Stand: 09.10.2021 11:25 Uhr

Kunsthalle Emden eröffnet Ausstellung: "Welt aus den Fugen"

von Gerhard Snitjer

"Welt aus den Fugen" heißt die neue Ausstellung der Emder Kunsthalle mit Werken von drei Malern, die eines gemeinsam haben: Alle drei wurden in den 1890er Jahren geboren.

Josef Scharl aus München, Hanns Ludwig Katz aus Karlsruhe, und Franz Radziwill aus der Wesermarsch: Sie hatten eigentlich nichts miteinander zu tun, gehörten keiner Künstlergruppe an, haben sich nicht einmal gegenseitig kennengelernt und malten auch sehr verschieden. Aber eines eint sie, sagt die wissenschaftliche Leiterin der Emder Kunsthalle, Lisa Felicitas Mattheis. Alle drei waren etwa gleich alt, als sie prägende Erfahrungen machten. "Ich spreche hier explizit vom Ersten Weltkrieg, von der Schmach des Versailler Vertrages, von den Wirren der 20er Jahre, also der Weimarer Republik, mit Hyper-Inflation und allem, was dazukam, bis hin eben zum aufkommenden Nationalsozialismus."

Kunstschätze der Ausstellung in Emden zu sehen

Selbstbildnis des Künstlers Hanns Ludwig Katz © Kunsthalle Emden
Selbstbildnis des Künstlers Hanns Ludwig Katz

Wie es die Kunstsammelleidenschaft von Henri Nannen und Otto van de Loo wollte, befindet sich in der Kunsthalle Emden ein reicher Fundus an Werken der drei genannten Maler. Lisa Felicitas Mattheis ist stolz darauf. "Von Josef Scharl und Hanns Ludwig Katz verfügt die Kunsthalle Emden im Übrigen über die größten institutionellen Konvolute. Also wirklich eine Besonderheit, dass wir solche Schätze hier in Ostfriesland, in Emden beherbergen und präsentieren können." Und so kann die Kunsthalle dem Publikum eine breite Palette von Ausdrucksformen und Bildinhalten bieten, die die drei Maler in ihren diversen Schaffensphasen hinterlassen haben.

Einflüsse aus Expressionismus und Moderne

Auf dem Bild sind viele Menschen zu sehen, die an Tischen sitzen und stehen. © Kunsthalle Emden
Josef Scharl, Blinder Bettler im Café, 1927

In den meisterhaften, weit gefächerten Malweisen wird zunächst deutlich, welche Einflüsse des Expressionismus und der Moderne sich auf die Bilderwelt von Scharl, Katz und Radziwill auswirkten. Und in vielen späteren Motiven ist das Unbehagen zu spüren, das die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche für die Künstler mit sich brachten. An Franz Radziwills Bildern ist abzulesen, wie er sich nach seinen expressionistischen Anfängen dem Kunstgeschmack der Nazis annäherte und später, geläutert, zu Surrealismus und Magischem Realismus fand. Josef Scharl malte 1932 einen grotesken Triumphzug, der an bedrohlicher Morbidität kaum zu überbieten ist.

Hanns Ludwig Katz spiegelt sein Leben in der Kunst wider

Hanns Ludwig Katz portraitiert sich selbst 1934 in einem düsteren, melancholischen Pastell. Als Sohn eines gläubigen Juden mag er geahnt haben, wie schwierig das Leben unter den Nationalsozialisten für ihn werden würde, sagt Kuratorin Samira Kleinschmidt. "Er wurde von denen verfolgt, diffamiert und mit Ausstellungsverbot natürlich auch noch belegt. Hanns Ludwig Katz hat sich aber nicht davon abbringen lassen, sich in dieser Zeit sozial zu engagieren und künstlerisch tätig zu bleiben." Hanns Ludwig Katz emigrierte letztlich aber doch und verbrachte die letzten Jahre seines kurzen Lebens in Südafrika.

Emder Kunstausstellung zeigt Maler getrennt voneinander

Buntes gemaltes Bild von Künstler Franz Radziwill, der eine Landschaft und sein Haus gezeichnet hat. © Kunsthalle Emden
Franz Radziwill, Landschaft mit dem Haus des Künstlers, 1930

Josef Scharl, ebenfalls mit Malverbot belegt, wanderte in die USA aus und kam bis zu seinem Tod 1954 nie zurück. Franz Radziwill konnte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder malen und ausstellen, er lebte bis 1983. Die Ausstellung zeigt die drei Maler getrennt voneinander, ohne ihre Bilder direkt miteinander zu kontrastieren. Drei gleichzeitige Künstlerleben in einer "Welt aus den Fugen". Mit dieser ungewöhnlichen Perspektive erlaubt die Kunsthalle Emden ihren Gästen abermals einen ganz besonderen Blick auf die Schätze ihres eigenen Bestandes. Neben dieser Schau wird zusätzlich die Ausstellung "Kunst braucht Freunde" gezeigt: Eine Dokumentation der jüngsten Ankäufe, die vom Freundeskreis der Kunsthalle ermöglicht wurden.

"Welt aus den Fugen" ist seit heute in der Emder Kunsthalle geöffnet und bis zum 30. Januar zu sehen. Gleiches gilt für die Ausstellung "Kunst braucht Freunde."

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.10.2021 | 07:20 Uhr