Stand: 22.01.2020 09:15 Uhr

"Hereroland" - Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht

von Heide Soltau

Das Deutsche Reich blickte einst stolz auf seine Kolonien, allen voran auf Deutsch-Südwestafrika, wie das heutige Namibia früher hieß. Als sich 1904 das Volk der Herero gegen die deutschen Kolonialherren zu wehren begann, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, die in der Schlacht von Waterberg gipfelten. Die Deutschen trieben Tausende Menschen in die Omaheke-Wüste, wo sie elendig verdursteten. Davon erzählt der Theaterabend "Hereroland". Zu sehen ist das Stück während der Lessingtage auf der Studiobühne des Hamburger Thalia Theaters.

VIDEO: "Hereroland": Theaterstück über Völkermord (5 Min)

Mehr als ein Jahrhundert liegen die Ereignisse zurück, die einst in Deutsch-Südwestafrika geschehen sind. Im heutigen Namibia gibt es keine Herero-Familie, die nicht davon betroffen ist. Schätzungen zufolge sollen rund 70.000 Menschen allein dieser Volksgruppe damals ermordet worden sein. Darum geht es im Stück "Hereroland" der beiden Regisseure David Ndjavera und Gernot Grünewald. "Das Hereroland ist die historische Bezeichnung für das Gebiet der ethnischen Minderheit der Herero, das zum Teil in den Besitz der Deutschen kam und nach dem Krieg komplett enteignet wurde. Es wurde von der damaligen deutschen Kolonialbehörde an deutsche Siedler für wenig Geld verkauft. Bis heute, und das ist der eigentliche Skandal, besteht das immer noch weiter", erklärt Gernot Grünwald.

Dem Zuschauer das Leiden der Hereros nahebringen

Um dem Publikum die Thematik nahezubringen, haben die Regisseure einen Parcours mit 19 Stationen eingerichtet, an denen die Zuschauer in kleinen Gruppen mit Informationen betankt werden. Da gibt es das Ästehaus, das Theater, das Zelt, den Verhandlungs- und den Farmerstisch, den Kindergarten und einen stockdunklen Holzschuppen, der "Waterberg innen" heißt und den Zuschauern physisch den Eindruck einer Enge vermittelt, wie sie die Herero erdulden mussten.

Auswirkungen des Massakers bis heute zu spüren

Nach ihrem gescheiterten Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht waren sie von den Soldaten der Schutztruppen in die Wüste getrieben worden. Die Überlebenden wurden in Konzentrationslager gepfercht, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten und für medizinische Zwecke missbraucht wurden. Die Auswirkungen des Massakers sind bis heute zu spüren. Namibia sei derzeit eine der "ungleichsten Gesellschaften der Welt". Reichtum, Land und Privilegien seien überwiegend in Händen der deutschsprachigen weißen namibischen Nachfahren deutscher Siedler, sagt Ben Kandukira, einer der Schauspieler. 

Das trifft die Herero besonders. Zwischen den abgezäunten Ländereien der Weißen bleiben oft nur schmale Korridore, auf denen ihre Rinder nicht ausreichend Futter finden. "Wir brauchen Zugang zum Land, das ist das Herzstück. Um irgendein Geschäft anzufangen, braucht man Land. Um Futter anzubauen, um Fleisch und Milch zu haben, braucht man Land", bekräftigt Kandukira.

Viele Deutsche wissen nicht, was in Namibia passiert ist

Ben Venaune Kandukira ist einer von fünf Darstellern aus Namibia, die zusammen mit fünf Thalia-Kollegen den Parcours bespielen. Regisseur David Ndjavera hat bewusst Herero für das Projekt ausgewählt, das war ihm wichtig, sie sollten einen persönlichen Bezug zum Thema haben. Und das spürt man im anschließenden Gespräch. Für die Künstler aus Namibia gehören die Ereignisse zur DNA ihres Volkes. Umso erschütterter waren sie über die Wissenslücken des Publikums: Viele Deutsche wüssten nicht, was Deutsche in Namibia getan haben. "Sie kennen die deutsche Geschichte in Europa, sie wissen über den Holocaust Bescheid, aber sie wissen nicht, was in Namibia passiert ist, dass es dort den ersten Genozid im 20. Jahrhundert gegeben hat. Ja, das war der Beginn. Was ihr Konzentrationslager nennt, das hat es zunächst in Namibia gegeben", so der Schauspieler.

Mit dem Theaterstück Problembewusstsein schaffen

Vor drei Jahren hat Regisseur Gernot Grünewald angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Im vergangenen Sommer ist er mit den Thalia-Schauspielern und einer Dramaturgin zur Recherche nach Namibia gereist. Das Ergebnis ist ein informativer und berührender Theaterabend.

Er erfahre jetzt, schildert Grünewald, "dass viele Menschen entweder noch nie etwas davon gehört oder nur rudimentäre Kenntnisse haben". Man schaffe mit der Aufführung erst einmal ein Bewusstsein für ein vorhandenes Problem.

Entschädigungen stehen noch aus

Aber auch für die Politik gibt es noch viel tun. Deutschland hat zwar eingeräumt, für den Völkermord an den Herero verantwortlich zu sein und begonnen, geraubte Kunstwerke zurückzugeben, doch Entschädigungszahlungen sind noch nicht geflossen.

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"Hereroland" - Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht

1904 wehrte sich das Volk der Herero gegen die deutschen Kolonialherren. "Hereroland" heißt das Stück, das während der Lessingtage auf Thalia Theaters zu sehen ist.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia in der Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765Hamburg
Telefon:
(040) 328 14-444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Hinweis:
Alle Veranstaltungen sind bereits ausverkauft, gegebenenfalls gibt es Restkarten an der Abendkasse.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.01.2019 | 19:00 Uhr