Stand: 08.02.2019 17:54 Uhr

Farb-Rausch: Kunsthalle Kiel zeigt "alte Schätze"

von Frank Hajasch

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und so sortiert auch die Kunsthalle zu Kiel ihre Sammlung regelmäßig neu. Schätze werden aus dem Archiv geholt, Bilder neu geordnet - und alles für einen anderen Blick auf die Kunst. In diesem Jahr wurden rund 120 Werke aus Malerei, Graphik, Skulptur, Fotografie und Videokunst rausgesucht und Themenfeldern zugeordnet.

Es ist schwierig. Über drei Stockwerke geht das Treppenhaus. Und bis zuletzt wird mit den Schätzen des Hauses gekämpft. Wer bis Februar 2020 in den Kunsttempel an der Kieler Förde kommt, soll auf die Installation des Schotten Martin Boyce treffen. Also, erklärt Kunsthallenchefin Anette Hüsch, müssten Seile sortiert und braune, gebogene Stuhllehnen behutsam ausgerichtet werden. "Stuhllehnen von einem Klassiker, den viele gerade im Norden kennen", erklärt Hüsch. "Ein Entwurf von Arne Jacobsen. Er erinnert an große Vorbilder der klassischen Moderne, wie an die wunderbaren Mobiles von Calder." Bis so eine riesige Installation hängt, braucht es Zeit und Mühe. Mehrere Versuche gehören dazu, gerade wenn man Objekte aus ihrem Dornröschenschlaf holt und sie neu arrangiert.

"Streifzüge durch die Sammlung" - von Expressionismus bis Liebe

Farbrausch in Kiel

Ansonsten ist die "Bel étage" der Kunsthalle wohl sortiert. Vor purpurroten, cyanitblauen oder moosgrünen Wänden hängt, steht, flackert Kunst: Da ist zunächst ein heller Saal mit Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Was wie eine Ansammlung thematisch gleicher Bilder aussieht, folgt einem hübschen Konzept von Kuratorin Regina Göckede: "Wir wollten das inszenieren als 'Blicke in die Welt', als Ausblick von diesem Sammlungsraum aus. Wir haben osteuropäische Landschaften. Wir haben ganz viele nordeuropäische Landschaften. Aber letztlich geblieben und als Neuinszenierung bei diesem Konzept ist, dass wir auf die Fußleisten die jeweiligen Städtenamen und Regionen geplottet haben, mit der jeweiligen Distanz zur Kunsthalle Kiel."

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Farben spielen eine große Rolle in der Ausstellung in der Kieler Kunsthalle, wie hier bei Emil Noldes "Wildtanzende Kinder".

So werden mittlere und große Formate tatsächlich zu "Fenstern in die Welt" und der Farbrausch setzt sich hier fort. Schließlich liegt in Kiel ein Sammlungsschwerpunkt auf Kunst des Expressionismus. Nolde und Rohlfs, die Brücke-Künstler Heckel, Kirchner, Pechstein und Schmidt-Rottluff. Bilder, die vor kräftigstem Rot, Blau und Grün farblich überlaufen und die man in dieser Anordnung nicht kennt. "Es ist so, dass viele Gäste unseres Hauses immer wieder auch für die Expressionisten kommen. Insofern hat sich bei uns der Eindruck noch nicht eingestellt, dass sie sich satt gesehen haben."

Der Mann in der Kunst

Dann beginnt der eigentliche Streifzug durch die Sammlung. In einer Raumflucht werden einzelne Themen verhandelt, immer mit Kunst aus unterschiedlichen Epochen. Es geht um Strand, um Nacht, um Liebe, Kindheit und Tiere. Auch um Fremdbilder, wie zum Beispiel von Sinti und Roma. Und es gibt ein Kabinett für den Mann in der Kunst. "Es gibt sehr viele Akt-Darstellungen von Frauen - und selten Akt-Darstellungen von Männern. In dem Zusammenhang ist es interessant, dass Georg Baselitz sich als schwarzen, nackten Mann malt. Das ist das Aufbrechen eines klassischen Männerportraits", sagt Göckede. Gegenüber hängt ein Bild von Karl Hofer: ein ausgemergelter "Mann am Fenster" - verhalten farbig und eindringlich gemalt. Er rahmt zur Rechten ein Video Marcel Odenbachs mit dem Titel "Ich mach die Schmerzgrenze", das einen Protagonisten im Fitness- und Schönheitswahn zeigt. Die meiste Kunst sei männlich, sagt Kuratorin Regina Göckede. Nur dass sie selten auch Männer zeige, schon gar nicht im Spiel mit männlichen Idealen.

Eine neue Stadt entsteht

Die letzte Arbeit ist dann kein Geschlechterdiskurs: Vom Kieler Künstler Raffael Rheinsberg ist eine Bodeninstallation zu sehen, mit Granitsteinen aus Berliner Straßenschluchten. "Die hat er umgedreht und dann ergaben sich kleine giebelständige Häuschen", erklärt Kuratorin Göckede. "Er hat sie dann als eine Bodenskulptur arrangiert, dass sie eine Siedlungsstruktur ergeben - und aus diesen Fundsachen der alten Stadt Berlin eine neue Stadt entsteht." Diese vielteilige Arbeit aufzubauen war eine Herausforderung. Es gebe keine Anleitung mehr, sagt Regina Göckede schmunzelnd. So habe man sich eben an Fotos gehalten. Die neue alte Installation "Stadt Fundsache" sei ein schöner Beleg, wie man Kunst neu entdecken könne, findet Kunsthallenchefin Anette Hüsch: "Da gleicht man dann das innere Bild mit dem tatsächlichen ab: Welche Größe? Welche Formate? Wie raumgreifend ist ein solches Werk? Und man sieht es in einem neuen Kontext, weil es auch ganz anders gezeigt ist!"

Farb-Rausch: Kunsthalle Kiel zeigt "alte Schätze"

Die Kunsthalle zu Kiel hat viele ihrer alten Schätze aus dem Archiv geholt und sie nach Themen neu sortiert. Ein Jahr lang wird die Ausstellung "Streifzug durch die Sammlung" zu sehen sein.

Datum:
Ende:
Ort:
Die Kunsthalle zu Kiel
Düsternbrooker Weg 1
24105  Kiel
Telefon:
0431 88057-54
E-Mail:
buero@kunsthalle-kiel.de
Preis:
7 Euro / ermäßigt 4 Euro
Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag – Sonntag: 10.00–18.00 Uhr
Mittwoch: 10.00–20.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.02.2019 | 07:20 Uhr

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