Stand: 03.01.2019 13:58 Uhr

Kunsthistorikerin Baumhoff über 100 Jahre Bauhaus

Es ist genau 100 Jahre her, dass der Berliner Architekt Walter Gropius in Weimar die legendäre "Bauhaus"-Designschule gründete. Sie stand und steht nicht nur für eine überzeitlich gültige Formensprache, sondern auch für ein Kunstkonzept in beinah allen Sparten. Ein Gespräch mit Professorin Anja Baumhoff, die Professorin für Kunst- und Designgeschichte an der Hochschule Hannover ist.

Frau Professor Baumhoff, versetzen wir uns doch ins Jahr 1919 zurück: Da maßt sich ein Berliner Architekt an, ausgerechnet in Weimar, quasi der Wohnstube der deutschen Klassik, das avantgardistische "staatliche Bauhaus" auszurufen. Mit seinen visionären Vorstellungen hätte er auch gut eine Bauchlandung machen können - hat er aber nicht. Können Sie sich erklären, warum?

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Anja Baumhoff schrieb ihre Doktorarbeit an der Johns Hopkins University in den USA im Fach Sozialgeschichte.

Anja Baumhoff: Die Ideen des Bauhauses sind nicht einfach aus der Luft gegriffen und sind nicht alleine von Walter Gropius konzipiert worden. Das sind Ideen, die in der deutschen Kunst- und Gestalterszene virulent aktuell waren. Zum Beispiel im Deutschen Werkbund, der 1907 gegründet worden ist. Walter Gropius hat diese Ideen der Kunstschulreform aufgegriffen und setzte sie um. Wir vergessen manchmal, dass das Bauhaus in Weimar staatlich war. Das heißt, es war ein Experiment von Staates Gnaden und wurde auch immer wieder durch ihn finanziert und auch durch die Länder - je nachdem, wo das Bauhaus gerade war. Es ist mehrmals im Laufe seiner Geschichte umgezogen. Von daher war das alles weniger überraschend, als es jetzt erscheinen mag.

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Im Bauhaus hat sich ein künstlerisches Konzept mit den Lebenskonzepten verbunden. Wie ging das zusammen?

Baumhoff: Man könnte sagen, anders wäre es nicht gegangen. Wir sind ein Jahrhundert weiter und befinden uns in einem anderen mentalen Raum. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man grundsätzlich etwas ändern. Das Bauhaus wollte den Neuen Menschen hervorbringen. Das geht auch auf Friedrich Nietzsche zurück. Das heißt, diese Lebensreformbewegung, die wir nach der gescheiterten Revolution von 1848 in Deutschland bekamen mit Vegetarismus, mit der Entstehung von Kindergärten, mit der Freikörperkultur, mit Ausdruckstanzbewegung, mit der Sport- und Gymnastikbewegung - all das ist in das Bauhaus miteingeflossen. Viele Bauhäusler waren Wandervögel. Sie kamen direkt aus der Lebensreformbewegung. Die Männer, die den Krieg überlebt hatten und dann langsam am Bauhaus eintrafen, dachten nicht so sehr an den Beruf. Die dachten auch nicht an Zukunft, weil man nach diesem fatalen Krieg überhaupt nicht ermessen konnte, wie die Zukunft aussehen würde. Man dachte zuerst einmal daran, zu leben und etwas Sinnvolles zu tun. Am Bauhaus Weimar finden wir deshalb in dieser expressionistischen Zeit noch andere Ansätze, als wir sie heute mit dem Bauhaus assoziieren - und als das Bauhaus sie dann in Dessau auch zeigte.

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Nach nur vierzehn Jahren war dann Schluss, da 1933 die Nationalsozialisten dafür gesorgt haben, dass das Bauhaus schließen musste. Warum?

Baumhoff: Eigentlich widerstrebte den Nationalsozialisten, dass das Bauhaus sehr international war. Es war eine linksgerichtete Schule mit einem sozialen Anliegen. Man wollte Volksbedarf statt Luxusbedarf, um Hannes Meyer zu zitieren. Das passte in dieser Variante nicht zum Nationalsozialismus. Aber das Bauhaus hätte auch unter den Nazis weiter offen bleiben können, wenn der damalige Direktor Ludwig Mies van der Rohe sich dazu durchgerungen hätte, Wassily Kandinsky zu entlassen. Das wollte er aber nicht, deshalb wurde das Bauhaus geschlossen. Offiziell aus finanziellen Gründen. Es gab keine Mittel mehr, um die Schule offen zu halten. Man verhandelte lange, auch mit Alfred Rosenberg, und wollte das Bauhaus eigentlich offen lassen. Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, wie wir das Bauhaus heute sehen würden. Später sahen wir, dass diejenigen Bauhäusler, die nicht emigriert sind, durchaus versuchten, sich mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren. Das ist auch verständlich, wenn man es nicht von heute aus anschaut, sondern aus der damaligen Perspektive. Da hat man noch nicht gewusst, dass das mehr als eine Diktatur ist. Man konnte die Judenvernichtung und den Zweiten Weltkrieg damals nicht absehen. Natürlich haben alle Künstler und Gestalter und Gestalterinnen, die in Deutschland geblieben sind, versucht, dort zu kooperieren und zu überleben.

Wenn wir heute als Kunde, als Genießer dieses Designs auf das Bauhaus schauen, sehen wir eher so ein "Deko-Bauhaus", also wirklich das Design und weniger das Gesamtkonzept und womöglich auch das Politische dahinter. Haben wir es heute mit einem "Bauhaus light" zu tun?

Baumhoff: In der Populärkultur sehen heute die meisten Menschen Ikea als den Nachfolger des Bauhauses. Das Bauhaus hat sich sozusagen immer weiter verflacht, nicht aber in der Forschung, sondern in der Wahrnehmung der meisten Menschen und auch in der Berichterstattung in den Medien, die nicht immer so differenziert ist. Das wird dieses Jahr sicherlich nachgeholt. Aber die meisten Menschen assoziieren das Bauhaus heute mit Grundformen und Grundfarben. Das ist unglaublich reduziert. Das Tolle an dieser Schule ist, dass sie unglaublich vielfältig war. Man kann also mit Fug und Recht heute sagen, dass das Bauhaus ein Spiegel der Weimarer Republik gewesen ist. Dass sich all die Strömungen, Kämpfe, Widersprüche und Ansätze auch am Bauhaus finden - aber eben in Form von Kunst, Gestaltung und Architektur. Das macht diese Schule so spannend. Deshalb hatte sie auch verschiedene Phasen, obwohl sie nur so kurz Bestand hatte.

Im Mai erscheint von Ihnen die Studie "Der Neue Mann und das Bauhaus: Männlichkeitskonzepte in der klassischen Moderne." War das Bauhaus besonders männlich oder war es möglicherweise einfach nur Ausdruck seiner Zeit, die nun männerdominiert war?

Baumhoff: Beides. Das Bauhaus war auch in seiner Geschlechterpolitik Ausdruck seiner Zeit. Aber es war auch sehr männlich. Teilweise gibt es dafür auch nachvollziehbare, auch pragmatische Gründe. Es war so, dass man sehr wenig Mittel hatte, sehr wenig Werkstätten und diese wenigen Plätze wollte man den Männern reservieren, weil man wusste, die gehen später in die Welt und bringen sozusagen die Bauhaus-Ideen zu den Menschen. Das Bauhaus wollte nicht nur ein Bauhaus sein, nicht nur Bauhaus Weimar, Bauhaus Dessau, sondern es wollte siedeln. Es wollte in Deutschland viele Bauhäuser gründen und dafür brauchte es sozusagen diesen männlichen Nachwuchs. Von daher ist das immer ein sehr männliches Bauhaus gewesen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Bauhaus-Architektur in Celle, Siedlung "Italienischer Garten" © NDR Foto: Axel Franz

Historikerin Baumhoff über 100 Jahre Bauhaus

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Was bedeutete das Bauhaus vor 100 Jahren und wie wird es heute wahrgenommen? Ein Gespräch mit Anja Baumhoff, Kunsthistorikerin an der Hochschule Hannover.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.01.2019 | 19:00 Uhr

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