Stand: 10.10.2019 09:42 Uhr

Literaturnobelpreis: Alter Glanz durch neues Verfahren?

von Jan Ehlert

Heute um 13 Uhr werden nicht einer, sondern gleich zwei Literaturnobelpreise vergeben - nämlich auch rückwirkend der Preis für 2018. Damals fiel die Verleihung aufgrund zahlreicher Skandale, die das Nobelpreiskomitee erschüttert hatten, aus: Verkauf von geheimen Informationen, Vergewaltigungsvorwürfe - all das hat dem Glanz des Preises ziemlich geschadet. Doch nun soll es nach dem Willen des Komitees wieder um Literatur gehen.

Die Literaturnobelpreise der vergangenen Jahre

Es wird nicht einfach für das Nobelpreiskomitee in Schweden. Während sein Ruf früher glänzte, es so etwas wie der Gralshüter der hohen Literatur war, haben die Skandale aus 2018 ihre Spuren hinterlassen. Die vergangenen Jahre haben nun gezeigt, dass hier auch Menschen sitzen, denen es viel mehr um die eigenen Interessen ging. Besonders haben sie - das zeigten besonders die Belästigungs- und Missbrauchsvorwürfe - die humanistischen Ideale Alfred Nobels mit Füßen getreten. Dies sei sehr schmerzhaft gewesen, das räumt auch Mats Malm ein, der neue Ständige Sekretär des Komitees. Er ist jedoch zuversichtlich, dass der Nobelpreis seinen alten Glanz zurückgewinnen kann. Es hat Änderungen in der Struktur des Komitees gegeben, neue Mitglieder sind dazu gekommen, mehr Frauen, mehr Externe. Und natürlich sollen die Preisträger für diesen Glanz sorgen.

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Zwei Literaturnobelpreise: Wer glänzt mehr?

Doch besteht bei der Verleihung von gleich zwei Preisen nicht die Gefahr, einer der Preisträger oder Preisträgerinnen im Schatten der anderen stehen wird? Das Nobelpreiskomitee hat es im Vorfeld betont: Beide Preisträger würden gleichermaßen geschätzt und "die Aufmerksamkeit und der Ruhm reichlich sein". Übrigens gab es das 1928 schon einmal: Da wurde gleichzeitig rückwirkend der Preis für 1927 vergeben. Mit dem Philosophen Henri Bergson und der norwegischen damals noch sehr jungen Schriftstellerin Sigrid Undset wurden zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten ausgewählt, dass man beide gar nicht miteinander vergleichen konnte.

Kanadische Kandidaten: Anne Carson und Margaret Atwood

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Die Autorin Maryse Condé bei der Verleihung des "New Academy Literature Prize" in Stockholm.

In diesem Jahr, weist Mats Malm hin, gehe es besonders um die Weltliteratur. Wenn man die männerorientierte und eurozentristische Perspektive vermeidet, die den Preis bislang dominiert hat, dann sei er sicher, dass der Ruf des Preises wieder hergestellt werden könne. Glaubt man den Buchmachern, dann hat die Kanadierin Anne Carson gute Chancen. Eine Lyrikerin, von der in Deutschland in diesem Jahr das Buch "Rot. Zwei Romane in Versen" erschienen ist. Auch ihre Landsfrau Margaret Atwood wird - wie eigentlich jedes Jahr - gut gehandelt.

Literaturnobelpreisvergabe: Kein Mann, kein Europäer

Es wird aber auch spekuliert, dass in diesem Jahr keine Autorinnen ausgezeichnet werden, die Englisch als Muttersprache haben. Das spräche zum Beispiel für Can Xue, eine chinesische experimentelle Dichterin, die seit Jahrzehnten im Literaturbetrieb hohe Anerkennung genießt. Oder Scholastique Mukasonga, eine ruandische Schriftstellerin, die sich in ihren Romanen und Novellen auch für die Aussöhnung in ihrem kriegszerrütteten Land einsetzt.

Dann wäre da natürlich noch Maryse Condé, die Grande Dame der karibischen Literatur, die im vergangenen Jahr den "Alternativen Literaturnobelpreis" erhalten hat. Eine Auszeichnung, die als Ersatz für den Literaturnobelpreis ins Leben gerufen wurde und über den Leserinnen und Leser weltweit abstimmen durften. Das Schöne ist ja: Würdige Preisträgerinnen und Preisträger gibt es viele in der Weltliteratur. Wir dürfen also sehr gespannt sein, für wen sich das Komitee tatsächlich entschieden hat.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.10.2019 | 06:40 Uhr

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