Lina Beckmann und Charly Hübner im Foyer von NDR Kultur © NDR Foto: Claudius Hinzmann

Lina Beckmann und Charly Hübner fahren auf (Zuver-)Sicht

Stand: 27.12.2020 21:05 Uhr

Im Interview erzählen Lina Beckmann und Charly Hübner, wie sie das Coronajahr erlebt haben, was die Krise mit der Gesellschaft macht und was sie sich für 2021 wünschen.

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Lina Beckmann und Charly Hübner verbringen auch unter normalen Umständen viel Zeit miteinander: Das Paar ist am Schauspielhaus Hamburg engagiert. Sie teilen sich ihren Arbeitsplatz, auch wenn sie nicht im Corona-Homeoffice aufeinander hocken und auf virtueller Bühne online auftreten. Zwar ergaben sich auch andere Projekte in diesem Jahr, wie das unter Corona-Bedingungen gedrehte Roadmovie "Für immer Sommer 90", in dem Charly Hübner einen erfolgreichen Investmentbanker unterwegs in die Vergangenheit spielt. Lina Beckmann war kürzlich in dem ZDF-Zweiteiler "Altes Land" zu sehen.

Doch das vorherrschende Gefühl der vergangenen Monate war das einer Vollbremsung: Charly Hübner erfuhr im März einen Tag vor der Premiere von "Coolhaze", dass der Vorhang unten bleibt. Und Lina Beckmann, die sich als Protagonistin eines Shakespeare-Stücks auf die Bühnenrückkehr vorbereitete, verletzte sich. Ein weiteres Aus kurz vor der Ziellinie. Trotzdem geht es immer weiter und die beiden bleiben optimistisch.

NDR Kultur: Das Jahr neigt sich dem Ende zu - und man könnte neutral formuliert sagen, es war ein Besonderes. Mit welchen zwei Adjektiven würden Sie 2020 im Rückblick beschreiben?

Lina Beckmann: Turbulent und still (lacht). Ich habe gerade nach zwei Wörtern gesucht, die gegensätzlicher nicht sein könnten, weil es für mich wirklich ein wildes Jahr war und gleichzeitig so still wie kaum ein Jahr, das ich bis jetzt erlebt habe.

Wie war das bei Ihnen, Charly Hübner?

Charly Hübner: Nebulös und druckvoll fallen mir als Adjektive ein. Denn der Nebel hält bis heute an und man weiß nicht, was das Virus noch alles drauf hat. Und druckvoll, weil es verschiedenste Sorten von Druck gibt. Ich hatte eine sehr entspannte erste Jahreshälfte und eine extrem druckvolle zweite. Die ganze Arbeit aus dem ersten Halbjahr ist mir ins zweite Halbjahr gekippt. Aber man hat auch ganz viel Druck bei Leuten erlebt, denen es durch die Krise wirklich an die Existenz geht.

Haben Sie Kontakt mit vielen, die jetzt in dieser schwierigen Situation sind?

Hübner: Wir kennen im Theater einige freiberufliche Kollegen, denen es einfach gar nicht gut geht. Die jetzt auch schon woanders arbeiten mussten. Und drum herum kriege ich das eher am Rande mit, weil meine beiden Geschwister in systemrelevanten Branchen arbeiten - die haben natürlich auch diesen Druck bei der Arbeit.

Beckmann: Ich habe auch ein paar Freunde, die freiberuflich arbeiten, aber bei denen haut das noch ganz okay hin. Die ganz extremen Fälle hab ich persönlich noch nicht miterlebt. Von denen hört man immer wieder, aber von Leuten, die mir sehr nahe sind, steht niemand am Existenzminimum. Gott sei Dank.

Was glauben Sie, wird das nächste Jahr uns bringen? Was macht Corona mit uns als Menschen?

Hübner: Das ist natürlich eine große Frage. Als der erste Lockdown kam, hörte ich mich in meiner Flapsigkeit sagen: "Das ist wie ‘89." Weil das mein Rettungsanker im Hirn war. Vor 31 Jahren habe ich schon einmal etwas Ähnliches erlebt. Diese Krise ist wieder eine kollektive Erfahrung von etwas, bei dem wir nicht schon vorher wissen, worauf wir achten müssen. Oder wo alles einfach so weiterläuft wie in den 70 Jahren seit Kriegsende - vor allem im Westteil Deutschlands. Man lernt jetzt, wieder auf Sicht zu fahren. Und viele wollen das nicht mehr können. Aber ich habe letztens einen alten Kapitän getroffen, der sagte: "Früher mussten wir immer auf Sicht fahren, nicht nur bei Nebel". Und wir sind gerade in einer Nebelphase.

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Und dabei wird es viele Verwerfungen geben. Es wird eine Pleitewelle geben. Und man wird sehen müssen, wie die Kinder das aushalten, mit dieser Übernähe zu Hause und gleichzeitig dem Verlust der Nähe zu Freunden. Was man in Frankreich "distance sociale" nennt, finde ich - Entschuldigung für den Ausdruck, aber mir fällt kein besseres Wort ein - abartig. Dass man sich nicht einfach einer Neigung hingeben darf, die uns verbindet als Menschen. Jetzt gar nicht nur im intimen Bereich, sondern auch in einem sozialen Kollektiv. Und deswegen hilft mir wirklich am allermeisten der Gedanke, auf Sicht zu fahren - und dabei denen, die echt in Not sind, zu helfen. Also die eigene Kammer dann eben doch zu verlassen und sich im sozialen Bereich soweit es geht zu engagieren. Für Obdachlose, oder für viele Kollegen, die jetzt wirklich durch das Raster rutschen, etwa im Backstage-Bereich. Das verändert sehr viel. Und darüber hinaus muss man gucken, dass die Familien zusammenhalten. Alles andere wird sich dann Schritt für Schritt zeigen.

Was wünschen Sie sich, Lina Beckmann?

Beckmann: Also das kleine Mädchen in mir wünscht sich, dass alles wieder gut wird. Und die erwachsene Lina sagt dann, vielleicht könnte man sich noch ein bisschen mehr wünschen: Nämlich die Chance, Dinge zu verändern. Und das, was in dieser Krise an guten Sachen passiert ist, mitzunehmen in die Zeit, die danach kommt.

Hübner: Trotz der Zerrüttungen wird sich das Ganze wirtschaftlich wieder einpendeln, da bin ich mir sicher. Das viel größere Fragezeichen bleibt für mich im sozialen Bereich. Wie werden wir miteinander umgehen, wenn jetzt schon Kollegen sagen, wie überrascht sie sind, wenn sie einen Film sehen, wo sich Menschen umarmen oder küssen? Also ich habe das nicht. Aber wenn so etwas schon nach nur einem halben Jahr einsetzt, wo führt das hin? Da mach ich mir tatsächlich eher Sorgen, als dass die Wirtschaft nicht irgendwann wieder auf die Füße fällt. Dafür sind dieses Land und die EU viel zu ehrgeizig und das ist auch gut so für den Wohlstand. Aber im sozialen Bereich, glaube ich, könnte die Veränderung viel drastischer sein.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 28.12.2020 | 13:00 Uhr