sehen Sie hier den Mitschnitt.

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Kirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann habe sich gefreut, ein neues Kirchenfenster von einem renommierten Künstler wie Markus Lüpertz zu erhalten, denn in eine gotische Kirche gehörten nun einmal bunte Fenster, findet sie. Und Petra Bahr, Landessuperintendentin im evangelischen Sprengel Hannover, fordert dazu auf, die Welt so zu sehen, wie wir sie im Augenblick nicht sehen, eine neue Perspektive auf das zu bieten, was wir vermeintlich immer schon wussten: "Das andere ist, dass die Kirche zwar als musealer Raum unter Denkmalschutz steht und deswegen im Grunde fertig ist, aber in theologischer Perspektive ist eine Kirche natürlich nie fertig, sondern immer unterwegs und jede Generation fragt sich natürlich, was bedeutet eigentlich Christsein in der Gegenwart."

Lüpertz geht es nicht um Provokation

Das Kirchenfenster als eine Membran in die Gegenwart - wie das geht, das haben bereits Gerhard Richters Kirchenfenster in Köln oder Sigmar Polkes in Zürich bewiesen. Für Markus Lüpertz, der mit seiner Kunst oft provozierend wirkte, geht es aber nicht um Provokation. Vielmehr will der 77-Jährige mit seinem Werk eine Atmosphäre zu Luther erschaffen. Fliegen seien dabei im Übrigen ein weit weniger grausames Motiv als manches Original aus dem historischen Kirchenkontext: "Wenn Sie sich mittelalterliche Fenster ansehen, da sind Dinge drin, die überhaupt völlig unverständlich sind: Da gibt es Teufel, da kriegen Sie Angst, da können Sie nachts nicht schlafen, wenn sie den wirklich sehen, und da gibt es abgeschnittene Beine, brennende Leute. Das sind aber Dinge, die spielen nicht die mittelbare oder unmittelbare Rolle, sondern sie sind vielmehr für die Atmosphäre des Zustands der damaligen Situation zuständig. Und wenn ich mich also mit der Fliege mit diesem Begriff Beelzebub auseinandersetze, dann ist das ein Angebot."

Fliegen als Symbol

Es ist das Angebot an jeden Einzelnen, das zu sehen, was er sehen will. Dazu fordert Markus Lüpertz das Publikum immer wieder auf. Und es melden sich etliche Gemeindemitglieder zu Wort, mit ganz unterschiedlichen Assoziationen: Einige sehen Fliegen als Aasgeier, die einen Menschen in ein Gerippe verwandeln, andere als Sinnbild für den Klimawandel. Pastorin Kreisel-Liebermann findet in dem Entwurf eine Reihe religiöser Zitate: "Martin Luther steht da barfuß. Das finde ich eine großartige Aussage, sozusagen so wie wir geschaffen sind, dieses weiße Gewand, vielleicht das Taufgewand, und diese Figur konnte zugleich, auch, wenn es Luther sein soll, jemand in einer anderen Religion sein, denn die Kappe ist die, die die Muslime tragen."

Der Kirchenvorstand hat sich bereits dafür ausgesprochen, das Fenster fertigen zu lassen. Jetzt muss noch die Denkmalpflege dem Entwurf zustimmen, dann könnte die Kunstgeschichte in der Marktkirche fortgeschrieben werden - mit einem ganz gegenwärtigen Werk zu Luther.

Weitere Informationen

Was sollen die Fliegen, Herr Lüpertz?

Bekommt Hannovers Marktkirche das von Markus Lüpertz gestaltete und von Altkanzler Schröder bezahlte Reformationsfenster? Bei einer Diskussion hat der Künstler sein Fenster erklärt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.06.2018 | 06:40 Uhr

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