Blick auf den Eingang des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. © NDR Foto: Julius Matuschik

Lockerungen für die Kulturwelt

Stand: 03.03.2021 18:02 Uhr

Bund und Länder haben sich auf einen Öffnungsplan geeinigt, in dem auch die Kultur Berücksichtigung findet. Ab dem 8. März dürfen unter bestimmten Voraussetzungen Museen, Galerien und Gedenkstätten wieder öffnen.

Blick auf den Eingang des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. © NDR Foto: Julius Matuschik
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Von diesen Beschlüssen betroffen ist Dr. Thomas Richter, Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. Herr Richter, wie die Vorschläge des Corona-Gipfels vom Mittwoch in den einzelnen Ländern umgesetzt werden, das zeigt sich noch. Aus Berlin heißt es zum Beispiel gerade, dass die staatlichen Museen erst ab Mitte März öffnen. Niedersachsens Ministerpräsident Weil hat sich nach den Verhandlungen aber zufrieden geäußert - die Ergebnisse seien ein deutlicher Fortschritt. Wie sehen Sie das?

Thomas Richter: Zufrieden kann man in der Tat sein. Vor allen Dingen, weil die Kultur jetzt auch eine Rolle spielt und nachprüfbar Gedanken gefasst wurden, wie wir mit den Museen, aber auch den Theatern und den anderen Kolleginnen und Kollegen, mit der Situation umgehen können. Das freut mich sehr.

Im Januar gab es einen Brief der führenden Kunstmuseen an die Kulturverantwortlichen von Bund und Ländern mit konkreten Vorstellungen, wie die Häuser wieder öffnen und eine kulturelle Grundversorgung ermöglichen können. Es hat rund sechs Wochen gedauert, bis es die ersten Perspektiven gibt. Wie viel Verständnis haben Sie für diese lange Leitung?

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Richter: Ich denke nicht, dass das eine lange Leitung ist. Ich denke, dass wir eine sehr komplexe Situation haben. Was die Beschlüsse angeht, haben wir eine Situation, die wir genau beobachten müssen. Wir haben Inzidenzen, die hier in der Region steigen, so dass wir die Situation anpassen müssen und die nächsten Tage genau beobachten müssen, was geschieht und wie wir darauf reagieren können.

In Braunschweig liegt der 7-Tage-Inzidenzwert zurzeit bei knapp über 50, in ganz Niedersachsen bei rund 65. Das heißt nach der gestrigen Beschlusslage, dass Museumsbesuche zwar gestattet werden, allerdings nur mit negativen Schnelltest und Zeitticket. Halten Sie dieses Konzept für einen gangbaren Weg?

Richter: Es ist sehr schwierig. Ich versuche mir vorzustellen, wie wir einzelne Termine entgegennehmen und die Schnelltests abprüfen. Das sind Dinge, mit denen Museen normalerweise nichts zu tun haben und bei denen wir sehr viel dazu lernen müssten, um sie kurzfristig umzusetzen. Außerdem kann so ein Museum nicht von heute auf morgen wieder an den Start gehen. Wir haben externe Dienstleister, die für uns tätig sind und deren Beschäftigte gerade in Kurzarbeit sind. Die müssen die ganze Arbeitsorganisation natürlich mit einem gewissen Vorlauf wieder auf uns fokussieren. Wir sind erprobt in der Situation, aber es braucht etwas Zeit.

Das heißt auch, wenn wir jetzt davon ausgehen, dass Sie ab dem dem 8. März wieder öffnen dürften, ginge das gar nicht?

Richter: Für uns gesprochen ginge das nicht. Von heute auf morgen wird das nicht funktionieren, weil wir unsere technischen Anlagen überprüfen und wieder instand für den Alltagsbetrieb setzen müssen. Wir müssen viele Dinge bedenken und die ganze Mannschaft wieder versammeln. Wir haben sehr viele Leute im Homeoffice.

Wie geht es in den nächsten Tagen bei Ihnen weiter, wenn Weil unterschreibt, was beschlossen wurde?

Richter: Wir werden uns intensiv abstimmen. Wir sind ja nicht im luftleeren Raum - wir haben andere Museen im Umfeld. Wir werden Gespräche führen und versuchen, einen gangbaren Weg herbeizuführen. Wir müssen beobachten, wie die allgemeine Lage sich entwickelt. Es macht keinen Sinn, im März zu öffnen und im April wieder zu schließen.

Sie haben angedeutet, dass es viele Fragen gibt, mit denen Sie sich beschäftigen müssen, mit denen Museen sonst nicht zu tun haben. Sind da für Sie noch viele Fragen offengeblieben, und wenn ja, welche? Gibt es noch Bedarf zur Feinjustierung von politischer Seite?

Richter: Nein. Wir haben unsere Hygienekonzepte in vielen Wochen erprobt und genau ausgetüftelt. Wir würden da wieder einsteigen, sie auf eine veränderte Lage anpassen, Gespräche mit dem örtlichen Gesundheitsamt suchen und da eine Diskussion herstellen. Das sind alles Dinge, die wir nacheinander prüfen und organisieren werden.

Es gab viel Kritik, dass weiterhin produziert werden durfte, dass Baumärkte, Blumenläden und Friseure zuletzt wieder öffnen durften, aber die Kultur bis dato von allen Lockerungen ausgenommen war. Was sagt das aus über die Wertschätzung der Kultur in unserem Land?

Richter: Wir müssen sehr darauf aufpassen, dass wir nicht hinten herunterfallen. Es ist klar, dass das Land und die Gesellschaft gerade größere Probleme haben, als nicht ins Museum gehen zu können. Andererseits ist spürbar geworden, wie wenig man über diese Bereiche nachgedacht hat und wie wenig in der Art und Weise, wie die Dinge nicht vorgekommen sind, eine gewisse Wertschätzung zum Tragen kam: wie die einzelnen Player - Theater, Museen etc. - und vor allem die vielen kleinen privaten Anbieter und Vereine im Abseits standen. Das gibt zu denken. Ich müsste aus unserer Sicht ganz selbstkritisch sagen, dass wir viel stärker dafür werben müssten, dass wir ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Realität und des Lebens sind. Dass wir stärker auftreten müssen, ist ein Aufruf, den ich für mich persönlich in der bisherigen Situation ziehe.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.03.2021 | 18:00 Uhr

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