Stand: 12.03.2019 13:46 Uhr

Ayelet Shachar will mehr globale Gerechtigkeit

von Irene zu Dohna

Heute wird in Berlin Deutschlands wichtigster Forschungsförderungspreis verliehen: Vier Wissenschaftlerinnen und sechs Wissenschaftler erhalten in diesem Jahr den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz Preis und bekommen ein Preisgeld von je 2,5 Millionen Euro. Diese Gelder können die Preisträgerinnen und Preisträger bis zu sieben Jahre lang nach ihren eigenen Vorstellungen und ohne bürokratischen Aufwand für ihre Forschungsarbeit verwenden. Eine der Preisträgerinnen ist Ayelet Shachar vom Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Die gebürtige Israelin sei eine der führenden Expertinnen auf ihrem Gebiet, begründet die Deutsche Forschungsgesellschaft ihre Entscheidung.

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Ayelet Shachar erarbeitet neue rechtliche Konzepte und Lösungen, die die globale Gerechtigkeit fördern sollen.

"Ich freue mich sehr und bin begeistert, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft mich als preiswürdig erachtet", sagt Ayelet Shachar. "Die Auszeichnung ist ebenfalls für unser Institut sehr wichtig. Es bedeutet für uns zum einen Anerkennung, zum anderen die Finanzierung unserer Forschung. Das Geld ermöglicht uns hoffentlich, auch in Zukunft exzellente Arbeit zu leisten. Außerdem ist es schön, diesen Preis mit zwei weiteren Direktorinnen der Max-Planck-Gesellschaft zu erhalten." An der Schnittstelle von Recht, Wirtschaft und politischer Philosophie erarbeitet Ayelet Shachar neue rechtliche Konzepte und Lösungen, die die globale Gerechtigkeit fördern sollen.

Deprimierende Realität

2015 wird die Wissenschaftlerin Direktorin am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Zeitgleich flüchten Millionen Menschen aus ihrer Heimat nach Deutschland. Friedland, nur wenige Kilometer von Göttingen entfernt, ist für viele Flüchtlinge die erste Anlaufstelle. Rückblickend spricht Shachar vom "summer of migration". Dieser Sommer beeinflusst auch ihre Forschung: "Ich habe meine Ausbildung in Nordamerika absolviert. Europa war absolutes Neuland für mich. Bei meiner Ankunft musste ich mit der deprimierenden Realität umgehen: der Welle von Flüchtlingen, die uneingeladen kamen und Asyl beantragt haben. Viele verloren auf dem Weg ihr Leben oder mussten sehr gefährliche Routen in Kauf nehmen. Ich habe versucht herauszufinden und zu verstehen, wie es in der heutigen Zeit um die Menschenrechte bestellt ist, dass Menschen diese gefährlichen Routen auf sich nehmen, damit sie anderswo Asyl erhalten."

Der Zufall der Geburt

Ayelet Shachar wird am 4. Juni 1966 in Israel geboren. Sie studiert Jura und Politikwissenschaft an der Universität Tel Aviv, promoviert in Yale. 1999 erhält sie den Ruf an die Universität Toronto. Außerdem ist sie Gast-Professorin für Menschenrechte an den juristischen Fakultäten in Stanford und Harvard. Im Jahr 2014 wird sie zum Mitglied der Royal Society of Canada gewählt - die höchste akademische Auszeichnung in Kanada.

Eine der zentralen Fragen Shachars ist die der globalen Gerechtigkeit: In ihrem Buch "Citizenship und Global Inequality" ("Staatsbürgerschaft und Globale Ungleichheit") kommt sie zu dem Schluss, dass die Weltgesellschaft aus extrem ungleichen Staaten besteht. So wird die Staatsbürgerschaft nicht aufgrund eigener Verdienste erworben, sondern rein zufällig. Der Zufall der Geburt entscheide oft über Wohl oder Weh der Lebensgeschichte.

Paradoxe Einwanderungspolitik

Und die Einwanderungspolitik vieler wirtschaftlich gut gestellter Länder sei oft paradox: "Sie öffnen die Grenzen für diejenigen, die sie in ihrem Land haben möchten - gleichzeitig schließen sie die Grenzen für die anderen. Und die Staaten gehen dabei sehr selektiv vor. Es dürfen diejenigen ins Land, die als wertvoll erachtet werden. Das sind beispielsweise Menschen mit besonderen, speziellen Fähigkeiten, mit außergewöhnlichen Talenten oder einfach solche, die ausreichend Geld haben. Und gleichzeitig ziehen dieselben Staaten ihre Mauern höher und höher, damit solche Personen nicht ins Land dürfen, die das Land als unerwünscht oder als zu anders betrachtet."

Eine der wichtigsten politischen Aufgaben des 21. Jahrhunderts muss daher laut Shacher folgende sein: Diejenigen, die in der "Staatsbürgerlotterie" größere Gewinne erzielt haben, sollten die weltweiten Ungleichheiten abmildern - etwa in Form transnationaler Verpflichtungen von wohlhabenden Staaten gegenüber ärmeren. Derzeit sei dies jedoch reine Utopie. Nun wird Ayelet Shachar für ihre Arbeit mit dem renommierten Leibniz-Preis geehrt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 13.03.2019 | 10:20 Uhr

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