Stand: 17.01.2020 17:00 Uhr  - NDR Kultur

Lessingtage fragen: "Wem gehört die Welt?"

Bei den 11. Internationalen Lessingtagen am Hamburger Thalia Theater geht es bis zum 9. Februar um die Themen Klima, Kolonialismus, Machtstrukturen und gerechtere Verteilung. Also um alles, was ein gesellschaftliches Miteinander ausmacht, und damit um die Frage: "Wem gehört die Welt?" NDR Kultur hat mit Intendant Joachim Lux über das Programm und die Ideen dahinter gesprochen.

Herr Lux, "Wem gehört die Welt?" ist das diesjährige Motto der Lessingtage. Ein Archäogenetiker und ein Meeresbiologe werden bei Ihnen zu Gast sein, und die indische Physikerin und Aktivistin Vandana Shiva wird die Eröffnungsrede halten. Es sind also durchaus einige Naturwissenschaftler bei Ihnen vertreten. Gehen Sie auf naturkundliche Entdeckungsreise, oder geht es vielmehr um das Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft?

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Joachim Lux ist Intendant des Hamburger Thalia Theaters.

Joachim Lux: Natur ist die Basis, von der wir leben. Wir als Gesellschaften ernähren uns von der Natur. Die Natur gibt uns, ökonomisch formuliert, die Produktionsmittel an die Hand. Sie ist das einzige Produktionsmittel, von dem wir das Gefühl haben, dass es unendlich sein könnte - ist es aber nicht. Dieses Bewusstsein ist etwas, was wir schärfen sollten. Aus diesem Grunde habe ich gedacht: Die Naturwissenschaften haben uns im Moment vielleicht mehr und anderes zu erzählen als die rein soziologischen Gesellschaftsanalysen. Deswegen finde ich es rasend spannend, wenn eine indische Physikerin über nachhaltige Landwirtschaft in Indien erzählt.

Das erste Stück, mit dem die Lessingtage eröffnet werden, ist "Die Edda" vom isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. Was trägt "Die Edda", was tragen die skandinavischen Mythen, zur Welterklärung bei?

Lux: Grundsätzlich sind Mythen Erklärungsversuche der Menschen, wie wir entstanden sind. Meistens sind es Geschichten - und das ist auch in "Die Edda" so - von einer göttlichen Ordnung, von dem Frevel der Menschen und vom Übergang der göttlichen Welt in die der Halbgötter und Menschen. In ihnen wird klar, wie wenig ethisch gesund der Mensch ist. Schon von Anfang an agiert er in einer Weise, die uns leider bis heute begleitet. Auf der anderen Seite sind es auch in fast alle Fällen Erinnerungen daran, dass wir aus der Natur kommen. In der Bibel ist das der Garten Eden und in der "Edda" der Weltbaum: die Welt-Esche, aus der alles entstanden ist.   

Auch interessant ist das zweite Eröffnungshighlight, "Hereroland", eine deutsch-namibische Geschichte. Afrika war letztes Jahr ein großes Thema bei den Lessingtagen. Sie greifen jetzt auch die Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte auf. Wie machen Sie das?

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Hamburg Journal

Lessingtage im Thalia Theater

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Neben Theateraufführungen bieten die Lessingtage des Thalia Theaters ein Rahmenprogramm zum Thema des Jahres. In diesem Jahr geht es um die Frage: Wem gehört die Welt? Video (02:33 min)

Joachim Lux: Hamburg ist eine Stadt, die von sich sagt, sie sei eine Kaufmannstadt, eine wohlhabende Stadt. Das ist auch alles schön, aber man muss daran erinnern, dass ein großer Teil dieses Wohlstands aus der Kolonialgeschichte zu begründen ist. Und bei "Hereroland" geht es um etwas, was bis vor wenigen Jahren im Theater völlig undenkbar gewesen wäre: Deutsche Schauspieler des Thalia-Theaters erarbeiten gemeinsam mit Schauspielern aus Namibia einen Theaterabend. Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts war der der Deutschen in Deutsch-Südwestafrika, wie Namibia damals hieß. Dort sind viele Herero von den Deutschen umgebracht worden. An dem Abend geht es darum, wie und ob die Nachfahren der Täter und die Nachfahren der Opfer gemeinsam Theater spielen können. Sie tauschen sich gemeinsam darüber aus, welche Folgen das hat, wenn Täter und Opfer zusammenkommen. Auf welche Weise haben wir trotzdem die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft?

Sie weiten den Blick auch auf andere Länder: auf Mexiko zum Beispiel. Milo Rau hat "Orest in Mossul" inszeniert. "Arctic" heißt ein Programmpunkt, bei dem es um das mittlerweile eisfreie Grönland geht. Schon allein die Titel des Programms versprechen ein weltweites Potpourri. Die Lessingtag stehen für eine politische Ausrichtung - in diesem Jahr scheint mir der Akzent aber besonders deutlich zu sein. Ist das so?

Lux: Ja, darum bemühen wir uns immer. Vor einem halben Jahr haben wir alle gedacht, das sei ein Kabarettbeitrag, als US-Präsident Donald Trump so gütig war, Dänemark Grönland abkaufen zu wollen. "Arctic" ist eigentlich eine Dystopie, ein Blick in die Zukunft, wo Grönland eisfrei ist und die Rohstoffe von multinationalen Konzernen abgebaut werden. Das ist aber keine Dystopie , sondern das wird plötzlich von der Wirklichkeit mit dem absurden, grotesken Vorschlag von Trump überholt.

Wir merken, dass all diese Dinge überhaupt nicht weit weg sind. Die Welt ist so klein geworden, dass uns all diese Prozesse gesellschaftspolitisch direkt betreffen. Ich finde, da ist das Theater in einer interessanten Weise in Bewegung und absolut dicht dran an den gesellschaftlichen Prozessen, die uns gerade beschäftigen.

Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, im Porträt. © picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa Foto: Daniel Reinhardt

Lessingtage fragen: "Wem gehört die Welt?"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Bei den Internationalen Lessingtagen am Hamburger Thalia Theater geht es um die Themen Klima, Kolonialismus, Machtstrukturen und gerechtere Verteilung. Ein Gespräch mit dem Intendanten Joachim Lux.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.01.2020 | 19:00 Uhr

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