Stand: 04.02.2019 13:42 Uhr

Lessingtage 2019: Von den Krisen dieser Welt

von Peter Helling

Am Sonntag sind die zehnten Lessingtage am Hamburger Thalia Theater zu Ende gegangen. Mehr als zwei Wochen hat das Festival internationale Gastspiele und eigene Premieren gezeigt. Das Motto diesmal: "Hear Wor(l)d" - also: "Hört das Wort!" oder "Hört die Welt!". Am vergangenen Freitag fand eine ganz besondere Deutschland-Premiere statt: "I am Europe" vom Theatre National de Strasbourg aus Frankreich.

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Bosnienkrieg, Gelbwesten, Gender-Debatte: Bei dem Stück "I am Europe" treffen zahlreiche Einzelschicksale aufeinander.

Acht jungdynamische Darsteller und Darstellerinnen betreten die Bühne. Diese erinnert mit ihren hellen Sitzwürfeln, kleinen Hockern, mit Tisch und Zimmerpflanzen an ein modernes Büro. Keine festen Arbeitsplätze, stattdessen eine muntere Wohnzimmer-Diskurs-Landschaft mit Kunstrasen und abgetrenntem Glaskabinett. Auf Flachbildschirmen flimmern bald Videos von Demonstrationen, etwa der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Man merkt gleich: Hier soll Tacheles geredet werden!

Zusammen mit seinem Ensemble hat Autor und Regisseur Falk Richter Texte aus privaten Anekdoten und politischen Proben-Gesprächen entwickelt. Bosnienkrieg trifft auf Gelbwesten trifft auf Gender-Debatte. Das Problem: An sich spannende Einzelschicksale sind in der Summe einfach viel zu viel. Ein "Kessel Buntes". So ging es auch einigen überforderten Zuschauern. Einer sagte kurz und bündig: "Der Abend war nett".

Ein Bühnen-Happening der Wohlmeinenden

"Nett" passt. Dieses Theater ist ein Bühnen-Happening für die Wohlmeinenden. "Europa" als Chiffre für alles und nichts. Die Darsteller und Darstellerinnen werfen ihre Wut über die Gegenwart denen vor die Füße, die vermutlich mehrheitlich auf ihrer Seite sind. Richtig gefährlich wird hier nichts. Die Empörung über Ungerechtigkeit gerinnt zur Pose.

Ein roter Faden ist nicht erkennbar - eher ein ganzes Wollknäuel, das man als Publikum entwirren darf. Dass Europa in der Krise steckt, sozial, politisch, kulturell - das ist ja längst allen klar. Der Trick von Falk Richter und seinem Team ist: Europa auf den einzelnen herunterzubrechen.

Es ist einfach nicht alles interessant

Da gibt es immer wieder berührende Momente wie im Monolog einer Performerin aus Ex-Jugoslawien, die bis heute keine richtige Heimat gefunden hat, die über ihre bitteren Erlebnisse im Bosnien-Krieg spricht. Aber diese Einzelschicksale beginnen auch zu nerven: Ein junger Mann richtet sich an den belgischen König, um wortreich für die Einführung der Drei-Personen-Ehe zu werben. Es ist einfach nicht alles interessant, was Otto-Normal-Mensch denkt. Falk Richter kocht die Geschichts-Schnipsel mit dräuender Musik, reißerischen Videos und verbissenen Choreografien ängstlich zitternder Körper auf.

So entsteht moralinsaures Wohlfühl-Theater, das so tut, als sei es zornig und politisch. In Wirklichkeit ist es befindlich und beliebig.

Bilanz der Lessingtage: Ein Highlight aus Russland

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In "Who is happy in Russia" untersucht eine Gruppe junger Menschen, wie das heutige Russland tickt.

Die diesjährige Ausgabe der Lessingtage rückt die Emanzipation einzelner gegenüber repressiven Gesellschaften in den Mittelpunkt. Gesellschaften, die porös werden, die unsicher sind. Frauen aus Nigeria etwa demonstrierten, wie stark sie sind. "Minaret", ein Tanzabend aus Beirut, zoomte das Publikum in das zerstörte Aleppo von heute. Und: In Kirill Serebrennikovs Inszenierung "Who is happy in Russia?" untersuchte eine Gruppe junger Menschen, wie das heutige Russland tickt. Ein Highlight!

Hier zeigt sich, was Theater kann. Wie schwach es ist und wie mächtig es sein kann, angesichts eines autokratischen Systems wie dem Russland Putins. Der Abend hält dem Publikum den sprichwörtlichen Spiegel vor. Hier werden Ängste der Außenseiter spürbar. Und die ewige Sehnsucht nach Glück.

Das allerstärkste Bild ganz am Schluss: Wenn das Ensemble sich hintereinander zig T-Shirts übereinander streift, wenn dabei wie in einem lebendigen "Protest-Comic" T-Shirt-Aufdrucke aufblitzen, mit Che Guevara, UDSSR-Kitsch oder faschistoiden Macho-Motiven. Und: dazwischen immer wieder scheinbar zufällig ein "Free Kirill!"-Aufdruck auftaucht. Es bezieht sich auf den seit fast zwei Jahren unter Hausarrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikov. Genau da wird das Private politisch, das Einzelschicksal zum Appell. Bewegend.

Theaterfestival stellt gute Fragen

Insgesamt bleibt der Eindruck: Die internationalen Gastspiele erlaubten genaue Einblicke in die Gefühlslage der Herkunftsländer. Da gibt es eine Menge Wut, Ängste auf der Straße. Ob in Frankreich, Russland, im Libanon, der Elfenbeinküste. Der Befund: Die Welt ist nervös. Da wirken die beiden hauseigenen Thalia-Premieren "Vor dem Fest" nach Saša Stanišiƈ und "Maria" von Simon Stephens ziemlich blutleer. 

Diese Lessingtage sind auch Ausdruck einer Krise der Theater-Formen. Angesichts hochkochender Emotionen weltweit stellt sich verstärkt die Frage: Wie viel Drama braucht das Theater, wie viel Individuum? Und: Ist das dokumentarische Theater mit seinen "echten" Erzählungen noch präzise genug, die Gegenwart abzubilden? Wut auf der Bühne trägt nicht weit. Lessing wusste das. Immerhin haben die Lessingtage gute Fragen gestellt.

Eine Szene aus dem Theaterstück "Maria".

"Maria" im Thalia: Teenager sucht eigenen Weg

Hamburg Journal -

Im Rahmen der Lessingtage zeigt das Thalia Theater das Stück "Maria" des Briten Simon Stephens. Es handelt von der inspirierenden Selbstfindung einer schwangeren 18-Jährigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.02.2019 | 19:00 Uhr

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