Stand: 14.05.2020 09:24 Uhr

Langsame Rückkehr der Live-Kultur in Hamburg 

von Daniel Kaiser
Carsten Brosda zu Gast bei NDR 90,3. © NDR Foto: Alexander Dietze
Kultursenator Carsten Brosda geht davon aus, dass die Kulturbetriebe in Hamburg nach und nach wieder öffnen können.

Die Hamburger Theater bleiben bis zum 30. Juni geschlossen. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) rechnet allerdings bereits im kommenden Monat mit "der einen oder anderen kleinen Veranstaltung". Gerade würden Ideen entwickelt, die die Abstands- und Hygienebedingungen berücksichtigen, sagte Brosda im Kulturjournal Spezial bei NDR 90,3. Auch die neue Theatersaison im Herbst werde zunächst keine normale sein. "Ich gehe davon aus, dass uns Vorgaben wie das Abstandsgebot begleiten werden", erklärt Brosda. Er setze aber alles daran, eine Saisoneröffnung hinzubekommen. "Wir wollen, dass möglichst viel losgeht und möglichst viele daran teilhaben können."

Gitarre solo kommt schneller als Punk-Konzert

Carsten Brosda
AUDIO: Brosda: Rückkehr der Kultur wird auf Sicht entschieden (28 Min)

Entscheidend werde künftig sein, ob ein Veranstalter die Abstands- und Hygieneregeln einhalten könne. "Wenn ich in einen Club gehe, in dem die Stühle mit 1,50 Meter Abstand aufgestellt sind und auf der Bühne einer allein mit einer Gitarre sitzt und singt, wird so eine Veranstaltung schneller kommen als ein Punkband-Konzert mit 100 Menschen, die den Kick darin finden, weil sie sich permanent anrempeln." Das werde unterschiedlich zu bewerten sein und zu unterschiedlichen Zeitpunkten wieder möglich sein. "Veranstaltungen, die mit Nähe, Körperkontakt, Schwitzen und schwer Atmen zu tun haben, werden erst stattfinden, wenn wir einen Impfstoff haben", stellt der Kultursenator klar. Eine schnelle Lockerung erwartet der Hamburger Kultursenator bei den Kinos.

Zusätzliche Hilfen für Privattheater im Gespräch 

Manche Privattheater sehen eine Saison mit Abstandsregeln skeptisch. Betriebswirtschaftlich wären Vorstellungen mit deutlich weniger Plätzen ein Minusgeschäft. Brosda spricht sich dafür aus, den betroffenen Theatern finanziell unter die Arme zu greifen. Momentan würden entsprechende Gespräche auch auf Bundesebene laufen. "Dass wir flächendeckend und überall einspringen, ist angesichts der Entwicklungen der öffentlichen Haushalte allerdings eine schwierigere Variante", dämpft der Kultursenator zu große Erwartungen.

"Systemrelevant ist ein doofer Begriff!"

Kritisch sieht Brosda, dass viele Kulturschaffende häufig betonen würden, sie seien systemrelevant. "Ich finde den Begriff doof, um das mal ungeschützt zu sagen", erklärt der Senator. Kulturschaffende würden sich damit zu klein machen. "Systemrelevanz sagt, dass ich eine Funktion im Hinblick auf ein großes Getriebe ausübe. Dabei ist Kultur die Arbeit am Sinn unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne Kultur kann ich gar nicht begründen, warum wir unsere Gesellschaft so leben, wie wir sie leben."

Plädoyer für den Föderalismus

Für Diskussionen und eine Verunsicherung in der Kulturszene sorgen derzeit scheinbar unterschiedliche Geschwindigkeiten der Bundesländer bei den Lockerungen sowie unterschiedliche Hilfsangebote. Brosda sieht im Föderalismus dagegen den großen Vorteil, "dass vor Ort immer einer ist, der sich kümmert". Wenn man alle Regeln bundesweit vereinheitlichte, würde das dazu führen, dass Politiker abstrakte Entscheidungen aus der Ferne treffen. Hamburg habe beispielsweise mehr Privattheater und Musikclubs als andere Städte und Regionen. Im Föderalismus habe man die Möglichkeit, darauf gezielt zu reagieren.

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Dr. Carsten Brosda © Hernandez für Behörde für Kultur und Medien

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 13.05.2020 | 19:00 Uhr

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