Livestream-Talk: "Wie hat Corona unser Miteinander verändert?"

Stand: 26.03.2021 08:59 Uhr

Das vertraute Miteinander ist seit der Pandemie auf Abstandsmodus. Was das für uns bedeutet, war Thema des Herrenhäuser Gesprächs von Volkswagenstiftung und NDR Kultur.

Screenshot eines Splitscreens mit Jutta Allmendinger, Hansjörg Dilger, Ute Frevert und Ulrich Kühn © NDR
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von Agnes Bührig

Dass man sich im Livestream schlechter ins Wort fallen kann, mutmaßt Ulrich Kühn über das Miteinander in Coronazeiten aus der Sicht des Moderators - völlig unbegründet, denn das Gespräch wandert munter von Videobild zu Videobild der Teilnehmenden.

Grundton des Jammerns und Eigenverantwortung der Menschen

Zunächst geht es um die individuellen Erfahrungen in der Pandemie. Der Grundton des Jammerns erinnere sie an ihre kleinen Enkelkinder in Trotzhaltung, sagt die Historikerin Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Doch haben wir nicht gerade eine individuelle Verantwortung? "Wir haben uns seit den 50er-Jahren daran gewöhnt, dass wir einen Staat haben, der uns alles abnimmt", so Frevert. "Was mir aber dabei fehlt, ist, dass es auch eine Erwartung gibt an verantwortungsvolles Handeln von jedem und jeder einzelnen. Erwartungen kann man nicht immer nur an andere stellen."

Wunsch nach Solidarität mit dem globalen Süden

Die anderen, das waren global betrachtet bisher auch diejenigen, die Pandemien zu erleiden hatten: bei Aids in Afrika etwa oder SARS Anfang des Jahrtausends in Asien, gibt der Medizinethnologe Hansjörg Dilger zu bedenken. Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin fordert dazu auf, den Blickwinkel einmal zu verändern, etwa in Bezug auf das Thema Impfen: "Wir denken: Wenn andere Länder im globalen Süden nicht schnell impfen, können wir nicht reisen", so Dilger. "Wir denken nicht aus der Perspektive: Was macht es eigentlich mit den Gesellschaften dort? Und was macht es mit dem globalen Ungleichgewicht? Da würde ich mir einen globalsolidarischen Umgang wünschen."

Benachteiligte Schülerinnen und Schüler unterstützen

Was können wir also aus der Krise lernen, wie soll es weitergehen? Für die Soziologin Jutta Allmendinger sind ungeplante Projekte mit Modellcharakter wie die Lernbrücken in Berlin vorbildhaft. Das Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung organisierte für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler während der Schulschließungen erfolgreich Unterstützung beim Lernen zu Hause.

Ungeplante Pandemie-Auswirkungen mit Zukunftspotential

Und die Präsidentin vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nennt eine weitere ungeplante Auswirkung der Pandemie mit Zukunftspotential. "Bei etwa 14 Prozent der Paare mit Kindern haben Männer jetzt viel mehr Carearbeit übernommen", berichtet Allmendinger. "Einfach, weil sie diejenigen waren, die zu Hause gearbeitet haben und die Frauen vor Ort arbeiten mussten. Da kann man auch incentivieren, indem man bei dieser Kurzarbeit weiter die Differenz zahlt, so lange bis sich eine Gleichverteilung von unbezahlter Arbeit einstellt."

Individuelle Verantwortung stärker in den Fokus rücken

Das Miteinander hat sich verändert, doch statt über die politischen Entscheidungen zu jammern, könnte die individuelle Verantwortung in der Krise stärker in den Fokus rücken, etwa mit Bürgerräten, schlägt Ute Frevert vor. Zudem lässt sich der Blick auch in der Krise auf etwas richten, was sich unerwartet positiv entwickelt hat - das gibt dieses Herrenhäuser Gespräch auch zu bedenken.

Noch einmal hören können Sie die Sendung in voller Länge am 28. März in der Sendereihe Sonntagsstudio, ab 20 Uhr auf NDR Kultur.

Weitere Informationen
Herrenhäuser Gespräche in einer Video-Schalte © NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 25.03.2021 | 10:20 Uhr