Stand: 28.06.2019 15:33 Uhr  - NDR Kultur

Landestheater SH: "Ich stehe zu dieser Wahl"

Großes Stühlerücken am Schleswig-Holsteinischen Landestheater: Ab Mitte kommenden Jahres wird Ute Lemm neue Generalintendantin und Geschäftsführerin der Theater- und Orchesterarbeit in Flensburg, Rendsburg und Schleswig. Als ihren Schauspieldirektor präsentierte die gebürtige Schwerinerin dafür kürzlich Rolf Petersen, den langjährigen Leiter der Niederdeutschen Bühnen in Flensburg und Schwerin. Dagegen protestierte Anfang der Woche ein großer Teil des Schauspielensembles in einem offenen Brief vehement. Nun teilte das Landestheater schriftlich mit: Rolf Petersen tritt sein Amt nicht an.

Frau Lemm, was ist da geschehen?

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"Rolf Petersen all diese Dinge vorzuwerfen, halte ich für Unkenntnis", betont Ute Lemm.

Ute Lemm: Es ist eine schwere Entscheidung gewesen, in allererster Linie für Rolf Petersen, aber auch für mich. Er hat mich gestern darum gebeten, dass wir den Vertrag aufheben, und hat es mir gegenüber damit begründet, dass er nicht das Gefühl hat, in dieser Atmosphäre künstlerisch erfolgreich sein zu können. Er ist mit sehr viel Vertrauen in diese Aufgabe gegangen und hatte nicht den Eindruck, dass ihm dieses Vertrauen auch entgegengebracht wird, dass er zumindest die Zeit hat, um ausführlicher darlegen zu können, wie er sich die Arbeit vorstellt und was er an besonderen Kompetenzen mitbringt. Er hat dann für sich entschieden, dass er bei seiner langjährigen erfolgreichen Tätigkeit bleibt und auch mir den Druck nehmen möchte, gegen solche Widerstände ankämpfen zu müssen. Ich habe diese Entscheidung sehr schweren Herzens entgegengenommen, habe versucht, ihn noch einmal umzustimmen und mir dann aber auch gesagt, dass es keinem von uns etwas bringt, mit Gewalt etwas in die Wege leiten zu wollen, was uns alle nicht glücklich macht. Insofern habe ich diese Entscheidung dann auch akzeptiert.

An genau diesen Kompetenzen von Rolf Petersen wird aber in dem offenen Brief expressis verbis gezweifelt. Er habe sein künstlerisches Leben, heißt es da, an den Niederdeutschen Bühnen, an Amateur- und Privattheatern verbracht und sei nicht auf der Höhe der "aktuellen theatralen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Diskurse". Haben Sie mit Petersen also eine falsche Wahl getroffen?

Lemm: Nein, in keinem Fall. Ich stehe zu dieser Wahl. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn wir gemeinsam das Landestheater und insbesondere die Schauspielsparte hätten prägen können. Ich akzeptiere die Entscheidung, dass Rolf Petersen dafür nicht mehr zur Verfügung steht, aber ich stehe dazu, dass diese Zuschreibungen und Feststellungen nicht stimmen, dass sie aus einer sehr begrenzten Kenntnis seiner Person und seiner Arbeit resultieren. Rolf Petersen hat es in Schwerin geschafft, die Fritz-Reuter-Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater zu einem sehr erfolgreichen Ensemble zu führen, zu einer sehr erfolgreichen Bühne. Das Repertoire hat eine Breite, die man mit sonstigen regionalsprachlichen Bühnen kaum vergleichen kann - vom großen, tragischen Stoff bis hin zu mobilen Kindertheaterproduktionen, die unglaublich gut gelungen und umgesetzt sind. Diese Arbeit, die Petersen in Schwerin leistet, wird in Kürze gewürdigt mit der Verleihung des Konrad-Eckhoff-Preises für herausragende künstlerische Leistung an einen Schauspieler aus der Fritz-Reuter-Bühne. Er hat jahrelang auch Schauspieler an der Fritz-Reuter-Bühne gehabt, die an der Ernst-Busch-Schule in Berlin studiert haben.

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Ihm also all diese Dinge vorzuwerfen, zu unterstellen, dass er sich in der neueren Dramatik nicht auskennt, halte ich für Unkenntnis. Ich finde es schade, dass das gleich in einer solchen Öffentlichkeit verbreitet wurde. Das ist ganz ungünstig und schädigt alle, die so etwas äußern, aber leider auch den, über den das geäußert wird. Und all diese Fragen, die man sich stellt, wenn man Rolf Petersen nicht so gut kennt wie ich, hätte ich gerne vorher in einem geschlossenen Rahmen beantwortet. Ich habe auch von Anfang an am Landestheater gesagt, dass ich jederzeit für Gespräche zur Verfügung stehe, und dabei bleibe ich auch. Deshalb war das Gespräch, das ich heute Vormittag mit den Schauspielern führen konnte, endlich das entsprechende Forum, um solche Fragen zu beantworten.

Schädigt dieser ganze Vorgang womöglich auch Sie, denn in dem offenen Brief zum Beispiel wird die Personalie als "Skandal" bezeichnet. Ist das nicht auch ein Aufstand von mindestens Teilen des Ensembles gegen die zukünftige Chefin, fast so etwas wie ein Misstrauensvotum?

Lemm: Ich mag diese Skandalisierung nicht, die damit einhergeht. Ich glaube, das hilft uns allen nicht. Das ist sicherlich nicht untypisch, dass Dinge, die man nicht versteht, die man nicht durchschaut, wo man noch keinen richtigen Blick für die Hintergründe hat, ganz schnell abgelehnt, als falsch dargestellt oder gar zum Skandal erklärt werden. Es tut uns allen gut, wenn wir da ein bisschen Dampf rauslassen, diese Art von Energie zurückschrauben und eine sachliche Auseinandersetzung führen. Mit einem guten Abstand dazu und auf der Basis des heutigen Gespräches haben wir die Chance, jetzt ein Vertrauen zu entwickeln, was aber auch wirklich nötig ist.

In dem offenen Brief wird eine klarere dramaturgische Linie formuliert: Da geht es um ein "volksnahes" Theater, das "Unterhaltung" aber nicht als Selbstzweck ansieht, sondern als Instrument, um Themen zu transportieren. Das liest sich fast, als wolle hier das Ensemble der Leiterin ein paar Richtungen vorgeben. Nehmen Sie das an?

Lemm: Ich muss das gar nicht annehmen, weil das genau meine Richtung auch ist. Gerade dieser Teil des Briefes trifft absolut das, was mir vorschwebt, was auch Rolf Petersen vorgeschwebt hat für diese Zusammenarbeit mit dem Landestheater. Ich nehme gerne an, dass es Rolf Petersen und mir bislang noch nicht gelungen war, das in dieser Klarheit zu vermitteln. Aber es fehlte uns die Zeit dafür und auch der richtige Ort, um das in dieser Form und Ausdrücklichkeit noch einmal zu thematisieren. Wir waren beide wahrscheinlich zu sehr davon ausgegangen, dass wir uns in diesem Theaterbegriff schon alle einig sind. Und da nehme ich gerne den Hinweis an, dass es da noch mehr Kommunikation bedurft hätte, um diese im besten Sinne Selbstverständlichkeiten miteinander noch einmal in die Mitte zu rücken. Aber da auch die erste Gesprächsnachfrage des Ensembles an mich direkt auf einer Ebene stattfand, die ich für falsch halte, war das von beiden Seiten aus kommunikativ eine nicht ganz glückliche Situation.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.06.2019 | 19:00 Uhr

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