Stand: 21.09.2019 11:22 Uhr

Letzter Teil der Kempowski-Saga feiert Premiere

von Daniel Kaiser
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Der jungenhafte Johan Richter als Walter Kempowski ist das mit Hornbrille das ruhige Zentrum des Stücks.

"Herzlich willkommen", ruft ein Behördenchor dem jungen Kempowski zu, als er nach jahrelanger Haft in Bautzen Hamburg erreicht. Man begleitet ihn bei seiner Odyssee durch Ämter und Gerichtssäle. Und vom Küchentisch, an dem er mit seiner Mutter Grethe sitzt, starten die Rückblenden in den drastischen DDR-Gefängnisalltag mit Gewalt und Hunger. Das ist bisweilen harter Stoff. Man sieht, wie Kempowski von einem Mithäftling vergewaltigt wird. Erzählt wird aber auch berührend von einer homosexuellen Freundschaft hinter Gefängnismauern.

Zwischen Knast und Küche

Auch im vierten Teil der 'Deutschen Chronik' ist der jungenhafte Johan Richter als Walter Kempowski mit Hornbrille das ruhige Zentrum des Stücks. Er führt das Publikum als wichtigster Erzähler von Szene zu Szene und ist gleichzeitig Teil der Handlung. Mit wenigen Handgriffen springt er von Ort zu Ort. Jacke an: DDR-Zuchthaus. Jacke aus: Kaffeetrinken bei Tante Hille. So schnell geht das. Der Abend fließt zwischen Hamburg, Bautzen und Kopenhagen hin und her. Gefängnispritschen und Hamburger Küchentisch bleiben den ganzen Abend nebeneinander stehen. Beides gehört zur Familiengegenwart.

Szene aus der Kempowski-Sage Teil vier am Altonaer Theater © G2 Baraniak Foto: G2 Baraniak

Johan Richter im Kempowski-Modus

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Der von Kritikern hoch gelobte junge Hamburger Schauspieler steht am Wochenende in allen vier Teilen der "Deutschen Chronik" im Altonaer Theater auf der Bühne. Er spielt den Schriftsteller Walter Kempowski.

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Starkes Ensemble in Dutzenden Rollen

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Johan Richter als Walter Kempowski wechselt in dem Stück schnell zwischen den verschiedenen Rollen.

Das wandlungsfähige, eingespielte, leidenschaftliche Ensemble, das in Sekundenschnelle in unterschiedlichste Rollen schlüpft, macht es dem Zuschauer leicht, der Handlung zwischen Gestern und Heute zu folgen. Ute Geske wird in Lichtgeschwindigkeit von der Knüppel schwingenden Wärterin mit russischem Akzent zur Tante oder einer Affäre Kempowskis. Der dynamische Philip Spreen als stets optimistischer Bruder Robert Kempowski pflegt den Familiensound in seiner Sprache auch noch im Knast. Anne Schieber verkörpert perfekt die komplett unschuldig im Gefängnis leidende Grethe Kempowski. Tobias Dürr ist der Mann fürs Grobe, der vor allem die markanten, körperlichen Rollen übernimmt und so gerade den Gefängnis-Szenen eine raue, aggressive Note verleiht. Bei allem Ernst gibt es viele heitere und witzige Momente. Besonders wenn die skurrilen Familienmitglieder aufeinandertreffen, lebt das Stück noch einmal ganz neu auf, etwa wenn die Tanten mit alten schwarzen Telefonhörern am Ohr auf der Bühne stehen und sich über den neuesten Klatsch austauschen.

Dichtes Sittengemälde mit einigen Längen

Immer wieder entstehen Miniaturen, die besonders dann zu funkeln und leben beginnen, wenn Timing und zehntelsekundengenaue Mimik sie würzen. Dem Theaterchef Axel Schneider gelingt mit seiner Inszenierung ein dichtes, nahegehendes Sittengemälde der Nachkriegszeit, das facettenreiche Porträt einer von Krieg und Diktatur zerrissenen Familie. Einige redundante Gefängnisszenen hätte man durchaus streichen können, ohne dass die Intensität der Diktaturerfahrung dadurch gelitten hätte. So geriet der Theaterabend bei aller Originalität und Stärke am Ende ein bisschen lang.

Theatersaal überraschend nur halbvoll

Besonders für dieses große Kempowski-Projekt erhält Axel Schneider den diesjährigen Barbara Kisseler-Theaterpreis - völlig zu recht. Sich als Privattheater an einen solchen, großen Stoff zu wagen, ist mutig. Ihn dann in allen vier Teilen so gelungen umzusetzen, ist bewundernswert. Axel Schneider hat aus den Büchern nicht nur eine Bühnenfassung erstellt, sondern auch Regie geführt. Nach dem großen Erfolg der ersten drei Teile der Kempowski-Saga ist es jedoch betrüblich, dass der Theatersaal an diesem Abend nur zur Hälfte gefüllt ist. Dieses Stück, diese durch und durch deutsche Geschichte hat viel mehr Zuschauer verdient.

Weitere Informationen

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Datum:
Ende:
Ort:
Altonaer Theater
Museumstraße 17
22765  Hamburg
Kartenverkauf:
Tageskasse:
Montag bis Freitag 10.00 bis 19.00 Uhr
Mittwoch 10.00 bis 18.00 Uhr
Samstag 14.00 bis 19.00 Uhr
Tel. (040) 39 90 58 70
tickets@altonaer-theater.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 23.09.2019 | 19:00 Uhr

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