Stand: 17.10.2019 19:42 Uhr

Literaturpreise: Vier Ausgezeichnete berichten

von Alexander Solloch

Das Publikum will Sieger sehen und, womöglich, auch Verlierer. Darum stiftet es Preise - Literaturpreise in unserem Fall -, und die stiften wiederum Jubel und Verdruss und unterhalten uns alle prächtig. Zugleich können sie von existenzieller Bedeutung sein. Elke Heidenreich hat unlängst erklärt: "Ich bin gegen diese ganze Preiserei!" Man könne nicht das eine Buch preisen und es gegen andere Bücher ausspielen. Die Betroffenen selbst erzählen auf der Buchmesse naturgemäß andere Geschichten. Alexander Solloch hat sie sich angehört.

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Saša Stanišić, Träger des Deutschen Buchpreises 2019, spricht mit NDR Kultur Literaturredakteur Ulrich Kühn.

Man muss ja nun nicht behaupten, dass ein ordentlich dotierter Preis zur Gesundheitsvorsorge des mitteljungen Autors von heute unbedingt dazu gehört. Aber Saša Stanišić, der am Montagmorgen, Stunden bevor er den Deutschen Buchpreis bekam, noch so krank war, dass er es kaum aus dem Bett schaffte, wirkte Mitte der Woche schon beinahe wieder fit - beflügelt von Adrenalin und Freude: "Ich bin extrem motiviert, also es beflügelt wirklich. Der Preis bedeutet für mich - finanziell ohnehin - eine Art Freiheit für die nächsten Wochen und Monate, um mich meinem nächsten Projekt widmen zu können."

Endlich ins Luxushotel

Eugen Ruge ist einer seiner Ahnen in der Riege der Buchpreisgewinnerinnen und -gewinner. Er wurde 2011 für "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ausgezeichnet. Die 25.000 Euro Preisgeld sind das eine, das andere die wundersame Mehrung der Buchkäufer nach dieser Auszeichnung. Ruges neuer Roman "Metropol" ist sozusagen eine Langzeitwirkung des Buchpreises; endlich konnte er selbst einmal das berühmte Luxushotel in Moskau ausprobieren, in dem seine Großmutter Mitte der 30er-Jahre lebte: "Als ich für die 'Zeiten' recherchiert habe, war ich auch in Moskau. Da habe ich mal vorsichtig gefragt an der Rezeption, was ein Zimmer kostet - und allein schon an dem Blick über die Theke gemerkt, dass das nicht meine Welt ist. Aber später habe ich meinen Aufenthalt in dem Hotel nachgeholt, als es nicht mehr so schwierig war mit dem Geld."

Alexander Solloch interviewt den Autoren Eugen Ruge während der Frankfurter Buchmesse 2019. © NDR Foto: Judith Blatt

Was Literaturpreise bewirken

NDR Kultur - Journal extra -

Literaturpreise stiften beim Publikum Jubel, Verdruss und prächtige Unterhaltung. Wie vier Ausgezeichnete die Preiserei erleben, haben sie uns auf der Frankfurter Buchmesse erzählt.

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Als er den Buchpreis bekam, war Ruge übrigens ein Roman-Debütant - dennoch weithin akzeptiert als renommierter Theaterautor, der auf die 60 zuging. In diesem Jahr ist die Jury sehr dafür gescholten worden, dass sie so ungewöhnlich viele junge Debütanten nominierte. Der eine oder andere Kritiker wollte auf den Preis wohl den Zettel kleben: "Nur für Erwachsene", und so hört man von manch einem der Nominierten: "So ein Glück, dass ich nicht gewonnen habe, was hätte das für einen Gegenwind gegeben!"

Nicht sofort den Brotjob kündigen

Dana von Suffrin musste sich nicht mit dieser Sorge herumplagen, sie hat im September für ihren Roman "Otto" ganz vorschriftsgemäß den Debütantenpreis beim Hamburger Harbour Front-Festival gewonnen: 10.000 Euro für die 34-Jährige, die im Brotberuf als Historikerin an der Uni München arbeitet. Sie berichtet: "Ich habe nicht sofort meinen Job gekündigt und alles hingeschmissen, aber ich finde es schon schön, dass ich jetzt ein finanzielles Polster habe und wüsste, im Notfall käme ich eine Weile damit hin und könnte mich ein paar Monate nur von Wasser, Brot und leeren Seiten ernähren."

Was würde Dana von Suffrins Romanheld Otto, der pensionierte Ingenieur, der extrem besserwisserische und leider trotzdem liebenswerte Vater, ihr sagen, wenn er wüsste, dass sie mit seiner Hilfe einen Preis gewonnen hat? "Otto würde sagen: Das hast du gut gemacht. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber es scheint mir sehr interessant zu sein. Und jetzt überleg doch bitte nochmal, ob du nicht etwas Technisches studieren könntest."

Ein existenzielles Stipendium

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Peter Wawerzinek, hier interviewt von Alexander Solloch, gewann 2010 beim Bachmann-Wettbewerb sowohl den Haupt-, als auch den Publikumspreis.

Aber das wird sie nicht tun. Dana von Suffrin wird der Literatur und dem Literaturbetrieb erhalten bleiben, aus dem man freilich ebenso fulminant, wie man hineingelangt, auch wieder herausgeschleudert werden kann. Peter Wawerzinek war lange in der Versenkung verschwunden, ehe er 2010 triumphal zurückkehrte, indem er beim Bachmann-Wettbewerb sowohl den Haupt- als auch den Publikumspreis gewann. Wichtiger aber, so Wawerzinek, ja geradezu existenziell sei für ihn im Jahr 2003 das von Günter Grass gestiftete Döblin-Stipendium im schleswig-holsteinischen Wewelsfleth gewesen:

"Ich tat einem Freund leid, als ich damals jeden zweiten Tag besoffen in der Bude rumhing und nichts mehr schrieb. Da hat er mir einen Zettel hingelegt: Bewirb dich doch da in Wewelsfleth, da bewerben sich nur knapp 70 Leute, da hättest selbst du noch eine Chance! Das hat mich natürlich geärgert, aber ich habe mich dann beworben und das Stipendium tatsächlich gekriegt. Und gegenüber war eben diese Heilanstalt. Es fing also an mit diesem Stipendium in der Villa Grassimo, jetzt bin ich in der Villa Massimo. Von Grassimo zu Massimo."

Hilfe in der Not, Ansporn, Ermutigung - Literaturpreise können manches bewirken. Aber: "Entscheidend ist auf dem Platz", sagt der Fußballer. Und Peter Wawerzinek sagt: "Eine Leserschaft zu gewinnen - das ist, glaube ich, wichtiger als die ganze Preiserei."

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Dieses Thema im Programm:

Journal extra | 17.10.2019 | 19:00 Uhr

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