Komponist Hermann Schepetkov sitzt im roten Bademantel an seinem Computer und komponiert. © NDR Foto: Anina Pommerenke

"Leben im Lockdown": Komponisten-Duo im Homeoffice

Stand: 25.01.2021 16:20 Uhr

Das Hamburger Komponisten-Duo "2wei" hat alle Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Nun wird von zu Hause aus Musik für Filmtrailer, Werbefilme und Computerspiele komponiert und produziert.

von Anina Pommerenke

In einem knallroten Bademantel sitzt Hermann Schepetkov vor seinem Computer: In einem professionellen Audiobearbeitungsprogramm hat der Musik-Produzent zahlreiche Tonspuren geladen, in denen er den Klang von Hunderten Instrumenten einspielen kann. Seine PC-Tastatur dient ihm dabei als Keyboard. Auf die Buchstaben W bis O hat er sich die C-Dur-Tonleiter gelegt. Die Zahlen darüber sind sozusagen die schwarzen Tasten. So kann er seine Ideen direkt einspielen. 

"Der Vorteil ist, dass ich als Computerspieler sowieso sehr sehr gerne sehr lange vor dem Computer sitze - auch mit Kopfhörern und Mikrofon", erzählt der Komponist. "Für mich war das eher wie nach Hause kommen. Nervig ist nur, dass man nicht die gesamte Nacht Krach machen kann. Aber ansonsten gibt es nicht wirklich Einschränkungen", meint Schepetkov.

Improvisiertes Tonstudio

Komponist Hermann Schepetkov steht im roten Bademantel in seiner Wohnung. Neben ihm ist ein Cello zu sehen. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Dass er auch im Bademantel arbeiten kann, ist für Hermann Schepetkov ein weiterer Vorteil des Homeoffice.

Mit Hilfe einer Konstruktion aus einem Mikrofonständer, einem Aufnahmegerät und viel Klebeband kann Schepetkov sogar Instrumente aufnehmen - auch wenn die Akustik in seinem Wohnzimmer natürlich nicht so gut ist, wie im Studio. In der Ecke des Raumes stehen ein Cello und ein Bass. Auf dem Schreibtisch liegen eine Querflöte und eine Trompete. "Klar es ist schwierig, aber es hat gleichzeitig auch Charakter", findet Schepetkov. Selbst den Gesang nehmen viele Musiker aktuell direkt zuhause auf.

Und noch einen Vorteil hat das Arbeiten von zu Hause für Schepetkov. Es gibt keinen Dresscode. So wurde in den vergangenen Wochen der knallrote Bademantel zu seinem Markenzeichen. "Es ist super gemütlich. Ich habe schon als Kind am liebsten Bademäntel getragen, seitdem ich zuhause im Homeoffice bin, sitz ich hier im Bademantel", so der Komponist. "Wir hatten irgendwann ein Meeting - dann saß ich im Bademantel mit Fliege da. Das fanden die Jungs komisch, und ich fand es auch komisch und seitdem ist das so", erklärt er.

Trotz Corona keine Umsatzeinbußen

Aufträge gibt es für die Komponistengruppe "2wei" gerade genug: Zwar wird weniger Musik für Filmtrailer bestellt, dafür boomt die Computerspielbranche, erklärt Geschäftsführer Simon Heeger. So konnte sich seine Firma bislang gut in der Coronakrise behaupten. "Wir kriegen natürlich auch mit, dass wir in so einer kleinen Bubble leben, wo alles gut funktioniert, während um uns herum die Welt gerade einstürzt", erzählt Heeger. Er überlege ständig, wie man die Livemusiker und Studiomusiker besser einbinden könne. "Heutzutage geht ja vieles über Samples, Synths und Keyboards. Aber wir probieren eben so viel wie möglich mit Livemusikern und Sängern zu arbeiten", erklärt er.

Er selbst hat sich nur mit Laptop und Keyboard in ein Haus in Südafrika eingemietet. Seine Projekte schickt er von dort nach Hamburg zu seinem Geschäftspartner Christian Vorländer, der sozusagen die Stellung im Studio hält. Um die Produktionsstandards aufrecht zu erhalten, ist das Homeoffice langfristig keine Lösung. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der fehlende Austausch mit den Kollegen. Der wirkt sich auch unmittelbar auf die Kreativität im gesamten Team aus: "Einfach dieses machen und ausprobieren, dass wir dann auch wieder alle zusammen jammen können und Musik machen können, das fehlt total."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 26.01.2021 | 17:20 Uhr