Frau mit einer Augenklappe - Szene aus dem Stück "Paradies" am Thalia Theater © Laila Pozzo o. Bepi Carol

Lessingtage: Hamburger Theaterfestival startet online

Stand: 19.01.2021 12:50 Uhr

Die internationalen Lessingtage am Hamburger Thalia Theater finden in diesem Jahr online statt. Am Mittwochabend startet das Streaming-Festival mit der Inszenierung von "Paradies".

Frau mit einer Augenklappe - Szene aus dem Stück "Paradies" am Thalia Theater © Krafft Angerer
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von Katja Weise

Anfang September hatte "Paradies" von Thomas Köck am Thalia Theater Premiere. Am Mittwochabend kommt das Ensemble nach längerer Pause für die Aufführung auf der Bühne wieder zusammen, denn sie wird zum Auftakt der Lessingtage live gestreamt. "Es ist ein Abend, der mit Corona gar nichts zu tun hat, der ist viel, viel früher entstanden, aber er erzählt von chinesischen Wanderarbeitern, die nach Italien gehen und er erzählt von den unglaublichen Folgen der Globalisierung", sagt Intendant Joachim Lux. Das Coronavirus habe viel mit dem globalen Dasein zu tun. "Deshalb fanden wir, passt das wie die Faust aufs Auge."

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Blick auf einen hell erleuchteten Container auf der Bühne um den sich mehrere Schauspieler gruppiert haben. © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer

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Lessingtage 2021: Bunter Mix statt kuratiertes Programm

Anders als in den vergangenen Jahren sind die Lessingtage in diesem Jahr kein kuratiertes Themenfestival. Niemand habe das Programm nach bestimmten Kriterien zusammengestellt, sagt Nora Hertlein, die beim Thalia Theater für das internationale Programm zuständig ist. Stattdessen haben die teilnehmenden Theater selbst entschieden, welche Inszenierungen sie zeigen, die meisten davon entstanden bereits vor der Corona-Pandemie. "Ich finde es besonders schön, dass man aus dieser jetzigen Perspektive heraus auf Situationen einen Blick eröffnet und sich bewusst wird: Die menschlichen Nöte sind ja dieselben, sie werden nur verstärkt oder anders gefasst jetzt", schildert Hertlein. Ihr Favorit ist "Der Himmel ist keine Kulisse" - die Performance eines italienischen Künstlerduos, die im Odéon in Paris herausgekommen ist. Ein Abend über die Kommunikation zwischen einer Innen- und einer Außenwelt, passender gehe es kaum, findet Hertlein.

Elf Theater nehmen an den Lessingtagen teil

Frau in einem Konfetti-Regen - Szene aus dem Stück "Antigone-in-Mollenbeek" am Thalia Theater © Kurt van der Elst
Das Stück "Antigone in Molenbeek" kann am 23. Januar von 19 Uhr bis Mitternacht kostenfrei auf der Seite des Thalia Theaters abgerufen werden.

Elf Theater nehmen an den Lessingtagen 2021 teil. Alle gehören zum internationalen Theaternetzwerk "mitos21", einem losen Zusammenschluss europäischer Bühnen. Das Theater der Nationen aus Moskau gehört dazu, das Nationaltheater aus Turin, das Berliner Ensemble, das Toneelhuis aus Antwerpen. Dessen Leiter Guy Cassiers hat zeitgenössische Autoren gebeten, die antiken Geschichten von Antigone und dem Seher Teiresias neu zu erzählen. "Die griechische Antike wird dabei mit den Anschlägen von Paris verknüpft, was dann aber in Brüssel spielt, also Antigone in Molenbeek. Das sind so Verknüpfungen, die ich interessant finde, weil man an solchen Beispielen spürt, wie lebendig Europa sowieso ist", sagt Guy Cassiers.

"Voice of Europe": Theater in der Krise?

Was macht europäisches Theater aus? Auf diese Frage sucht der Film "Voices of Europe" Antworten, er ist für das Festival entstanden. Joachim Lux hat dafür mit Regisseurinnen und Regisseuren gesprochen, darunter die frühere Leiterin des Shakespeares Globe Theatre in London Emma Rice, die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne und Regisseur Kirill Serebrennikov. "Das Theater ist in der Krise. Das ist aber nicht Pandemie- oder Virus-bedingt. Es geht eher um eine Krise des globalen Systems. Anstatt täglich zu fragen, was wir tun können, wiederholen wir immer wieder die alten Lügen", sagt Serebrennikov im Film. "Die Kommunikation zwischen Menschen hat sich enorm verändert, aber nicht wegen der Pandemie, die fungiert nur als Trigger und macht alles schneller."

Fast alle Inszenierungen sind kostenlos

Bis Ende Januar wird jeden Abend ab 19 Uhr ein anderes Stück zu sehen sein, die fremdsprachigen mit englischen Untertiteln. Nora Hertlein hofft, dass mit den Online-Lessingtagen "die Hemmschwelle gegenüber fremdsprachigen Produktionen mit Untertiteln ein bisschen abgebaut wird". Nur für das Streaming von "Paradies" am Eröffnungsabend müsse eine Karte gekauft werden (reguläres Ticket: 9 Euro). Alle anderen Veranstaltungen sind kostenfrei. Es ist nicht damit verbunden, sich vorher ein Ticket zu kaufen, sich schön anzuziehen und ins Theater zu gehen. Obwohl wir natürlich alle sehr ermutigen, sich schön anzuziehen und einen Termin daraus zu machen."

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Beatboxerin Lia Şahin (links) und Theaterregisseur Christopher Rüping bei NDR Kultur zu Besuch © NDR Foto: Pascal Strehler

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.01.2020 | 07:20 Uhr