Eine Geige liegt auf einem roten Stuhl © picture alliance / ZB Foto: Jens Büttner

"Dass wir nicht wahrgenommen werden, ist ein Skandal"

Stand: 15.02.2021 17:55 Uhr

Am Dienstag fand ein digitaler Corona-Gipfel statt, bei dem über die aktuelle Lage der Wirtschaft beraten wurde. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Landesverbands Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern, Corinna Hesse.

Frau Hesse, der Monitoringbericht zur Kultur- und Kreativwirtschaft 2020 weist für das Prä-Corona-Jahr 2019 mit mehr als einer Viertelmillion Unternehmen einen Gesamtumsatz von 174,1 Milliarden Euro aus, eine Bruttowertschöpfung von 106 Milliarden Euro und eine Gesamtbeschäftigung von rund 1,8 Millionen Personen. Wird die Kreativwirtschaft im Wirtschaftskonzert entsprechend berücksichtigt?

Corinna Hesse: Leider immer noch nicht. Weil die Kreativwirtschaft eine sehr kleinteilige Wirtschaft ist. 1,8 Millionen Personen sind dort tätig - der erwähnte Umsatz verteilt sich also auf sehr viele Akteure. Das führt dazu, dass wir leider noch nicht so sehr auf dem Zettel der Politik sind, vor allem was die Wirtschaftszahlen betrifft. Viele denken immer noch, dass das brotlose Künstler sind, die keinen Umsatz machen - aber das stimmt nicht. Eigentlich müsste die Bundesregierung besser informiert sein, denn sie selbst hat 2007 diesen Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft eingeführt. Das heißt, dass sich der wirtschaftliche Aspekt von Kultur längst bestätigt hat.

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Wird die Kreativwirtschaft bei dem Gipfel präsent sein?

Hesse: Nein, wir sind nicht eingeladen worden. Wir haben intern noch mal darüber gesprochen, woran das liegen mag. Bundeswirtschaftsminister Altmaier nimmt die Kreativwirtschaft wahr, aber als "Sahnehäubchen der Wirtschaft" - so hat er es beim letzten Treffen gesagt. Das zeigt, dass wir nur als Schmuck der Wirtschaft wahrgenommen werden, aber nicht als ernsthafte Akteure. Und das ist sehr, sehr schade.

Oder liegt es daran, dass Sie sogar ein eigenes Ministerium haben, nämlich das für Kultur und Medien. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mit dem Programm "Neustart Kultur" bereits Milliarden in die Kultur- und Kreativwirtschaft gepumpt. Reicht das nicht?

Hesse: Das Problem ist, dass die Ressorts teilweise gegeneinander arbeiten und dadurch immer nur einige wenige etwas abbekommen und andere völlig leer ausgehen. Vom Kulturministerium wird die Kultur auch nicht so sehr in der wirtschaftlichen Tätigkeit gesehen. Staatliche Orchester zum Beispiel werden in der Corona-Krise komplett durchfinanziert. Alle Musiker, die dort spielen, bekommen ihr Gehalt ganz normal weiter, obwohl sie nicht auftreten können. Während die freiberuflichen Musiker sehen müssen, wo sie bleiben. Die mittelbar Betroffenen werden von der Politik überhaupt nicht gesehen - etwa Journalisten und Journalistinnen, die normalerweise über Kultur berichten. Wenn keine Konzerte, Lesungen oder Theateraufführungen stattfinden, können sie auch nicht darüber berichten. Menschen, die darauf spezialisiert sind, können nicht arbeiten, weil ihnen der Stoff, über den sie berichten, verloren geht. Diese mittelbare Betroffenheit wird von der Politik nur ganz wenig gesehen.

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Die Politik tendiert dazu, sich einzelne Branchen herauszunehmen und die zu fördern. Meistens sind es die, die bezahlte Lobbyisten haben. Und da sind wir in der Kultur leider sehr schlecht aufgestellt, weil unsere Netzwerke überwiegend ehrenamtlich arbeiten. Was die Lobby-Schlagkraft betrifft, sind wir lange nicht vergleichbar mit der Automobil-, der Finanz- oder der Energiebranche. Wir sind gleichauf mit dem Maschinenbau, was die Umsatzzahlen betrifft, und liegen noch vor den Finanzdienstleistern oder den Energieversorgern. Dass wir also nicht wahrgenommen werden, ist eigentlich ein Skandal.

Gibt es auch Corona-Gewinner in der Kreativbranche? Ich denke zum Beispiel an die Video- und Audio-Streamingdienste, an Computerspiele oder Hörbuchverlage.

Hesse: Leider ist der ganze Online-Bereich noch nicht so gut aufgestellt, um die Produzenten an den hohen Erlösen ausreichend zu beteiligen. Wenn man sich Streaming-Portale, Online-Portale oder Podcasts anschaut, ist es oftmals so, dass die Produzenten, die Autoren, die Filmemacher, diejenigen, die Livestream-Konzerte anbieten, immer noch nicht ausreichend dafür vergütet werden. Man müsste also von der Politik aus Richtlinien erlassen, die garantieren, dass alle, die dort effektiv etwas leisten, ausreichend vergütet werden müssen. Da sind noch nicht die richtigen Leitplanken gestellt worden.

Was würden Sie sich von dem morgigen Gipfel wünschen?

Hesse: Ein Grundeinkommen für alle Menschen, die unmittelbar durch die Krise nicht mehr überleben können. Es gibt Menschen, die während der gesamten Krise gar nichts mehr verdienen und die immer noch nicht von den Soforthilfen erfasst werden. Wenn man ein Grundeinkommen für alle Menschen während der Krise erlassen würde und diejenigen, die sehr gut verdienen, nachträglich besteuern würde, dann hätten wir alle, die unter dieser Krise leiden, erfasst. Anstatt dass der, der am lautesten schreit, etwas bekommt, und die anderen leer ausgehen. So kann man keine effektive Krisenpolitik regeln.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.02.2021 | 18:00 Uhr