Stand: 29.07.2020 15:46 Uhr  - NDR Kultur

Brosda: "Bewusstsein für das, was gerade nicht geht, wachhalten"

Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda war bei NDR Kultur à la carte zu Gast. NDR Kultur Moderatorin Katja Weise sprach mit ihm darüber, was mögliche Perspektiven für die Kulturszene in Hamburg sein könnten, wie es in Theatern, Konzertsälen, Kinos und Clubs weitergehen kann. Einige Auszüge aus dem Gespräch:

Im Studio von NDR Kultur sprach Carsten Brosda mit Moderatorin Katja Weise auch über sein persönliches Erleben der Corona-Krise.

Katja Weise: Bisher haben Sie die Corona-Krise in Hamburg ganz gut gemeistert. Nun meldet das Robert-Koch-Institut wieder steigende Fallzahlen. Gleichzeitig nimmt das kulturelle Leben so langsam wieder Fahrt auf. Es hat in Hamburg wieder erste Theaterpremieren gegeben. Im August steht mit Kampnagel das erste richtige Festival an. Wie planen Sie eigentlich im Moment?

Carsten Brosda: Auf Sicht. Auch wenn das ein bisschen abgedroschen klingt, weil wir das ja seit März sagen, gilt das weiterhin. Das macht es auch vielen im Veranstaltungsbereich schwierig, mit der aktuellen Situation umzugehen. Dass man wirklich immer wieder neu bewerten muss, wie ist die Situation, was kann man sich erlauben. Ich glaube, dass es verantwortbar ist, wieder zu beginnen - mit Hygiene-Konzepten und Nachverfolgbarkeiten, die gewährleistet sein müssen. Ich glaube auch, dass solche kulturellen Interventionen im Alltag wieder möglich sein müssen, weil ich mir einfach nicht ausmalen möchte, wie es aussehen würde, wenn wir sagen, das geht alles nicht bis wir einen Impfstoff haben. Ich nehme eine hohe Verantwortlichkeit aller Beteiligten war, das vernünftig umzusetzen.

Was hat Ihnen ganz persönlich in den vergangenen Monaten am meisten gefehlt?

Brosda: Ich glaube schon, gemeinsam in einem Theater, in einem Konzertsaal zu sitzen. Also dieses Gefühl zu haben, ich erlebe etwas und ich tue das in Gemeinschaft. Das ist einem vielleicht gar nicht so bewusst, wenn man es regelmäßig macht. Man merkt eben schon, dass wir ganz offensichtlich soziale Tiere sind, die darauf angewiesen sind, in der Gruppe etwas zu erleben. Und danach mit Leuten zusammenzustehen, zu verarbeiten, was man gemeinsam erlebt, hat. Das ist das, was mir am eklatantesten gefehlt hat.

Das Kulturerlebnis wird ja nun erstmal ein ganz anderes sein. Sie haben ja schon erste Eindrücke bei einer Premiere gesammelt. Hat es trotzdem funktioniert?

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Kultursenator Carsten Brosda mit NDR Kultur Moderatorin Katja Weise.

Brosda: Ja, es hat schon funktioniert. Es ist natürlich am Anfang schon etwas "entsinnlichender", wenn man das mal so sagen will. Denn man muss natürlich erstmal eine Einweisung kriegen, wie man sich zu bewegen hat. Man muss Hygienevorschriften bekommen. Man merkt auch, dass so ein Film im Kopf mitläuft. Und wenn die Leute dann bei der Theater-Premiere im Schmidts Tivoli lachen, dann denkt man gleich: "Sind das jetzt Aerosole, die da jetzt in der Luft sind?" Und dann macht man sich aber auch locker und begreift, dass das alles schon sehr vernünftig organisiert ist. Das wird für uns alle jetzt so ein Herantasten an diese "neue Normalität" werden. Dass man danach vorm Theater zusammensteht und eben mehr Abstand hält, das ist ja durchaus möglich. Also ich empfand das als sehr angenehmes und sehr schönes Erlebnis bisher und freue mich auf die nächsten Möglichkeiten, das wieder zu tun.

Clubs bleiben ja weiterhin geschlossen. Ist das auch ein Bereich, der Ihnen die meisten Sorgen bereitet?

Brosda: Die Club- und Nachtkultur lebt davon, dass man eng beinander ist, dass man tanzt, dass die Musik laut ist, die Räume klein und eng. Das ist natürlich eine Kumulation genau der Risiken, die wir ausschließen müssen. Ja, das macht mir Sorge, weil es auch Bereiche sind, die sich bisher ohne staatliche Förderung zurechtgefunden haben. Wir legen gerade Förderprogramme auf, dass wir in den Sommermonaten Open-Air-Veranstaltungen für die Clubs ermöglichen. Das passiert auch, um diese Orte und die Marken, die mit den Orten verbunden sind, und das gemeinsame Erleben von Musik auch im gesellschaftlichen Bewusstsein zu halten. Das ist das, was mir am meisten Sorge macht - dass wir als Gesellschaft vergessen, welche Relevanz diese Orte in unserem Alltag haben, weil wir uns Ersatz dafür suchen. Es wichtig, dass wir das Bewusstsein für das, was momentan nicht geht, wachhalten.

Haben Sie einen Traum nach Corona?

Brosda: Ich habe den Traum, einfach irgendwann wieder unbeschwert aus dem Haus gehen zu können. Nicht mehr das Gefühl zu haben, auf andere Menschen mit der Schere im Kopf gucken zu müssen: "Bist du, wenn du mir nahe kommst, eine Gefahr?" Das ist, finde ich, schon eine fundamental veränderte Herangehensweise, die wir mit unseren Mitmenschen haben. Und ich merke schon, dass ich mich darüber aufregen kann, wenn Menschen es nicht begreifen, dass es Mund-Nasen-Schutz aus einem bestimmten Grund heißt und nicht, weil die Nase überm Schutz hängen soll. Das sind völlig neue Emotionen, die man da entdecken kann. Die Zeit, in der man diese Emotionen nicht mehr braucht, wird eine schöne werden, glaube ich.

Sie haben sich heute passend zum Beethoven-Jahr den dritten Satz aus der 5. Sinfonie mit Musica Aeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis gewünscht.

Brosda: Beethoven muss in diesem Jahr sein. Ohne ihn kann ich nicht eine Liste zusammenstellen, wenn ich Kultursenator einer deutschen Großstadt sein möchte. Teodor Currentzis ist jemand, der es schafft, einen Saal mitzunehmen. Ich habe ihn einmal mit seinem SWR-Orchester in der Elbphilharmonie erlebt. Das ist jemand, der sein Orchester auf das vordere Stuhldrittel bringt und der zurecht einen Saal zu begeisterten Standing Ovations mitreißen kann. Man spürt, da ist jemand, der mit jeder Faser seines Körpers das lebt, was er gerade tut. Das sind die großartigsten Momente, die man in der Kultur erleben kann.

Der Senator für Kultur und Medien in Hamburg Carsten Brosda mit Moderatorin Katja Weise. © NDR/ Mischa Kreiskott Foto: Mischa Kreiskott

Carsten Brosda will Kunstszene unterstützen

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Der Kultursenator der Freien und Hansestadt Hamburg Dr. Carsten Brosda möchte sich in Corona-Zeiten um in Not geratene Künstler*innen kümmern.

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Ende August erscheint Ihr drittes Buch mit dem Titel "Ausnahme / Zustand". Was war für Sie der Impuls, wieder zu schreiben? Was haben Sie für sich durch Corona wie durch ein Brennglas besonders gesehen?

Brosda: Zum einen hilft mir Schreiben dabei, Situationen besser zu verstehen. Es hilft, Zusammenhänge und Bezüge für einen selber besser erkennbar zu machen. Und das brauche ich, um mich besser orientieren zu können. Was mich umgetrieben hat, war, dass das zum einen ein außergewöhnlicher Eingriff in viele Dinge gewesen ist, die man für nicht möglich gehalten hätte. Hätte man mir noch drei Wochen vor dem 13. März gesagt, dass ich der Kultursenator in Hamburg sein werde, der seine Unterschrift unter ein Dokument setzt, mit dem er die Theatersäle, Konzerthäuser und die Kulturorte der Stadt schließt, hätte ich das von mir gewiesen und gesagt, dass das undenkbar ist und in einer demokratischen und offenen Gesellschaft auch gar nicht sein darf und nicht gedacht werden darf. Ich habe damals gesagt, dass sich das so falsch anfühlt und doch so richtig ist. Und mit diesen unterschiedlichen Emotionalitäten musste ich klarkommen.

Dann war ganz schnell davon die Rede, dass so ein tiefer Einschnitt wie diese Pandemie und ihre gesellschaftliche Erfahrung auch dazu führen würde, dass wir ganz viele grundsätzliche Debatten führen müssen. Nach wenigen Wochen hat man dann aber gemerkt, dass man wieder zurückrutscht in so ein Management des Üblichen, obwohl diese Debatten alle noch da sind und auch schon vorher als Themen da waren: die Verletzlichkeit des eigenen Seins, die Frage nach der gesellschaftlichen Solidarität und die Feststelleung, dass wir nur miteinander unsere Dinge organisieren können. Es sind viele Fragen, die wir vorher schon hatten und die jetzt durch die Krise mit dem Brennglas nochmal auf uns zugekommen sind und von denen ich nicht wollte, dass die uns wieder durchrutschen. Diese Themen festzuhalten war mir wichtig.

Die Erschütterung darüber, wie viel und wie schnell beim leisesten Windstoß ins Wanken geraten kann, ist ja schon eine, die bleiben wird. Und, ich glaube, die greift auch viel tiefer, als wir uns das momentan bewusst machen.

Ein weiterer Musikwunsch von Ihnen war der 1. Satz aus der Sonate ES-Dur Nr. 27 von Ludwig van Beethoven, gespielt von Igor Levit - wahrscheinlich wegen des Künstlers Igor Levit?

Brosda: Wie Igor Levit das gemacht hat in den letzten Monaten ist etwas, von dem wir alle miteinander viel lernen können. Diese ungebrochene Kreativität, diese Leidenschaft, Musik trotzdem an ihr Publikum zu bringen, und dieses gleichzeitig sehr agile Präsentsein in den Debatten über die Kultur und ihre Notwendigkeiten dieser Zeit, sind ein sehr positives Beispiel dafür, wie Kunst sich eben nicht klein und hilfsbedürftig macht, sondern sich stark und relevant machen kann. Ich hoffe, dass das in den kommenden Monaten ein Aspekt sein wird, den alle miteinander nach vorne rücken werden. Ich schätze ihn sehr dafür.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 29.07.2020 | 13:00 Uhr

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