Stand: 10.06.2020 17:41 Uhr

Live Art Festival unter dem Motto "Ziviler Gehorsam"

von Peter Helling

Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel wagt den Anfang und eröffnet ihren analogen Spielbetrieb wieder, wenn auch sehr behutsam. Das Live Art Festival steht unter dem Motto "Ziviler Gehorsam" und sollte ursprünglich mit einem klaren Statement gegen Verschwörungserzählungen beginnen. Der Tod George Floyds in den USA warf diese Planung um.

Mitglieder des Kollektivs "geheimagentur" posieren als Paketboten.  Foto: geheimagentur
Das Kollektiv "die geheimagentur" hat die Performance "Unboxing Unboxing" entwickelt, eine John Cage-Performance fürs Wohnzimmer.

Es ist ein starkes Zeichen, mit dem sich die Kulturfabrik Kampnagel zurückmeldet, ganz analog. Unter freiem Himmel, auf der Piazza von Kampnagel, wird Tacheles geredet. Natürlich unter strengsten Abstandsregeln. Rund 50 Menschen nehmen auf streng angeordneten Stühlen Platz. Intendantin Amelie Deuflhard eröffnet das Festival mit den Worten: "Das erste Festival, ich würde mal sagen in Europa, das unter Corona-Zeiten wieder stattfindet."

Diskussion über Rassismus

Nach dem Tod von George Floyd in den USA und den weltweiten Protesten gegen Rassismus haben die Festivalmacherinnen den Auftakt umorganisiert - mit einer Diskussion über Rassismus. Augenscheinlich wollte man es nicht machen wie manche weiße Talkrunden, in denen über Schwarze gesprochen wird. Hier sind alle schwarz. Etwa Manuel von der Initiative "Balduin-Treppe": "Es ist eine unglaublich hohe Kunst von schwarzen Leuten in dieser Stadt, sich unsichtbar zu machen! Wenn Sie mal mit der U3 morgens fahren, vom Hamburger Osten in den Hamburger Westen, dann sehen Sie, wie viele schwarze Menschen es gibt."

Vom Gefühl, "nicht frei atmen zu können"

Corina Humuza moderiert, ihre Gäste sind außerdem Tali Diabi, Angehöriger des in Hamburger Polizeigewahrsam verstorbenen Jaja Diabi, und die Antidiskriminierungsberaterin Eliza-Maimuna Sarr. "I can't breathe" - "Ich kann nicht atmen", die letzten Worte George Floyds, sie hallen bis nach Kampnagel, so Sarr: "Wer sich diese Situation nicht vorstellen kann, nicht atmen zu können, der hat wahrscheinlich vorher nicht Rassismus erlebt. Es ist eine geteilte Erfahrung, überhaupt nie das Gefühl zu haben, frei atmen zu können", erzählt sie.

Alltäglicher Rassismus in Hamburg

Mitglieder der Gruppe Gods Entertainment posieren als Hippies.  Foto: Gods Entertainment
"Gods Entertainment" laden auf dem Kampnagel-Gelände zu einer performativen Weltreise ein.

Besonders ist, dass es hier so gut wie gar nicht um den Rassismus in den Vereinigten Staaten geht, sondern um den eigenen, hier in Hamburg, den alltäglichen Rassismus vor der Tür und tief in unseren Seh- und Denkmustern. Ein mitreißendes, kluges Gespräch.

Seltsame Klänge sind bei Live Art auch zu hören. Das offene Kollektiv "die geheimagentur" hat die Performance "Unboxing Unboxing" entwickelt. Hier wir das Unmögliche geliefert. So kann man eine John Cage-Performance buchen, wie bei einem normalen Paketdienst, direkt ins eigene Wohnzimmer.

Das Duo "Gintersdorfer/Klaßen" wird ab dem 11. Juni an die geschlossenen Clubs erinnern. Und dann wird die Gruppe "God’s Entertainment" aus Wien das Gelände von Kampnagel für eine performative Weltreise verwandeln.

Kultur ruft auf, Schwarzen zuzuhören

Es sind kleine, intensive Trainingseinheiten für den kulturentwöhnten Menschen. Am Anfang aber steht diese eindringliche Warnung vor Rassismus: "Bleiben Sie aktiv, bleiben Sie wachsam für das Thema!" Einfach mal zuhören, wenn Schwarze von eigenen Rassismus-Erfahrungen sprechen: Aktueller kann Kultur gerade nicht sein. Endlich wieder.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.06.2020 | 06:40 Uhr