Stand: 31.08.2020 18:12 Uhr

"Lasst die Leute am Reichstag demonstrieren"

Bei der Demonstration gegen die Corona-Politik gingen am Wochenende in Berlin Tausende Menschen auf die Straße. Am Abend eskalierte die Situation, als Demonstrierende eine Absperrung zum Reichstag durchbrachen. Zu sehen waren schwarz-weiß-rote Fahnen - ein Bild, das dunkle Assoziationen hervorruft. Ein Gespräch mit dem in Berlin lebenden Historiker Paul Nolte.

Herr Nolte, Sie leben und arbeiten in Berlin und werden den Samstag mit Demonstrationen und Unruhen mitbekommen haben. Wie analysieren Sie das Straßenbild? Da waren ja die unterschiedlichsten Gruppierungen unterwegs.

Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka
Paul Nolte lehrt Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke Institut der Freien Universität Berlin.

Paul Nolte: Man muss das zunächst beobachten. Schon am Freitag haben sich die ersten Demonstranten, die offenbar für das ganze Wochenende gekommen waren - viele von ihnen aus Süddeutschland -, in Berlin versammelt. Ich fand das ein sehr eindrückliches, aber auch beklemmendes Bild, als manche Gruppen, aber auch Pärchen, damit beschäftigt waren, noch ihre Transparente fertig zu malen. Viele schienen mir Einzelgänger zu sein, die sich dieser großen Gruppierung anschließen wollten. Es gab ganz irritierenden Symbole: Ein Mahatma Gandhi, eigentlich ein Symbol der Friedensbewegung, den die Demonstranten unter dem Zeichen von angeblicher Freiheit und Souveränität vor sich hertrugen. Da ist in der Zukunft noch viel zu entwirren, mit wem und mit was wir es da eigentlich zu tun haben.

Zu anderen Zeiten wäre es undenkbar, dass Vertreter so unterschiedlicher Ambitionen sich treffen, um zu demonstrieren: Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikale, Impfgegner, Alte, Junge, Identitäre, Hooligans, Hippies. Eine bunte Mischung, die sich in dieser Menge nicht klar abgrenzen lässt. Wie kommt das, dass sich so unterschiedliche Menschen überhaupt zusammentun?

Nolte: Zunächst einmal ist es das Phänomen einer bunten, vielfältigen Gesellschaft. Eine solche Demonstration ist ja nichts Neues. Auch im linken Spektrum haben wir seit Langem die Diskussion, wenn bei den friedlichen, der Demokratie wohlgesonnenen linken Demonstranten in der Mitte der schwarze Block der Autonomen mitmarschiert, der das ganze System, die Demokratie und den Kapitalismus am liebsten sofort zerschlagen würde. Da gibt es auch die Debatte, wie legitim es ist, da mitzugehen. Wir sollten uns also daran erinnern, dass wir manche dieser Debatten schon kennen.

Jetzt sehen wir eine neue Mischung, die sich da sammelt. Insofern ist das tatsächlich zunächst einmal bunt. Es gibt offenbar ein Stück rechtsradikale Unterwanderung. Natürlich sind Neonazis dabei, aber ich glaube, man muss genauer hinschauen. Es ist schwer, den gemeinsamen Nenner zu finden. Ein gemeinsamer Nenner ist so eine Art von Antirationalismus, ein neuer Impuls des Widerstrebens gegen die Vernunft. Das ist den Menschen alles zu vernünftig, zu rational, zu wissenschaftlich begründet. Da sind es jetzt die Ärzte, die sagen, wo es langgehen soll - und das stört die Frauen, die immer schon Impfgegnerinnen und Anhängerinnen der Homöopathie waren. Unter dieser Flagge des Antirationalismus, der Gegenbewegung gegen die Vernunft, da segelt sehr vieles.

Sie haben von Einzelnen gesprochen - entfaltet sich dann in der Gruppe eine Dynamik, die ganz neue Kräfte mobilisiert?

Nolte: Ja, das kann in solchen Gruppensituationen immer so sein - das ist auch im Stadion oder im Karneval nicht anders. Man muss unterscheiden, denn da sind auch gut organisierte Gruppen dahinter. Aber es sind auch viele suchende Menschen dabei - man könnte etwas überspitzt sagen: Menschen, die sich verloren und verlassen fühlen. Wir reden seit dem Einzug der AfD in den Bundestag von der neuen Bedeutung der Heimat, das Innenministerium heißt jetzt Heimatministerium. Und tatsächlich sind viele dieser Menschen, die als Versprengte dorthin kommen, auch in einem weiteren Sinne heimatlos Gewordene, die das Vertrauen in ihre Mitbürger und in das Funktionieren der ganzen Welt verloren haben. Darum müssen wir uns kümmern.

Was muss da genau gemacht werden, wo muss da hineingeleuchtet werden?

Nolte: Man muss in bestimmte Milieus, in bestimmte problematische Sozialzonen leuchten. Ich sprach gerade von den Esoteriker-Frauen - aber wir haben es auch mit sehr vielen Männern zu tun, die orientierungslos in der Welt geworden sind. Wir sind seit Langem in einer Krise der Männlichkeit, insbesondere Männer ohne höheren Bildungsabschluss, die oft ein bisschen verlassen durch die Welt irren. Darum müssen wir uns kümmern - das ist eine große politische Aufgabe. So wie es ein Frauenministerium gibt, so muss es auch eine politische Adressierung dieser Männer geben.

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Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen auf den Stufen zum Reichstagsgebäude in Berlin, zahlreiche Reichsflaggen sind zu sehen. © dpa bildfunk/NurPhoto Foto: Achille Abboud

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Vieles muss auch besser erklärt werden. Wir leben nicht in normalen Zeiten, und tatsächlich haben diese Menschen auch recht: Wir dürfen nicht anfangen zu glauben, es wäre normal, dass das ganze Kulturleben zusammenbricht und dass Schule und Universität kaum regulär stattfinden, dass Menschen sich nicht so frei bewegen können, wie sie es gerne möchten und wie sie es auch sollten. Das muss die Politik noch besser erklären. Statt uns das von irrlichternden Antirationalisten vorhalten zu lassen, müssen die Demokraten in unserem Land darüber mehr streiten. Wir brauchen nicht nur den Widerspruch von Laschet gegen Söder oder umgekehrt, sondern wir brauchen eine grundsätzliche Debatte, dass die eine demokratische Partei der anderen Contra gibt in Sachen Corona-Politik. Dafür ist die große Koalition langfristig nicht die beste Voraussetzung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von einem "unerträglichen Angriff auf das Herz unserer Demokratie". Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble nannte das "verabscheuungswürdig", was da passiert war. Wie bewerten Sie die politischen Reaktionen?

Nolte: Die politischen Reaktionen sind eindeutig, einmütig, sehr gut nachvollziehbar und im Kern richtig. Aber gerade, weil die Politik das so gesagt hat, kann man auch eine andere Perspektive einnehmen: Ich plädiere angesichts dieser schlimmen Bilder, die wir gesehen haben, für eine gewisse Gelassenheit. Gerade das Reichstagsgebäude ist dazu prädestiniert, zum symbolischen und umstrittenen Ort zu werden - der Reichstag muss das sogar. Wo sollen die Menschen sonst hingehen, wenn sie diesen politischen Mega-Frust äußern? Natürlich zum Sitz des Parlamentes. Vor dem Parlament haben schon ganz andere antidemokratische Flaggen geweht. Das Gebäude ist tabu, insofern muss an den Stufen des Reichstags Schluss sein. Aber lasst die Leute am Reichstag demonstrieren - das finde ich ganz wichtig. Es ist auch wichtig, dass wir die Demonstrationsfreiheit an dieser Stelle aufrechterhalten - so schwierig und schmerzvoll das manchmal auch ist.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka

AUDIO: "Lasst die Leute am Reichstag demonstrieren" (10 Min)

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NDR Kultur | Journal | 31.08.2020 | 18:00 Uhr