Stand: 16.09.2020 10:11 Uhr

Kultur vor der Haustür im Kreis Segeberg

von Anina Pommerenke

Vergangenen Freitag sind die SE-Kulturtage gestartet, die bereits im siebten Jahr den Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein mit Kulturveranstaltungen bereichern. Und auch in diesem Jahr sollten sie trotz Corona unbedingt stattfinden. Denn gerade im ländlichen Raum könne sich die Kultur nur schwer von den schwierigen letzten Monaten erholen, finden die Organisatorinnen vom Verein für Jugend und Kulturarbeit im Kreis Segeberg. Sie sei aber genau dort besonders wichtig.

Jule und Stephan Buchloh schauen der Trommelgruppe Umoja zu, die vor ihrem Haus spielt. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Jule und Stephan Buchloh freuen sich über den Besuch der Trommelgruppe.

Sechs Frauen in bunten Kaftan-artigen Hemden stehen auf der Straße vor dem Haus von Familie Buchloh. Zwischen die Beine haben sie Djembés geklemmt - einfellige Bechertrommeln aus Westafrika. Stephan und Jule Buchloh halten sich im Arm und genießen das Konzert. Für die beiden ist es die erste Kulturveranstaltung seit über einem halben Jahr. "Null! Gar nichts, noch nicht mal Kino war ja möglich", berichtet Jule Buchloh.

Das Ehepaar ist es gewohnt, für Kulturveranstaltungen die umliegenden Städte anzusteuern: Jetzt konnte es sich Kultur vor die Haustür bestellen. Denn Bimöhlen mit seinen gut 1000 Einwohnern ist in diesem Jahr im Rahmen der SE-Kulturtage zum Kulturdorf gekürt worden.

Dorfleben durch Corona eingeschränkt

Örtliche Ferienwohnungen und Bauernhöfe werden zum Schauplatz von Theateraufführungen, Konzerten und Lesungen: "Das hat einen hohen Stellenwert, ich glaube, dass sowas langfristig immer gut für eine Dorfgemeinschaft ist. Wir sehen uns ja regelmäßig, zum Osterfeuer, dann macht die Feuerwehr was, das lag jetzt die letzten Monate brach", meint Jule Buchloh. Die Veranstaltungen der Kulturtage findet sie großartig: "Wir haben uns echt gefreut!"

"Wir haben für hunderte von Euro Konzertkarten an unserer Pinnwand hängen, die um ein Jahr verschoben werden - wir wissen nicht, ob wir an dem Tag Zeit haben werden", erzählt ihr Mann Stephan. "Wir sind jetzt nicht jede Woche unterwegs - aber wenn man so vier, fünf Konzerte im Jahr besuchen will und nicht weiß, ob das alles stattfindet, und zwar auf unabsehbare Zeit, ist sowas hier noch mal wertvoller und toller", fügt er hinzu.

Für jede einzelne Veranstaltung Hygienekonzepte

Die Djembé-Gruppe Umoja spielt in einem Garten in Bimöhlen. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Die Trommlerinnen gehen von Haus zu Haus.

Gute 20 Minuten trommeln die sechs Frauen der Kombo "Umoja", bevor sie weiterziehen. Organisiert hat diese und 65 weitere Veranstaltungen im gesamten Kreis ein dreiköpfiges Team um Edda Runge. Sie fährt die Musikerinnen von Haus zu Haus, verteilt Wasser, Snacks und sorgt im Hintergrund für einen reibungslosen Ablauf. Tag und Nacht hat das Team in den vergangenen Wochen gearbeitet: "Über das normale Maß hinaus, würde ich sagen - aber das beflügelt, das bringt einfach Freude!", schwärmt die Organisatorin.

Für jede einzelne Veranstaltung mussten unter Zeitdruck Corona-konforme Konzepte entwickelt werden. Auch wenn das gerade für kleinere Veranstalter teilweise kaum leistbar ist, wollte sich das Team der SE-Kulturtage davon nicht aufhalten lassen. So entstand auch die Idee für den musikalischen Hausbesuch - der hätte selbst im Falle eines Lockdowns stattfinden können. Das Angebot ist kostenlos - die Künstlerinnen und Künstler erhalten aber ein Honorar, das aus Bundesmitteln finanziert wird.

Kultur in den ländlichen Raum bringen

Eine Gruppe von Menschen schaut der Trommelgruppe auf dem Nachbargrundstück zu. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Auch die Nachbarn freuen sich über die Musik.

"Wir wollen die Kultur sowohl für die Besuchenden als auch für die Schaffenden in den Fokus zu stellen, dass wir durch eine Pandemie hindurch versuchen, Kultur zu einem wichtigen Faktor werden zu lassen", erklärt Runge. Es sei ihr unheimlich wichtig, Kultur in den ländlichen Raum zu bringen, "um auch dort kulturelle Akzente zu setzen und die Einwohner an die Kultur heranzuführen."

Und wie gut das funktioniert, zeigt gleich der nächste Konzertstop - in einem Garten wenige Straßen weiter. Neugierig kommen nach und nach auch die ersten Nachbarn und schauen über den Gartenzaun. "Sehr schön, endlich mal wieder was los hier in der Straße", ist zu hören. "In der Corona-Zeit findet ja gar nichts statt  - und jetzt hier vor der Haustür - perfekter gehts nicht!" Die Nachbarn sind begeistert.

Die SE-Kulturtage gehen noch bis zum 27.09. - in Bimöhlen und im gesamten Kreis Segeberg finden noch viele weitere Veranstaltungen statt. Infos dazu gibt es auch auf der Homepage der SE-Kulturtage.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.09.2020 | 07:40 Uhr